Erster der geladenen Preisträger gastierte mit dem Programm ,,Fahrten durch das, was ich erlebt habe"
FORCHHEIM - Es ist ein ganz großer künstlerischer Wurf, der Hubert
Forscht, dem neunstallierten Kulturbeauftragten des Jungen Theaters, zur Eröffnung
der Reihe "Preisträger im Jungen Theater" gelungen ist. Man wäre
vielleicht versucht, die Veranstaltung mit dem Berliner Sänger und Songwriter
Manfred Maurenbrecher als kulturellen Paukenschlag zu bezeichnen, wenn sich
das bei einem Träger des Deutschen Kleinkunstpreises nicht von selbst verböte.
Andererseits: So ruhig ist der Mann hinter dem Klavier über weite Strecken
des Programms gar nicht, der zu seinen Liedern den Takt mit den Füßen
auf den Boden stampft, der die Tasten bearbeitet, dass die Rückwand des
Klaviers vibriert, der den Kopf herumwirft, dass die langen glatten Haare nur
so fliegen und der Schweiß in Strömen an der schwarzen Intellektuellenbrille
vorbei am Gesicht herunterläuft.
"Fahrten durch das, was ich erlebt habe", kündigt Maurenbrecher
an und zu diesen "Fahrten" lässt er seine Stimme röhren,
rau und ungeschminkt das Klavier übertönen, das unter seinen Händen
manchmal zum wummernden, gewaltig Töne mahlenden Inferno wird - manche
Fahrten durch das Leben unternimmt man im 30-Tonner.
Die Texte dieses Mannes sind von teilweise Schwindel erregender sprachlicher
Kraft. Man könnte auch sagen: von großer Schönheit. Die Welt
ist in jedem Wassertropfen, in jedem Ich und seiner Umgebung ist sie beschlossen,
es gilt nur, sie darzustellen. Das ist das Metier der Dichter und Sänger,
die das, was jeder sieht - besser: sehen könnte - transzendieren und damit
Raum erobern für den ganzen Rest, der sich um die Barden versammelt und
ihnen lauscht. Maurenbrecher kann erzählen, was er will, unprätentiöse
Schnipsel, alltägliche Geschichten, und doch ist es so, dass die Art, wie
er erzählt, die Art, wie seine Sprache mit seiner Musik eine Symbiose eingeht,
die Zuhörer in ein fremdes Land entführt.
20 Jahre im Geschäft
Über 20 Jahre ist der Berliner schon im Geschäft und damals, ganz
am Anfang, ist er auch schon mal in Forchheim aufgetreten. "In einem Bierkeller,
draußen" habe er damals gespielt, erinnert er sich. Damals hat er
Hubert Forscht kennen gelernt und ihn dann so lange nicht mehr gesehen, bis
Forscht ihn am Rande des Nürnberger Bardentreffens angesprochen habe. So
ist er also wieder in Forchheim und singt zum Beispiel über ein Klassentreffen
mit leisem Humor, mit großer Zartheit, Stimmung Moll. Als "Rap ohne
den unterliegenden Rhythmus" bezeichnet er seine Art des Singens und das
trifft es bisweilen ganz gut, dann, wenn der Sänger in den Sprechgesang
verfällt und die "weite Fläche Zeit" kreuz und quer durchpflügt.
Es ist die Melancholie des Menschlichen, die Maurenbrecher in Zeilen von halsbrecherischer
Schönheit genießt, Zeilen, die mit Macht Bilder erzeugen, parallel
laufende Filme im eigenen Hirn, das beim Zuhören zugleich durch die eigene
Vergangenheit rast und die Figuren Maurenbrechers mit Spiegelbildern ausstattet,
die Gesichter von Personen tragen, die das eigene Leben bevölkerten. Den
Kollegen Degenhardt schätzt Maurenbrecher, weil der "ein toller Erzähler"
sei, den Kollegen Dylan, weil der "alles, was er erlebt, auch auf die Bühne
bringt".
Es hat den Anschein, als träfen beide, den Kollegen bescheinigten Qualitäten
auch auf Maurenbrecher zu. Wobei dieser auch ganz andere Register ziehen kann.
"Unterwegs", das Lied zum Einstieg, ist von Ellipsen geprägt.
Die Sätze ertönen und erschaffen die Bilder in den Köpfen der
Zuhörer. Vom Sänger werden die Bilder allerdings gar genau ausgearbeitet,
sie werden vielmehr angetippt, wischen vorbei. Es ist eine Zugfahrt, die so
ihre sprachliche Umsetzung gefunden hat und die zur Metapher für eine Beziehung
wird.
Oh Gott, "Beziehung", was für ein armseliges Wort. Die Erbärmlichkeit,
die manches selbst Gesprochene auf Grund sprachlicher Armut eher Erbrochenem
ähnein lässt, nie wird sie einem so bewusst, als wenn man einem wahren
Meister zuhört. Ist das ein Poet, der singt oder ein Lyriker, der seine
Werke vertont? In seinem Werk entlarvt Maurenbrecher diese Unterscheidung als
künstlich.
Eine andere Art zu sehen, eine andere Art zu erzählen, eine andere Art,
das alles in eine kommunizierbare künstlerische Form zu bringen, das alles
wurde einem im Jungen Theater am Wochenende exemplarisch vorgeführt. Auf
dieser Bühne standen ja schon viele gute Leute, doch nach einem Auftritt
von Maurenbrecher muss man doch zwei Sach er- und bekennen: dass die wahre Spitzengrappe
recht schmal ist und dass man Leute, die dazu gehören, aber auch sofort
erkennt. Außerdem entlarvte dieser Abend, was für ein Schmarrn es
doch ist, wenn Kleinkunst ab und an immer wieder mit "kleiner Kunst"
gleichgesetzt wird. Es war ganz große Kunst, die am Wochenende im Jungen
Theater zu sehen und vor allem zu hören war.
Alexander J. Wahl, Mai 2001
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