Der Mann da auf der Bühne im Nellie Nashorn in Lörrach versucht erst gar nicht schön zu sein und auch nicht schön zu singen oder Klavier zu spielen. „Ein Lied entstanden beim Singen“, brüllt Manfred Maurenbrecher mit seiner rauchigen Stimme ins Mikrofon, stampft rhythmisch mit dem Fuß und lässt die Tasten des Pianos springen. Sein Lied handelt davon, dass man im Leben zuviel grübelt und zuwenig auf sich zukommen lässt. Doch bei Maurenbrecher ist alles anders; denn er lässt scheinbar seine Lieder beim Singen entstehen. Denkt nicht nach darüber, wie er wirken könnte auf die Besucher, sondern lässt seinen Emotionen freien Lauf. Und man merkt: Der Mann fühlt, was er tut.
„Ende der Nacht“ heißt das Programm des Berliner Kleinkunstpreis- und Kabarettpreisträgers. Doch das, was er mal singt und mal erzählt, ist tiefste und dunkelste Nacht. Eine musikalische Weltreise beginnt er leise, fast flüsternd in Bogota, während das Klavier plätschernd begleitet. Er berichtet von den Zähesten, die loszogen und sich von nichts anhalten ließen. Gespannt lauscht man und taucht ein in die Geschichte, sieht sie vor sich, die Wanderer, um gleich darauf jäh aufgerüttelt zu werden.
„Kakerlaken durchfressen die Welt!“ brüllt Manfred Maurenbrecher. Das Publikum lacht oder lächelt, doch eigentlich ist‘s gar nicht witzig. Martialisch ist sein Kakerlaken-Lied, irgendwie beängstigend. Maurenbrecher durchbricht Mauern, die der Regeln, die der Gesellschaft, der guten Erziehung, der harmonischen Musiklehre und auch jene der tristen Temperamentlosigkeit. Er ist ein Revoluzzer, ein Künstler, ein Vollblutmusiker und wirft Fragen auf: nach dem Sinn, der Doppeldeutigkeit, nach Wahrheit und Überzeichnung. Und wo ist denn das Ende der Nacht?
Antworten gibt er keine, stattdessen kommen Traurigkeit und Nachdenklichkeit hinzu. Zart ist seine Stimme und sanft sein Spiel bei „Liebe kann man lernen“. Bilder im Wechsel zwischen subtil verpackter Brutalität und menschlicher Wärme lässt er im Geiste erstehen und immer wieder das Fazit: Liebe kann man lernen.
In dieselbe Kerbe schlägt das, was er über den „alten Mann mit dem alten Fahrrad“ singt. Anrührend die Bilder, die er dabei musikalisch zeichnet und mit der Feststellung versieht, dass doch eigentlich jeder sein eigenes altes Fahrrad sucht, den treuen Begleiter an seiner Seite. „Die Hoffnung hört nicht auf“, intoniert er weiter, und da ist er dann plötzlich, der Silberstreifen am Horizont, der das Ende der Nacht verkündet. Begeisterter Applaus und drei Zugaben für einen fesselnden Abend.
Badische Zeitung, 22.2.2005
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