St. Johann(rr). Erst klärt Manfred Maurenbrecher die Fronten und zählt auf, was er alles nicht macht, nämlich kein Kabarett: "Ich will mich nicht über das, was gerade in der Tagesschau lief, amüsieren. Das liegt mir nicht." Nee, und Schauspieler ist er auch keiner, und die ganzen Zettelchen und Papierchen, damit er sein Programm nicht vermasselt, die mag er eigentlich auch nicht. Aber Liedermachen, Geschichten erzählen, das will er und kann er.
Da steht er am Klavier im Domizil Leidinger, schlottriger Anzug, struppig mit merkwürdig zusammengekniffenen Augen hinter der Brille und erklärt den nur spärlich Erschienenen, dass er irgendwann auf seine alten Tage nur noch ein großes Ding singen will, so wie's kommt, ohne Auswendiglernen.
Kratzig wie Stahlwolle
Bloß keine einzelnen Texte mehr. Aber was er an diesem Abend vorträgt mit röhrend-rauchiger Stimme, kratzig wie Stahlwolle, verbissener Vehemenz im Körper, die Tasten fast wütend traktierend, das sind Lieder, denen man eine volle Bar gewünscht hätte - alkoholdampfgeschwängert und rauchschwadendurchsetzt. Randy Newmans "Sail away" wird in seinem "Segelt fort" zu einer bitteren Schau auf Amerika, dem Land der Freien, Gleichen und Reichen, in das Typen mit Rattenfängermentalität Menschen locken, um sie auszusaugen und wegzuspucken. Neu, abgebrochene Sätze, runtergeschluckte Gefühle in "Das verlernt man nicht". Und immer die Suche nach dem bisschen "Anerkennung", sehr rockig, Text skuril bis sarkastisch. Eigentlich sieht er aus wie der Typ, den man vielleicht in der Straßenbahn trifft, der Maurenbrecher, oder auf einer Parkbank. Er erzählt einem was, leicht mürrisch blickend zwar, irgendwie müde und ruhelos zugleich. Aber was er da redet, ist interessant und "merkwürdig" in eben diesem Sinn. Ja, beunruhigend auch. Man hört einfach zu. Maurenbrecher erzählt am Klavier, er, mit dem Klavier verwurzelt, in das er Emotionen hämmert, als dürfe er das an diesem Abend zum letzten Mal. Seine Lieder, egal ob bluesig, rockig oder balladesk, dümpeln nie in gefühlsseliger Heimeligkeit. Eher zuckt man mal und zwinkert bei den Texten des 1950 geborenen Berliners.
Seit 1973 im Musikgeschäft, mit Preisen ausgezeichnet und seit 1996 mit Horst Evers und Bov Bjerg zusammen beim "Mittwochsfazit" hat er sich offenbar nie der gnadenlosen Profitschiene des Metiers gebeugt und verspritzt deshalb heute noch, in die Tasten hauend, "Gegengift" gegen Kuschelweichheit und Trägheit.
Saarbrücker Zeitung, 26.11.2003