Die Abstrakta der Wissenschaft und die Metaphern der Kunst helfen unterschiedlich,
gedankliche Abweichungen von der Wirklichkeit zu verringern. Wahrheitssuche
bringt nie völlig deckungsgleich die wirkliche, außerhirnliche Wiese
vor Aug und Ohr, stets nur Näherung an die Materie, Verringerung
der Abweichung. Und damit ich mich beim Sehen selber kritisch sehe und das,
was ich für Wahrheit halte, relativiere, kann Kunst zum Gift selber werden,
aus Fetisch und Idylle extrahiert und durch spezielle Behandlung und Verdünnung
zum Umkehreffekt gebracht, zur Vernunft. So homöopathisch arbeitet Manfred
Maurenbrecher.
»Sie ist berühmt« ist ein Titel auf seinem neuesten Album.
Hier leuchtet er den TV-Soap-Kult bis ins intime Detail aus: »...du musst
jetzt nicht denken, die geht jetzt nach oben hin ab wie ne Rakete, während
ich nach unten hin eingeh wie ne Primel und die Welt dazwischen
ist die Oberfläche ... berühmt ist heut nichts mehr so Dolles,
ne Art Ferienreise ...« Das Lied ernüchtert wie ein Wechselbad.
Mit dem Titel »Und das wird ein Film und das ist ein Land« puzzelt
der Künstler aus den New Yorker Twin Towers Fetzen derart gezielt ineinander,
dass der Zuhörer in den Schlund dieses Albtraums gezogen wird. Sanft holt
er uns jenen Ekel zurück, der uns im staatlich verordneten Entsetzen nach
dem 11. September längst vergangen war. Andere Albträume, wie »Gib
nicht gleich auf«, sind auch homöopathisiertes Gift, mit dem er liebevoll
sarkastisch auf kontaminierte Gehörwege einwirkt. Und immer wieder Figuren,
deren galante Posen in einer alltagssprachlichen Verdünnung zur Peinlichkeit
gelangen: »Das verlernt man nicht ... in diesen 40 Jahren, oder wie lange
das her ist mit unserem Abi, hab ich mir so oft vorgestellt, irgendwann
würde ich dich gerne mal so erschrocken und enttäuscht sehn ... als
dein dämlicher Bruder ... ach, der ist, ja, das tut mir leid, wie? oh,
an Krebs ist der schon ... oh, Mann, ey ... wie die Zeit vergeht ...«
Aufgenommen am historischen »Busch-Flügel« ist Maurenbrechers
Musik immer textbegleitend, melodiös und ohne jegliches, pseudoavantgardistisches
Gekreisch. Aber: kaum macht sich im Publikum ein besonders sattes Wohlbefinden
breit, zerlegt er es schon in dessen Ingredienzien, ernüchtert wieder,
die Immunkräfte der Vernunft gegen Klischees anregend. Diese Methode wendet
er auch auf die Gesellschaft an. Leider ist der Song »Gysi ist busy«
zu spät entstanden für die CD. Er singt es aber bei den Konzerten
zur CD- Release. Schon richtet sich der Zuschauerraum wohlig ein auf den prototypischen
PDS-SEDler, der Gysis Wendungen nicht mehr folgen will. Das Lied scheint fertig,
das Bild gemacht, man nickt nur noch gefällig über diesen Altkader.
Das Klischee zerbricht in Sekundenschnelle und schon wird der vermeintliche
SED-Rentner zum frischen Gesicht und zur Warnung vor allzu schnellem
Vorurteil. Übrigens: Manfred Mauerbrecher singt am Dienstag, 19. Februar,
um 20.30Uhr, in der PDS-Haus-Kneipe »Neuss Deutschland« den »Gysi«
und andere Uraufführungslieder.
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»Gegengift«, Manfred Maurenbrecher, LAMU-Records 2002
Neues Deutschland, 31.01.02
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