Behäbig und polternd hat die Stasi Liedermacher weggesperrt. In der BRD braucht es keine staatlichen Befehle. Das haben die „großen“ Medien längst leichtfüßig verinnerlicht: „So einem: keine PR! Keine TV-Sendung! Lasst ihn ruhig auf dem Bauch durch die Republik robben, jedem Konzertabend seine 150 Leute - wir schweigen ihn tot!“ Wenn ein unbeherrschbares Talent wie Manfred Maurenbrecher ein Werk vorlegt, geschieht das geräuschlos. Aber welche Songs werden so verschwiegen?! Der Song „Liebe kann man lernen“ ist gleich zweimal auf der CD. Und bringt ein Gerührtsein, das nicht in Rührung zerfließt: „Moni war Vernunftkind, die Eltern 68er, die ihr mit fünfeinhalb schon sagten, dass sie sexy ist...“ Mit wenigen Strichen folgt die Vita vom Wunderkind zum Starlet. Am Ende betreut sie aufopfernd als Nonne nur noch die Asylcontainer am Rhein-Main-Flughafen. Erinnerung an Nechljudow? Der Vergleich mit Tolstoi hält! Auch hier wird meisterhaft eine Hommage an christliche Menschlichkeit erzählt - nur halt von einem Antireligiösen.
In seinem Pressezettel steht: „Einfache Lösungen wird man bei Maurenbrecher nicht finden.“ Stimmt. Und dennoch fand man ihn oft bei Montagsdemos, bei Mahnwachen gegen den Irak-Krieg und gelegentlich auch im PDS-Wahlkampf. Aber er macht es nie süffig. Wenn er uns beispielsweise diplomierte Marktwirtschaftsextremisten brutaler malt als 18jährige Skins und Stiefelhinterherläufer mit Hauptschulabschluss. Kürzlich haben Roland Berger und Günter Grass mit einer Erklärung für Hartz IV gezeigt, wie Träger nobler Preise zu Mätressen am Hof der Sozialräuber verkommen. Maurenbrecher ist ein Kontrastprogramm, auch zu linker Political Correctness.
Maurenbrecher nimmt die geschichtlichen Widersprüche als Geschichten, hält Wertungen zurück, um bloß den Gemälden keinen Zettel in den Mund zu legen, und baut so am generellen Widerspruch zu den herrschenden Einstellungen in dieser Welt voller großer und kleiner Kriege. Der Song „Hochbegabtentrakt“ notiert die Normalität in einem neoliberalen KZ des globalen Dorfs; Eliteaufzucht von Drittweltkindern. Kampfhubschrauber und Autobomben liefern eine post-Orwellsche Sicht auf eine Zukunft, gegen die der Künstler Maurenbrecher Genossen sucht. Auch mit den grandiosen und schlanken Arrangements seiner Mitmusiker.
Der Hit „Gracias a la vida“ der chilenischen Liedermacherin Violetta Parra, die sich Anfang der 60er - fünf Wochen nach der Komposition - erschoss, wurde von Maurenbrecher ohne marktschreierischen Zynismus übertragen mit „So gut tut das Leben“. Mit liebevoll leisem Spott folgt dann der Urlaubsbericht vom Ostseebad „Binz auf Rügen“, wo ungeschminkter Bestand aufgenommen wird: Dies Land ist längst nicht ein Land. Von Weihnachtsbaumverkäufern und Polenmarktbesuchern handeln Songs. Aber wer Parteipolitik kennt, empfindet mit Maurenbrechers Menschenbildern, wie unpolitisch dagegen Politik geworden ist, weil sie den ganzen Menschen ausspart. Wenn menschliche Natur mit archaischen Symbolen aus klassenlosen Zeitaltern auf die heutigen Klassenverhältnisse trifft.
Nach postmoderner Egomanie wird der Mensch endlich wieder als gesellschaftliches Ensemble eingeführt. Und zwar mit zärtlich dosierender Homöopathie statt mit der Chirurgenzange oder mit ätzender Säure. Und so kann man Liebe lernen. Und Maurenbrecher auch.
Neues Deutschland, 26.10.2004, Diether Dehm
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