Ein scharfsinniger Poet des Alltags

Wertheim. Mit dem Auftritt des Westberliner Liedermachers Manfred Maurenbrecher erlebten die Besucher bei Convenartis einen herausragenden Abend. Darüber waren sich die Gäste am Freitag im Gewölbekeller des Kunstvereins nach der Vorstellung einig.

Ein kauziger Typ ist er, mit komischer Weste, Hornbrille und langhaariger Halbglatze, mit knorriger, roher Stimme, die bereits im Bühnenprogramm als "gewöhnungsbedürftig" eingestuft wird. Am Solopiano pendelt er zwischen urigem Blues und Popballade, stilistisch unverschnörkelt, aber immer für eine Überraschung gut, auffallend emotional. Bei fast schon brutalen Improvisationen wird er zum stampfenden, schwitzenden Derwisch, der sich unter sichtbarer Anstrengung von den Tasten losreißen muss, um ein Lied zu beenden.

Seine Musik allein ist in ihrer gebündelten Kraftfülle schon hörenswert. Erst in Kombination mit seinen Texten aber entfaltet sie ihre faszinierende Wirkung, die Maurenbrecher zu dem magnetischen Performer macht, der er ist. Als Poet des Alltags und scharfsinniger Beobachter entlarvt er anhand eigentlich banaler Geschichtchen die Absurdität der Welt und die selbstzerstörerischen Denkfehler ihrer Durchschnittsbürger.

Meist eher melancholisch als anklagend, aufrichtig und voller Wortwitz, zürnt er gegen Ellbogengesellschaft und das Kind als zu perfektionierendes Produkt, gegen den ethischen Konstruktionsfehler der "Bad Banks", gegen Öko-Bigotterie und arrogante Alpha-Männchen in allradgetriebenen Geländelimousinen ("Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will!"). Weit links muss man seine Botschaft einordnen, aber auch weitab jedes Dogmas - nicht ohne die Selbstkritik des Alters wünscht er sich den Glockenschlag des heiligen Sonntags zurück, "der den Freidenker verstört". Wer dieser Freidenker vor über 30 Jahren war, als er zum ersten Mal die Bühne betrat, wird dabei sehr deutlich, fast so, als vermisse er die Reibung, die ihn einst in Hassliebe mit einer traditionell-konservativ strukturierten Gesellschaft, die sich langsam auflöst, verband.

Einen Kabarettisten kann man Maurenbrecher trotz Humors und Vielfalt seines Repertoires nicht nennen. Die Hälfte seines Programms machen heillos romantische Lieder aus, bei denen er mit seiner direkten Sprache und mit passioniertem Klavierspiel unwahrscheinlich plastische, wehmütige Bilder vor dem inneren Auge seines Publikums malt. Nicht umsonst gibt der bekennende "melancholische Optimist" seinen Programmen Titel wie "Glück" oder "Hoffnung für alle", die überraschenderweise gar nicht ironisch gemeint sind. In seinen Erzählungen hat auch das Unheil immer einen schwer begreifbaren Sinn, siegt die Liebe stets auf ihre eigene Art. So wie Maurenbrecher das transportiert, ist man gewillt, es ihm zumindest einen Abend lang zu glauben.

In so viele, so komplizierte Ebenen stößt der Mann im Lauf seines Auftritts vor, heiter und bitterernst zugleich. Trotzdem schafft er es, seine Zuhörer durchgehend anzusprechen. Ein Glücksfall für jeden, der die Chance hat, eine Darbietung dieses Ausnahmekünstlers live zu erleben.

Fränkische Nachrichten 26. Oktober 2009 / Alexander Gutmann




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