Das schnafte Schaulese- und Singetrio
Das Mittwochsfazit erklärt uns die Welt

Mittwochs wird Fazit gezogen. Wovon und weswegen auch immer. Manfred Maurenbrecher, Horst Evers und Bov Bjerg bieten eine Mischung aus Literaturveranstaltung und Kabarett. Ihre Auftritte sind überfüllt und umjubelt.
Bjerg und Evers waren 1990 Mitbegründer des Wortvarietés Dr. Seltsams Frühschoppen. 1996 haben sie den "3. Offenen Theodor W. Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb" der Satirezeitschrift Titanic gewonnen und im gleichen Jahr zusammen mit dem Liedermacher Maurenbrecher das inzwischen fast schon als legendär zu bezeichnende Mittwochsfazit auf die Bühne gerufen.
Bov Bjerg ist schon früh aufgefallen. Im zarten Alter von zehn Jahren wurde er 1975 mit einer "lobenden Erwähnung beim Lego-Wettbewerb der Kreissparkasse Göppingen“ geehrt. Seitdem macht er sich aufs Vielfältigste verdient. So übernimmt er auch die Verantwortung fürs Internet.
Außerdem schreibt er wunderbar feingeistige Texte über das Leben an sich, was erschreckend komisch ist, selbst wenn sie "ohne Pointe“ auskommen, "ohne Trost und ohne Hoffnung auf Erlösung“. Er erinnert uns an die vergessenen Details des Lebens. Zum Beispiel an die Radkappen, in denen man bei manchen Indern das Essen serviert bekommt. Oder an den Zettel auf der Toilette in den Potsdamer Platz Arkaden: "Bitte besuchen Sie auch unsere Toilette im Untergeschoss." In seinen Geschichten denken BVG-Kontrolleure über den Tod nach, arbeitet Gott als Hausmeister irgendwo hinter Neuendettelsau und werden halbe Brathähnchen aus der Gefangenschaft am Drehspieß befreit und zurück ins Leben geführt. Bov weiß, "man muss die Menschen da abholen, wo sie stehen", und denkt darüber nach, ob er Busfahrer werden sollte.

Soweit denkt Horst nicht, nur darüber, wie er ohne Bus ein Busunternehmen betreiben könnte. Ach, das Leben ist schon hart, vor allem wenn man sich an Dingen wie Aufstehen, Anziehen und Atmen abrackern muss. Boah, das schlaucht vielleicht. Jungejunge.
Horst ist das schlaffe Alter Ego von Horst Evers, der gerade sein zweites Buch veröffentlicht hat: Die Welt ist nicht immer Freitag enthält wunderbare Lustigkeiten. Ein Highlight ist die Krankenhausgeschichte, in der Horst der Appendix war und schon an den lustigen Medizinerwitzen fast verzweifelt ist. Wo er doch so'n richtigen Lehrbuchappendix hatte. Was leider dann doch nicht so schlimm ist, den "kratzt zur Not auch noch der Pförtner mit dem Löffel raus". Na, dann kann ja nichts mehr passieren. Denkt man.
Super ist auch Das große Spiel um den "großen Was macht Horst mit seinem Tag-Pokal!", live aus dem ausverkauften Kleinhirnstadion von Everskopp. Es spielen der "1. FC Horst, jetzt reiß dich aber mal zusammen" gegen den seit Jahren ungeschlagenen "VFL Boarh, bin ich kaputt“. Man kann sich vorstellen, dass es da wirklich zur Sache geht. Horstens Universum ist ein Netz an Arbeitsvermeidungsstrategien, in das immer wieder unerwartet Meteoriten einbrechen. Das kann schon das Klingeln des Telefons sein, ein Baumarktangestellter, manchmal auch die BVG oder - im ungünstigsten Fall - eine Frau.
Die Geschichten von Horst Evers leben aber auch von der Art, wie er sie vortragt, namlich mit norddeutscher Gelassenheit. Deshalb lohnt es sich unbedingt, ihm live zuzuhören. Das kann man jetzt auch zu Hause machen. Denn eine Auswahl der im Buch abgedruckten Texte wurden aufgenommen und unter dem Titel Horst Evers erklärt die Welt auf einer CD veröffentlicht.

Apropos CD. Von Maurenbrecher gibt's so einige, vor kurzem ist gerade eine neue erschienen, sie heißt Gegengift und wirkt sofort. Man hört ihn dort, wie er auch auf der Bühne zu erleben ist: nur er und der Flügel. Und das reicht auch völlig, denn die Wucht mit der er spielt, und seine markant-rauhe Stimme füllen jede Halle mit Wohlklang. Auch wenn man live manchmal fürchten muss, daß das Klavier Maurenbrechers Bearbeitung nicht überleben könnte, beherrscht er die zarten, leisen Töne genauso wie die schwungvollen, mitreißenden Register. Er singt nicht bloß Lieder, er erzählt auch Geschichten, mal lustig, mal ein wenig wehmütig. Seine Sprache fasziniert durch ihre poetische Klarheit, sich diesem Sog zu entziehen, ist nicht leicht.
Da gibt es dieses wirklich große Lied Ich bin dir egal. Der Titel meint das genaue Gegenteil: "der Vollmond, wenn's ihn je gab, war mir zu fahl, / und du - wenn ich dich je bemerkt hab - ich war dir egal.“ Das verwirrt zwar zuerst, aber zeigt auch gleich, dass Maurenbrechers Texte nicht bloß die Musik bebildern, sondern eine Instanz für sich sind. Es gibt von ihm außerdem einen schöne Geschichte, in dem er von einem Spiel erzahlt, dass sein Sohn Max und er manchmal praktizieren, wenn sie im Bus durch die Stadt fahren: Gegenteil reden: "'Guck mal, die nette alte Dame da!’ flüstere ich Max ins Ohr und zeige auf eine Rentnerin die ihre beiden Einkaufstüten entschlossen umklammert und uns mit zugebissenem Mund beobachtet. ‚Du meinst das junge Mädchen? Das mit den Kußlippen?'".
Das hat Maurenbrecher mal beim Mittwochsfazit erzahlt, nachzuhören ist es auf einer CD, auf der neben Einzelnummern der drei auch vier gemeinsam gesungene Lieder zu hören sind, sowie ihre Endlosserie Im Kühlschrank, bei der diverse Lebensmittel agieren. Aber das ist live noch lustiger. Auf jeden Fall zeigen Bov Bjerg, Horst Evers und Manfred Maurenbrecher damit, dass sie mehr können als gute Texte schreiben, sie sind großartige Performer.

ätzettera, 4/02, Thilo Bock

 




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