Auto volladen, dann Fahrt hinaus nach Lunow, wir kommen glatt raus ohne Stau,
durch Werneuchen, in Oderberg ein alter Mann mit grünen Handschuhen. Lunow
ist ein Dorf, direkt an der Oder gelegen, dahinter beginnt Polen. Wir sind zu
Besuch im Haus des Liedermachers Manfred Maurenbrecher und seiner Frau Kristjane.
Spaziergang, es gibt ein Museum, eine Leihbibliothek, an einer Hoftür ein
Schild: "Arbeitskreis Weißstorch, Kulturbund der DDR" samt Daten
der Ankunft, Zahl der Jungen und so weiter. In den überall stehenden hohen
Scheunen soll Tabak getrocknet worden sein. Der Sohn des großen Architekten
Henselmann soll eine denkmalgeschützte Mühle abgetragen und woanders
wieder aufgebaut haben, und niemand traute sich, etwas zu sagen. Über die
Oderkanalbrücke, am Weg Frösche im Schlamm, die nur an den Platschgeräuschen
auszumachen sind. Die Oder. Auf der anderen Seite Bellinchen, ist längst
polnisch und heißt Belinek. In der Ferne auf dem Damm eine Schafherde.
In der Bauernstraße eine Hochzeitsgesellschaft, mindestens drei der Gäste
filmen einander mit Videokameras. Die mit Blumen bepflanzten Traktorreifen,
eigenartige kulturelle Symbiose. Mit den Kindern zum Kirchhof, drei Engel auf
dem Tor, auf einem Grabstein steht: "Friedrich Mantey, Schiffseigner",
auf einem anderen "Bernd Biertümpel". Hinter dem Altar befindet
sich eine mumifizierte Hand. Der Sage nach hat jemand die Hand erhoben gegen
den Vater, daraufhin starb er, und seine Hand wuchs immer wieder aus dem Grab,
bis sie abgeschlagen und in der Kirche gelagert wurde. Die kleinen Mädchen
Lisa und Ella springen über die blumenbepflanzten und von Steinen eingefaßten
Gräber. Ella sagt: "Das ist meine Kiste, das ist deine Kiste, Lisa!"
Blitze am Horizont, ein Gewitter zieht auf.
Dann Fahrt mit Manfred in seinem neuen Kleinwagen nach Polen. Der Markt ist
auf einer alten Munitionsfabrik. Manfred weiß von einem Tunnel, durch
den die Kampfmittel zur Tarnung unter der Oder transportiert wurden. Die alte
Oder ist die richtige Oder. Der breite Fluß, den man als Oder bezeichnet,
ist in Wahrheit ein Kunstprodukt.
Sonst kontrollieren sie ihn immer, sagt Manfred. Doch diesmal kommen wir problemlos
durch die Kontrollen. Wir fahren auf den Markt, die Reste der Munitionsfabrik
wirken wie im Rohbau verbliebene Lagerhäuser. "Oder Centrum Berlin"
heißt das Gewerbegebiet. Auf dem Parkplatz ein Transporter aus Deutschland,
der laut Aufschrift sowohl Bautransporte als auch Bestattungen durchführt.
Markthallen und überdachte Gassen aus Ständen.
CDs, Schinken, Harken aus Plastik, Schaschlikspieße und Würstchen
auf Grillen. Spitzenunterwäsche, Nazidevotionalien neben einer CD, die
in Frakturbuchstaben "Gestapo" und "Heim dem Führer"
verspricht. Psychedelisch geformte Vasen, eigenartige Keramikfiguren, aus Reisig
gebastelte Hirsche, überdimensionierte Gartenzwerge, Jeansjacken und -hosen,
Handtücher mit dem Aufdruck "Germany" und halbmeterhohe "Pokémon"-Figuren
aus Plüsch. Porzellanteller, auf denen in Goldschrift zum sechzigsten,
siebzigsten oder achtzigsten Geburtstag Glück gewünscht wird. Riesige
Pantoffeln, die an die Wände gehängt werden sollen: "Für
Gäste".
Auf dem Rückweg nach Deutschland ist die Schlange angewachsen. "Dann
fahren wir einfach noch etwas rum", sagt Manfred, und es wird wie eine
Fahrt in die Vergangenheit: die teils verfallenen, teils schlecht erhaltenen
Backsteinhäuser, die Alleen wie kilometerlange Tunnel, die ganz autofreien
schmalen Straßen, die Seen ohne Menschen. Die Neumark sei das gewesen,
sagt Manfred.
Ein russischer Panzer an einer Kreuzung, ein sowjetisches Ehrenmal für
die Gefallenen, Schlacht bei Halbe, hier kamen die Russen über die Oder.
Zurück am Grenzübergang. Ja, es hat sich gelohnt, die Schlange ist
auf weniger als fünf Autos geschrumpft. Vorher noch tanken auf polnischer
Seite, erst denke ich: Ganz schön teuer, D-Mark hoch drei. Dann wird mir
klar, es heißt Kubikdezimeter.
Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Berlin.
FAZ, 22.8.2000
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