Die Poesie des Beiläufigen
Giesekings Literaturlounge mit Fritz Eckenga und Manfred Maurenbrecher

KASSEL. Ein E-Piano spielte bei Bernd Giesekings neuester "Literaturlounge" in der voll besetzten Galerie Caricatura im Kulturbahnhof eine bedeutsame Rolle. Nein, nicht eigentlich das Piano, sondern der Mann, der es zum Entzücken der Zuschauer so gnadenlos traktierte, dass um das Überleben des Klangkörpers zu fürchten stand.
Der Berliner Liederhauer Manfred Maurenbrecher machte, Tasten hauend, singend, erzählend, den Abend in der Galerie für Komische Kunst zum Ereignis. Jedes seiner dem Alltag und den vernachlässigten Dingen abgelauschten Lieder begibt sich auf einen tollkühnen emotionalen trudelkurs zwischen knarzigem Trotz und melancholischer Zärtlichkeit.
Wie er, schüchterner Dackelblick hinter dicken Brillengläsern, mit verhaltener Stimme Fluch und Segen der uckermärkischen Einsamkeit in die Atmosphäre zeichnete und dem alten Mann mit seinem Fahrrad ein musikalisches Denkmal setzte: Das löste im Hörer jenen seltenen Zwischenzustand von Lachdrang und Rührung aus, der nur als Effekt gelungener Tragikomik zu haben ist. Wie schön, dass Gieseking diesen wunderbaren Poeten des Beiläufigen als Gast für seine Lounge gewonnen hat.
Fritz Eckenga, der zweite Gast, erwies sich in Lyrik und Prosa gleichermaßen als brillanter Rollengestalter. Sein "Politbarometer", angesiedelt in seiner Heimatstadt Dortmund, war Satire vom Feinsten, ebenso wie "Die Suche nach der nicht preisreduzierten Socke".
Jenes Gran Übertreibung, das den grellen Scheinwerfer auf die Absurdität des Realen wirft - punktgenau getroffen, geschickt ausgebaut, überzeugend erspielt. Maurenbrecher und Eckenga waren ein starkes Duo, mit dem der Gastgeber nicht ganz gleichziehen konnte. Seine Glosse über die Waage und ihre deprimierenden Wahrheiten war zwar ein Kabinettstück selbstironischer Vermessung, über die Reportage vom Kiez hätte allerdings noch einmal der Redigierstift gemusst. Angesichts seines Gastgeber-Charmes sei ihm das verziehen.

Hessische Allgemeine, 14.9.2004 / Verena Joos




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