Tauchgänge in den Alltag
Maurenbrecher im Laboratorium
 
Dass er eines Tages dahin kommen wolle, mit keinem festgefügten Programm mehr aufzutreten, sagt Manfred Maurenbrecher, über einen altgedient verschrammten Flügel im Laboratorium gebeugt. Nur noch hier ein Vers, dort ein Refrain, ab und zu eine kleine Geschichte, kurzum: eine große Masse an Erlebtem, auf Zettel geschrieben und dem Publikum vorgelegt. Nichts, aber auch gar nichts davon solle auswendig gelernt sein. Sagt"s und hebt an zu seinem "Lied beim Singen entstanden": "Nie ein Zögern vor dem nächsten Moment, keine Angst vorm Misslingen, wie ein Springer, der die Höhe nicht kennt, so entsteht ein Lied beim Singen. Man sagt, nichts auf der Welt sei so frei und heiß, nichts könne tiefer eindringen als ein Gesang, der sein Ende noch nicht weiß und entsteht beim Singen."
Und wieder ist Manfred Maurenbrecher einer, der ein Spiel der Fantasie mit sich und dem Publikum anfängt, der wortwitzig mit der Wirklichkeit experimentiert, um sie neu zusammenzusetzen zu Liedern, Texten und Fragmenten, die er eben nicht gerade erst erfunden hat. Ob die Reise auf den Flügeln des Pegasus hinauf in die lichten Lüfte der Poesie geht? Lauter Tauchgänge sind"s, die er unternimmt, mit einem arg verschrammten Flügel und einer herb raspelnden Stimme, hinunter ins Paradoxe, Groteske, Tragische, Komische und Wunderbare des Alltags.
Wer sich darauf einlässt, der spürt eine traumhafte Leichtigkeit und kommt aus dem Staunen über diesen Spieler auf der Bühne nicht mehr heraus. Vor gut zwanzig Jahren, als die deutschsprachige Rockmusik zum ersten Mal blühte, da schleuste ihn ein gewisser Herwig Mitteregger in den Kreis der damals Etablierten ein. Es folgten Songtexte für Spliff, Ulla Meinecke, Herman van Veen und andere, Rundfunkfeatures und die Rolle als bebrilltes Fassbinder-Double, das zu gut für den Erfolg bei den Massen ist. Und heute?
Heute ist Manfred Maurenbrecher mit 52 Jahren immer noch kein Popstar und sieht auch nicht so aus: Tritt in den Klubs statt in den Hallen auf, breitet dort lauter Perlen aus, die nur für den so richtig funkeln, der sich auf sie einlässt. Widmet Berlin sein Heimatlied "Sex auf Baustellen", singt mit "Kleine Forscher" ein Lied, das durch die Augen seines Sohnes blickt, mit "Geiles Teil" eines, in dem ein alter Ehegatte Bilanz abgekühlter Leidenschaften zieht, blickt überhaupt durch tausend Augen, wirbelt zwei Stunden lang mit seiner Vorstellungskraft und spielt ein Spiel weiter, das von seinem Ende noch nichts wissen will.
Fabelhaft.

Stuttgarter Zeitung vom 7.10.2002, Ulrich Bauer




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