Kitzeliges für Hirn und Zwerchfell

Frau Merkel erhebt sich ein letztes Mal aus ihrem Vorsitz im Clubsessel und fragt – etwas müde, aber immer noch "zäh und strebsam" mit feuchten Mundwinkeln und konsequent durchgehaltenem Zungenschlag: "Haben Sie etwas vermisst? "Formel 1" ruft jemand. "Liebe" fordert eine Rothaarige aus der ersten Reihe. "Bahncard!" tönt es von hinten. Als einer "Schill!" ruft, ist die Freude groß. "Bitte geben Sie den ersten Satz vor", unterweist Frau Merkel das Publikum für die finale Improvisation: "Schill hat was an der Lippe", weiß ein Findiger. Darauf reimt der selige Stoltenberg alias Hannes Heesch "Kartoffeln mit Stippe" und der nicht minder bejubelte Manfred Maurenbrecher am Klavierein trauriges "(S)Chill out" in der Bar.

Nicht, dass auch Christoph Jungmann, Horst Evers und Bov Bjerg nicht schon zweieinhalb Stunden lang ihr Bestes gegeben hätten. Je schlimmer es steht um diese unsere Berliner Republik, umso virtuoser steigert sich das furiose Quintett in seine Parodien, absurden Essays, satirischen Geschichten und politisch-poetischen Gesänge. So intelligent albern und lyrisch hochwertig, dass man sich in die guten alten Kabarettzeiten der 60er und 70er Jahre irgendwo zwischen Wolfgang Neuss, Ingo Insterburg und Leuten wie Schobert & Black zurückversetzt glaubt.

Was die Berliner hier bieten, hat Atem und Spannweite. Kein hysterisches Geflatter um Pointen, sondern eine von der restlos ausverkauften Hansastraße dankbar aufgenommene Ruhe, die auf den Boden der Tatsachen kommt, um Hirn und Zwerchfell ziemlich zu kitzeln. Dass die komplexen Texte teilweise abgelesen werden, spricht für sich. "Was ist eine Flusche?" fragt ein Zuhörer, als Horst Evers die Warteschlangen am Kiosk moniert: Immer länger, weil Jugendliche den richtigen Aufdruck auf der Zigarettenschachtel suchen. Die Flusche kriegt dann "nur noch Gefäßkrankheiten". "Ist das ein Heimatdialekt? Können Sie den Wortstamm bilden?" fragt Moderatorin Merkel (Christoph Jungmann) überraschend und wie so oft müssen die Darsteller sich selbst das Lachen verkneifen. "Ein Flusche ist eine Mischung aus Flasche und Lusche. Ein Loser, ein IndenEimerkacker. Oder seit neuestem: ein Superstarbewerber", kontert Evers. Agenda 2010? "Durchziehen", befiehlt der Kanzler (Hannes Heesch), "und wenn das nicht geht, dann lass ich das eben." Unvorbereiteter Angriffskrieg? "Ist mir auch egal", grummelt Heesch als lustloser Verteidigungsminister und mimt Peter Struck bis ins rothäutige, wasseräugige Detail. Von der Gesundheitsreform ("Die meinen langsam auch mich") bis zum täglichen Aufstehen ("Ich muss mir da nix mehr beweisen. Berlin scheint diesen Punkt auch erreicht zu haben") brilliert Horst Evers trotz hohen Fiebers. Besondere Qualität zeigt sich in den Liedern, die mit Unschuldsmiene U-Kitsch mit E-Subtexten vermischen. "Ich kenne nichts, was so schön ist wie du", singt das Ensemble mit Xavier Naidoo über die romantische Antikriegsstimmung der Deutschen.

Doch der König dieser prächtigen Prinzen ist Politbarde Maurenbrecher: Auf Johnny Cashs I walk the line besingt er ein CDU-Mitglied, das "auf die schiefe Bahn" geriet: "Ich leg' ne line", legt er mit rauem Timbre Michel Friedmann in den Mund. Der mahnende Sprechgesang des Altmeisters ist (immer noch) von solch zärtlichem Ungestüm, von solche wütender Traurigkeit, dass es ganz still wird, wenn er mit leisem Anschlag die Tasten streichelt. Der tosende Applaus danach ist verdient. Unbedingt wiederkommen!

Kieler Nachrichten - 12.01.2004 / Almut Behl




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