Literarisches Kabarett beim "Mittwochsfazit" im Nürnberger Burgtheater
Seit vier Jahren gibt's in Berlin das Wort
zum Sonntag immer schon am Mittwoch. Denn solange schon existiert
ein literarisch-musikalischer Stammtisch im Szene-Kabarett "Schlot",
der mittlerweile Kult-Charakter genießt. "Mittwochsfazit"
nennt sich das Autoren-Trio, das sich Woche für Woche auf
ein großes Stammpublikum verlassen kann. Eine Berliner
Institution, die den tränentreibenden Beweis dafür
liefert, dass es eine Alternative zu Poetry Slam auf der einen
und Comedy-Quark auf der anderen Seite gibt. Am Wochenende konnte
man die drei Vor-Leser und Nach-Denker an zwei Abenden im ausverkauften
Nürnberger Burgtheater kennen lernen.
Das Trio besteht aus den Autoren Bov Bjerg, Horst Evers und Manfred
Maurenbrecher, der am Klavier spielt. Das Ganze ist eine ziemlich
wilde Mischung aus Lesung, Kabarett und Konzert, eine Art Vorlesewettbewerb
für Fortgeschrittene. Was spontan und improvisiert sein
soll, wirkt allerdings am Anfang noch etwas unbeholfen und unausgegoren.
Vielleicht hängt das auch von der Tagesform ab. Im zweiten
Teil jedenfalls hat sich das Trio warm gespielt, und das Publikum
reagiert entsprechend begeistert.
Bov Bjerg gibt den tranigen Schwaben, Horst Evers ist ein glattrasierter,
aber scharfzüngiger Szene-Satiriker und Manfred Maurenbrecher
ein wunderbarer Liedermacher. Die Qualität der einzelnen
Beiträge schwankt dabei ziemlich stark, einzige Gemeinsamkeit
ist, dass sie das Leben als Realsatire zeigen und auf billige
Gags verzichten. "Mittwochsfazit" versprüht mitunter
allerdings auch den alternativen Charme der 80er Jahre.
Maurenbrecher, der mit seiner Band vor kurzem erst beim Bardentreffen
zu Gast war, spielt hier den Mann am Klavier. Seine ebenso skurrilen
wie poetischen Songs handeln von Kakerlaken, die die Welt erobern,
von alten Ehepaaren und verlorenen Träumen. Evers erzählt
von Flugangst und anderen Urlaubskatastrophen, Bjerg vom Frühstücksbuffet
und Beziehungsstress.
Komischer Höhepunkt des Abends ist die absurde Kühlschrank-Comedy,
in der das Trio Lebensmittel zum Leben erweckt und aus dem Nähkästchen
bzw. Tiefkühlfach plaudern lässt. Wer hat sich schon
einmal Gedanken darüber gemacht, wie sich ein halbes Hähnchen
oder eine Tüte Mehl im Gefrierschrank eines ganz normalen
Single-Haushalts fühlen?
Steffen Radlmaier, Nürnberger Zeitung, 18.9.2000
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