Tiefgründig und unkonventionell von großer Anmut
Singer-Songwriter Manfred Maurenbrecher verbreitete mit seinem Programm Gegengift
im Pumpwerk besonderen Zauber
Kleinkunst wird nur allzu gerne in die Schublade Kleine Kunst verstaut.
Ein Beispiel dafür, dass sich hinter dieser Gattungsbezeichnung auch die
ganz große Kunst verbergen kann, hat der Singer-Songwriter Manfred Maurenbrecher
im Kulturzentrum Pumpwerk einmal mehr unter Beweis gestellt. Sein neues Programm
Gegengift sei eigentlich nur das, was er die ganze Zeit schon mache,
so der Sänger aus Berlin, nur verlangten die Konzertveranstalter, dass er
dafür alle paar Jahre eine neue Überschrift erfinde. Tatsächlich
ist noch alles, wie es war: Unkonventionell, tiefgründig, auf den ersten
Blick sehr einfach gestrickt und doch von einer unglaublichen Schönheit und
Anmut. Einer Anmut, die in einem ganz eigenen, für Ersthörer ungewöhnlichen
und vielleicht auch nicht gleich reizvollen Kleid daherkommt.
Maurenbrecher zu lieben, heißt die eigenen Schwächen zu lieben. Seine
Lieder sind - seit seinen ersten Auftritten in den 1970ern - von einer zunächst
fast gleichmütigen Art, ihnen geht alle Sensation und alles vordergründig
Aufpolierte ab. Der Mann stellt sich in einem geschmacklosen Sakko auf die Bühne,
mit einer zotteligen Fransenfrisur und hämmert in wenig anmutiger Art auf
das Klavier ein, um mit lispeliger und bisweilen etwas heißerer Stimme dazu
zu singen. Was sollte man so einem schon abgewinnen. Und trotzdem sind seine Zuhörer
in absoluter Spannung gebannt, lauschen jedem seiner Worte, quittieren den ein
oder anderen Gedankenblitz mit einem Lächeln, einem Lachen gar.
Manfred Maurenbrecher macht keine Musik für die breite Masse, er ist nicht
in Industrienormen gepresst - und macht sich vielleicht deshalb bei seinem Publikum
umso mehr unvergesslich. Er ist ein letztes verbliebenes Original, fast ein Relikt
aus alten Tagen, ein Urgestein, ein Fels in der Brandung des gleichmacherischen
Showbiz.
So singt er sich durch nur scheinbare Alltäglichkeiten, lässt Enya ihre
drei hypnotischen Töne über den Polenmarkt krakeelen, stellt beschwören
fest, Meine Nachbarin hat süße Füße - aber eben
auch eine wortwörtliche Leiche im Wohnzimmer, statt im Keller -, und relaxed
schließlich in der Uckermark, wo er es ganz lapidar bringen kann: Ich
bin kein Mensch für eine Nacht - mir reichen schon zwei Stunden!
Eine der besten Nummern des so unkonventionellen Barden, der irgendwo auf der
Mitte zwischen Degenhard und Dylan liegt: Nur in Binz auf Rügen.
Wenn die glücklichen Menschen auf der alten Ost-Urlaubsinsel, die heute auch
nur noch von Wessis bevölkert wird, zusammentreffen mit dem Elend, das allüberall
in der Republik darum herrscht, mit Blut, Terror und Opernstars, die in der Gosse
landen, dann kann es schon mal sein, dass der morgendlich joggende Kurdirektor
am Strand zwei Menschenkörper findet, die - wie Strandgut angeschwemmt -
das idyllische Bild etwas trüben.
Überhaupt ist die Suche nach den Orten im Leben, wo es schön ist, eines
seiner Hauptthemen an diesem Abend. Dabei ist er ein steter Reisender, der gar
nicht ankommen will.
Lieber spielt er gemeinsam mit dem inzwischen 13-jährigen Sohn Gegenteil
reden. Das nimmt man dem stämmigen Liedermacher ohne Probleme ab, dass
er sich in die U-Bahn setzt und es genießt, als alleinerziehender
Arbeitsloser durch die Stadt zu fahren und alten Omas das Leben schwer zu
machen.
All das erzählt er, obwohl er es Programm zu nennen genötigt
wurde, in einem ganz lockeren, ganz vertraulichen Ton, kleidet es in seine unprätentiösen
Worte, die so sehr an Herz und Nieren gehen, dass das Publikum erschaudert. Es
ist wahrhaftige Schönheit, die er da - ganz schmucklos eigentlich -präsentiert.
Diese Ursprünglichkeit nimmt ein, sie konzentriert die Sinne auf das Thema
und macht eine ganze Welt daraus.
Darin liegt die Zauberkraft des Manfred Maurenbrecher, dass er Geschichten erzählt,
die man nicht einfach durchnicken kann, die Leib und Seele erfordern - und sie
auch einnehmen, so, als hätte keiner der Zuhörer bislang etwas anderes
gewollt. Dann starrt ein jeder auf den Mann, der sich da hinter den Tasten aufführt,
wie das Tier bei den Muppets, der zur Melodie stampft und sein altes,
zerrissenes Hemd ebenso inbrünstig besingt, wie die Devise, die er
fast mitleidslos einhämmert: Gib nicht gleich auf. Und gleich
danach verwandelt er sich in einen sanftmütigen Betrachter, der mit warmen
Blicken sich selbst und seinem Sohn zusieht, wie er diesen als kleinen Forscher
im ewigen Eis lossohickt, um Abenteuer zu erleben.
Das Geheimnis Manfred Maurenbrechers ist: Er entdeckt uns, dass man diese Abenteuer,
die kleinen Wunder der Welt, allezeit erleben kann - auch beim Brötchenholen
für den Vater.
Alles, was er will, ist seine Geschichten zu erzählen. Er will nicht unterhalten.
Dafür ist seine Musik nicht glatt genug. Er will nicht trösten, dafür
fehlt seinen Worten, so schön sie sein mögen, der nötige Ernst.
Was er vor allem nicht will ist, da mag er es noch so lange besingen, Anerkennung
. Dafür gibt er sich dem Zeitgeist viel zu wenig hin.
Maurenbrecher ist und bleibt ein unangepasster Poet, ein Reisender durch die Wirren
unserer Zeit, ein Aufwecker und Wachrüttler, ein Retter zwischen all den
Fallenstellern.
Zweieinhalb Stunden lang hat er seinen Zauber verbreitet, hat gerettet, was zu
retten war, hat - in der für ihn so bewundernswert natürlichen Art traurig
verschmitzt geplaudert, nur um dann, ganz bescheiden und ganz still, von der Bühne
abzutreten und seine Gäste wieder ihrem eigenen Schicksal zu überlassen
und die Hoffnung hört nicht auf!
Schwetzinger Zeitung - 06.11.2002, Matthias H. Werner
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