Manfred Maurenbrecher ist unter dem Sternenkreis des Stiers geboren, im ersten Jahr der deutschen Republiken nach dem großen Krieg. Halb Stier, halb Mensch, ein Centaurus. Da muss man wohl mit dem Kopf durch die Wand. Doch es gibt so viele Wände und nur einen Kopf. Und in diesem ist mittlerweile so viel an mauernbrechendem Gefühl, dass es nur so herausschreit. Oder herausflüstert, säuselt, lispelt.
Es ist eine wahre Freude, diesem Kerl zuzuhören (und zuzusehen). Wenn er sich hinter irgendeinen Flügel setzt, sich das Mikrofon vor die Zähne holt, die wirren Haare versucht aus dem Gesicht zu streichen und beginnt, seine Geschichten zu erzählen, das hat einen Zauber jenseits jeder Mode und Gefälligkeit. Konstantin Wecker hat einmal über Manfred Maurenbrecher geschrieben: „Man muss sich an seine Stimme gewöhnen und dann möchte man sie nicht mehr missen. Da ist nichts Aufgesetztes, Beifallheischendes, das sind einfach ehrliche Lieder eines Sängers, der sich von niemandem verbiegen ließ. Also etwas, das es kaum mehr gibt. Unprätentiös und versponnen, musikalisch von bewundernswerter Schlichtheit, die ihm hierzulande keiner nachmacht.“
Auch wenn man Maurenbrecher unbedingt live erleben sollte, macht es doch Vergnügen, seine Musik auf einer CD zu hören. Immer wieder hat er, mal allein, mal in kleinen oder größeren Besetzungen, auf Tonträger gebannt, was ihm im Kopf – und in den klavierbesessenen Händen – juckte. Er zog sein „Mittwochsfazit“, besang das „Ende der Nacht“ oder verstreute „Gegengift“, war erfüllt vom „Pflichtgefühl gegen Unbekannt“ oder sang sich in „Weiße Glut“ - alles CDs der letzten zehn Jahre.
Und schon wieder gibt es Neues: „Glück“. Maurenbrecher erzählt darauf Geschichten. Eine heißt „Hemd auf, Brust raus“. Er nimmt uns mit in eine Filiale der Agentur für Arbeit in einer ostdeutschen „Mittelstadt“. Ein Sachbearbeiter sitzt dem Herrn „Rosenow aus Parchim, Ingenieur, alleinstehend, 53 Jahre alt, und jetzt knapp zwei Jahre arbeitslos“, gegenüber. Dieser fiktive Dialog zeigt die Misere von Hartz IV – besser kann man es nicht beschreiben: „Hemd auf, Brust raus, Hose runter“!
Auch beim letzten Stück der CD ist Maurenbrecher allein mit seinem Flügel. Er hat sich den „Auberginen-Mann“ hergenommen. Der hat „ein Haus in der Pampa, zehn km nördlich vom nördlichen Berliner Ring, und wenn die Autobahn leer ist, dauert es 30 Minuten zurück“, zu seiner alten Wohnung in Charlottenburg. Der erklärt jetzt „ganz Bärenklau die Welt“ von seinem Westberliner Horizont aus gesehen. Köstlich, wie er diesen „Weltmann aus der Großstadt“ auf die Schippe nimmt, die endlich seinen Sarg schaufeln sollte.
Nicht nur Sprechgesang. Auch kräftige Lieder, Songs, Balladen. „Erst brennen dann löschen“.ist so eins, in dem er auf die „Glücksräder“ schaut, auf die „ein Mensch gespannt“ ist. Oder er, der unermüdliche Liederarbeiter, singt über die „Arbeit“. Wunderbar: „Ich halt die Nase in die Luft / spür den süßen Grillfestduft / schon das ist Arbeit“.
Maurenbrecher kann auch richtig schöne Liebeslieder singen. Mal fröhlich-derb, in die Geschichte seines Lebens eintauchend („Dumm fickt gut“), mal sein jetziges spätes kleines Glück genießend („Nah und wichtig“). Da stört kein S-Fehler, da stört nicht, dass manche Töne so tief gesungen werden, dass er sie kaum noch packt. Da stört überhaupt nichts mehr an der Hingabe zu diesem Centaurus.
Für den Dichter Jakob Hein ist Maurenbrecher „der berühmteste Künstler der Welt“. Ist das übertrieben? Keineswegs. Es wird sehr schön begründet: „Zu vermuten ist, dass es mindestens zwei Manfred Maurenbrechers gibt, die ähnlich dem berühmten Igelpaar aus dem Märchen dem abgehetzt ankommenden Zeitgeist hinter ihrem Klavier ein fröhliches 'Ich bin allhier!' entgegenschmettern.“ Maurenbrecher führt uns in eine „andere Welt“. Vielleicht sogar in unsere eigene, sollten wir sie noch nicht erkannt haben. Danke für dieses Wegleuchten!
ND, Hanno Harnisch, 13.10.2007
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