Neue deutsche Welle?
Hans-Eckardt Wenzel & Manfred Maurenbrecher

Als eine Art Zugabe bei der Jubiläumsveranstaltung "30 Jahre Festival des politischen Liedes" diskutierten auf Einladung von Folker! und der Jury der SWR-Liederbestenliste am 27. Februar im Club Voltaire in Berlin Manfred Maurenbrecher und Hans-Eckardt Wenzel über Sprache und Komposition sowie über die deutschsprachige Szene. Wenzel und Maurenbrecher haben vieles gemeinsam. Beide sind vielfach ausgezeichnete Liedermacher. Beide sind zugleich auf anderen künstlerischen Gebieten aktiv, sei es als Dichter oder als Prosaautor. Beide sind in einem von Sprache, Lyrik, Poesie und auch Theatralik geprägten Umfeld aufgewachsen. Der eine jedoch in Deutschland-West. Der andere in Deutschland-Ost. Nachfolgend wird die Unterhaltung der beiden Künst1er in einer überarbeiteten und gekürzten Fassung dokumentiert. In der ersten Gesprächsrunde ging es um Maurenbrechers und Wenzels aktuelle Produktionen - "Weiße Glut" und "Schöner lügen".

Manfred Maurenbrecher: Auf "Schöner lügen" waren viele Lieder drauf, die mir gut gefallen haben. Das ist so ein kleines Detail, was ich vielleicht als Einstieg ganz gut finde, nämlich die beiden Schlusslieder von unseren Platten, die sind auf eine Art sehr ähnlich, finde ich. Weil es sind beides Lieder, wo man irgendwo so für sich alleine ist, habe ich so den Eindruck, und sich selber was erzählt, so eine Art Zusammenfassung. Aber gleichzeitig fand ich das in der Aussage, die ja immer gerne in so Dingern gesucht wird, so unterschiedlich, dass es vielleicht ganz gut ist, damit anzufangen. Ich finde dieser, dieser letzte Satz von dem Lied "Zwischen Jena und Greiz" bei dieser nächtlichen Autofahrt -"Alles was noch geschieht/Wird schlimmer sein, als es war." - das ist unglaublich traurig, das an den Schluss zu stellen. Ich habe die Platte vor drei Wochen mal gehört und gestern Nacht nochmal. Und bei vielen Sachen war ich gut drauf und habe geschmunzelt und bin so hin und her mit meinen Gedanken gewandert, und bei diesem Schluss habe ich mich richtig ein bisschen erschrocken. Also ist das nur in dem Lied so oder ist das eine Summe für diese Platte, weil das ist ja ein sehr bitterer Satz für ein Ende?

Hans-Eckardt Wenzel: Es gibt ja diesen Witz, wo der Pessimist und der Optimist sich treffen, und der Pessimist sagt: "Schlimmer kann's nicht mehr kommen", und der Optimist sagt: "Doch, doch, doch!" Also irgendwo ist es natürlich auch ein Spiel damit. Zum anderen, ich bin von Natur aus eigentlich sehr pessimistisch als Mensch. Ich sehe um mich herum einen Verfall von Sitten, von Kultur. Und das, was ich schreibe oder versuche, ist immer so ein mühsames Ankämpfen dagegen, um das irgendwie klarzulegen, wo eigentlich dieser Verfall sitzt, mit dem wir zu tun haben. Und ich denke auch nach so einer etwas beschwingten Platte kann man ruhig mal mit so einem sehr kargen Satz enden. Das Lied habe ich gemacht in der Zeit, als der Kosovo-Krieg stattfand, und sich alle so eigenartig darauf einließen auf diesen Blödsinn...

Maurenbrecher: ...allerdings...

Wenzel: ...dass es zu einer normalen Politik der Welt wurde, jetzt wieder Krieg zu führen. Und das ist ja keine sehr schöne Aussicht. Da brauche ich ja nun nicht irgendwie einen sehr optimistischen Schluss anzusetzen.
Maurenbrecher: Naja, da sehe ich einen riesigen Unterschied im Inhalt unserer beiden Schlusslieder. Parallelen bestehen in derArt, wie sie gemacht sind, dass es so eine Art Selbstgespräche sind. Mein Schlusslied ist eins der optimistischsten Lieder, die ich bisher in der Lage war zu schreiben. Weil ich bin eigentlich auch eher ein Skeptiker, so jemand, der sich so zurückhält mit großen Gefühlen. Aber das Ding ist im Süden entstanden. Und da bin ich anders. Also da ist es so... große Seele drin, irgendwie.

Wenzel: Was ähnlich ist bei deiner und meiner Platte ist teilweise so ein Spiel mit stark ironischen Momenten in den Songtexten, was mich sehr berührt hat. Wo sich eine stark melancholische Musik auf einmal mit einer sehr witzigen Geschichte bricht. Entsteht bei dir da die Musik eigentlich zuerst?

Maurenbrecher: Also viele von den Stücken sind so entstanden, dass ich sie unter einem großen Druck geschrieben habe, weil ich so eine Veranstaltung mitmache, wo wir jeden Monat ein neues Programm vorstellen. Da bin ich eigentlich immer gezwungen, ein Lied zu schreiben, was dann neu ist, mindestens eins. Und es ist auch immer thematisch etwas vorgegeben. Und zum Beispiel die beiden Mütterlieder auf meiner CD sind entstanden, weil einfach eins dieser Programme hieß "Danke Mutter, so viel Zeit muss sein" . Also musste ich da irgendwas zu schreiben. Da sind natürlich erst mal die Worte allein durch die Überschrift irgendwie vorgegeben. Also schreibe ich mir ein paar Strophen auf, setze mich dann ans Klavier und versuche, daraus etwas zu entwickeln.

Wenzel: Das ist ja schon eine ganz komische Konstellation, eine Mutter zu besingen. Das ist so wie Heintjes Oma oder so. Da dachte ich, wo geht das hin. Aber das hast du gut abgefangen eigentlich ...

Maurenbrecher: ...wird nicht zu kitschig...

Wenzel: Nein, dadurch, dass du es mit viel Ironie brichst.

Michael Kleff: Hans-Eckardt, jetzt greif du doch einmal ein Lied von Manfred heraus, was du dir angehört hast.

Wenzel: Ich finde seinen "Radfahrer" auch sehr schön, der ist...

Kleff: "Das alte Fahrrad" war ja auch lange in der Top Ten der SWR-Liederbestenliste.

Wenzel: ...zwar sehr symbolisch, würde ich sagen, in seinem Punkt, aber er hat eine unglaubliche Kraft in der Beschreibung des Vorgangs.

Maurenbrecher: Ich habe das nicht so symbolisch gemeint. Das war irgendwie wieder so ein Notding. Also, wir treffen uns immer zum Proben bei mir, weil ich ein Klavier habe. Und wenn ich sage, diesen Monat ist nichts, ist mir nichts eingefallen, dann treffen wir uns nicht, weil die Texte zum Vorlesen müssen wir nicht proben. Und dieses Mal hatte ich nichts. Ich wusste, die kommen in einer Stunde, die stehen extra früher auf. Das ist so blöd. Und dann, ja . . . dann hatte ich auf einmal eine Melodie: dä, dä, dä di da - so aus Verzweiflung eigentlich erst mal. Und dann kam das. Zwar habe ich gedacht, das ist eine saublöde Idee, über einen alten Mann auf einem Fahrrad, der ein Fahrrad schiebt, was zu schreiben, aber ich habe nur noch vierzig Minuten, wenn denn, dann mach es. Veränder die Melodie nicht, reime durch, was dir auch immer einfällt. Und das war's.

Wenzel: Brauchst du so einen Druck zum Arbeiten?

Maurenbrecher: Ja. Ja. Ich fürchte ja. Ich möchte es immer nicht, aber irgendwie... Wie ist es denn bei dir? Wahrscheinlich ähnlich?

Wenzel: Ja, ich versuche das auch immer zu umgehen. Manche Songs liegen bei mir fünf, sechs Jahre und ich benutze die nicht. Ich habe das Gefühl, es ist noch nicht ihre Zeit gekommen. Manche will ich auch unbedingt schnell fertig machen. So ähnlich war das bei der "Schöner Lügen"-CD. Ich hatte sozusagen im September oder so... nee, noch etwas eher... im Frühjahr einen Pressetext gemacht für die Konzerte, da habe ich einfach die Tour "Schöner Lügen" genannt. Und da rückte dann der Termin mit der CD immer näher und ich brauchte natürlich auch ein Lied, was so heißt. Und dann habe ich das geschrieben.

Maurenbrecher: Das finde ich eins der schönsten auf der CD.

Kleff: Aber ansonsten ist es doch eigentlich wieder eher ein aktuelles Album mit Sachen dabei, die doch sehr auf bestimmte aktuelle Entwicklungen bezogen sind.

Wenzel: Ja... schon. Ich muss immer auch einen Grund haben, ein Lied zu schreiben. Meistens ist es ein Ärgernis oder irgendetwas, was ich nicht verstehe. Und dann versuche ich mir das irgendwie klar zu machen, indem ich das in ein Lied bringe. Oder Zeilen, die ich mir irgendwo aufschreibe auf Zettelchen, und denke, da steckt irgendwas drin, das könnte ein Lied werden. Und dann sucht man und verändert man, schreibt um... und so ist das meistens.

Kleff: Wie ist das mit den beiden Liedern "Klassentreffen" und "Wer soll die Erdbeeren essen"? Die sind so unterschiedlich in Inhalt und Form. Wo ist da der Zusammenhang?

Wenzel: Der Zusammenhang, der bin ich. Weil ich sie geschrieben habe und weil ich sie singe, und weil das sozusagen sehr verschiedene Seiten von mir sind. Das war auch das Problem bei der Platte, da nachher eine stimmige Reihenfolge zu finden, weil die Lieder unglaublich bösartig gegeneinander sind. Es geht, glaube ich, bei so einer Art von Musik auch um eine gewisse Art von Behutsamkeit im Umgang mit Realität und mit Phänomenen. Diese Behutsamkeit kann man mit seinem Zorn heraus schreien und man kann sie auch sehr still behaupten.

Kleff: Kannst du das mit der Behutsamkeit ein bisschen erläutern?

Wenzel: Dass man sozusagen Dinge, die man schätzt, sozusagen nicht angrapscht. Auch geistig. Sondern dass man versucht, sie erstmal zu sehen und zu berühren. Den Augenblick oder den Moment als etwas Bedeutsames zu begreifen. Behutsamkeit ist so ein Begriff aus der Ästhetik. Es gab mal so einen Philosophen in der DDR, Lothar Kühne, der über Gegenstand und Raum gearbeitet hat und meinte, dass eine kommunistische Form des Umgangs mit den Dingen des Alltags Behutsamkeit wäre. Und das fand ich einen sehr schönen Gedanken.

Maurenbrecher: Ich versuche, es mir mal konkret zu machen. Also zum Beispiel die Biographien bei dem Klassentreffen, wie du die einzelnen Leute schilderst, ist das behutsam?

Wenzel: Nein, nein. Das ist eine bösartige Karikatur eigentlich.

Maurenbrecher: Fand ich eigentlich nicht. Ein bisschen überzeichnet, aber ich fand's nämlich eigentlich auch, zum Teil jedenfalls, liebevoll.

Wenzel: Das Liebevolle ist, dass man irgendwo eine gemeinsame Geschichte hat, die irgendwie auseinander gegangen ist.

Maurenbrecher: Und dann ist da auch dieser leider nur dreimal vorkommende Part des Refrains. Das finde ich toll, wenn die dann mitsingen. Das hat sowas absolut Trotziges auch mit dem "Unrechtsregime". Das fand ich sehr gut.

Wenzel: Das haben wir im Studio gemacht, indem wir zwei Holztische hingestellt haben und einen Bierkasten draufgestellt und mit einem Baseball-Schläger auf den Holztisch geschlagen haben... und es aufgenommen haben.

Maurenbrecher: Toll. Ich will aber mal weg von dem Begriff Behutsamkeit. Ich finde dieses Liebevolle, diese Art, wie du diese Leute schilderst in dem Lied "Nazi im Regen", wie dieser Neonazi auf dem Heimweg ist, das hat mich ein bisschen geärgert, wie das aufhört. Ich fand es so toll. Ich habe gedacht, endlich... poh, da kommt jetzt mal ein Lied über einen Neonazi, der vielleicht sogar Träume hat, der da nach Hause geht. Das ist ein rührendes Bild, wie der da nass läuft und sich noch durch den Hitlergruß beruhigt. Und das könnte ein Mensch werden, der mir ein bisschen nahe rückt, so diese fremden Monster, die ich da sonst immer sehe. Und... dann ist da doch wieder... eigentlich ein Sozialbericht aus dem Fernsehen mit einem Minigehirn. Also das tut mir Leid, das fand ich irgendwie ärgerlich.

Wenzel: Ich versuche, dieses tragische Bild zu nehmen. Und nehme dann bewusst diese Klischee-Versatzstücke und es bleibt eigentlich nur das übrig, dass man doch ein Stück Furcht haben muss vor ihm. In Kritiken taucht das öfters auf, dass die gerne von mir wollten, dass ich das Phänomen des Neonazis erkläre. Aber das kann ich, das wollte ich gar nicht.

Kleff: Manfred, du hast ja mit "Wessi" vor gar nicht so langer Zeit auch ein Lied geschrieben, das mit den Befindlichkeiten von Personen nach der Wende zu tun hat. Wo sind da Verbindungen oder Unterschiede in der Wahrnehmung?
Maurenbrecher: Das weiß ich gar nicht. In "Wessi" geht es ja auch um Leute, die ich kenne. Das ist ja doch so ähnlich wie das " Klassentreffen" vielleicht, ironisch überzeichnet. Leute, die mir nahe stehen, die ich auch so ein bisschen dadurch piesacken kann, weil ich weiß, wie viel sie sich vormachen. Ich glaube, da sind wir uns auch ähnlich in der Art, das machen wir gerne, und ich denke, wir können das auch beide gut.

Kleff: Reden wir etwas darüber, welchen Einfluss eure Mitmusiker auf das Endprodukt haben. Welche Rolle spielen sie am Ende bei der Ausformulierung von Texten, bei den Kompositionen und Arrangements?

Wenzel: Also bei dieser Platte hatte ich zunächst einmal die Songs, die ich dann mit Bass, Schlagzeug und dem Gitarristen geübt habe. Wir haben sozusagen nach Grooves gesucht, haben also versucht, die Basis aufzubauen. Dann haben wir die Sachen aufgenommen. Und dann habe ich mit dem Produzenten zusammen teilweise Arrangements geschrieben oder habe Kollegen gebeten, bestimmte Sachen zu arrangieren, wo ich weiß, die sind da Spezialisten. Also Christine Reumschüssel zum Beispiel, da wusste ich, die schreibt mir einen unglaublich guten Klaviersatz für "Wer soll die Erdbeeren essen", und das hat sie gemacht und eingespielt. Ich kenne zwei klassische Tubisten, die sind gute Freunde von mir, und die habe ich gefragt, "Wollt ihr mal einen Titel schreiben, wo nur Trommeln und Tuba drin sind?" Ja. Dann haben sie für sechs Tuben ein Ding für "Miserere Militarie" arrangiert. Das könnte ich nicht. Die kennen ihre Instrumente und wissen, wie das funktionieren kann. Und da kommt dann auch immer noch was dazu durch den anderen Blick und die andere handwerkliche Fähigkeit, die die Leute haben.

Maurenbrecher: Also bei mir sind nicht alle Texte nur von mir. Ich arbeite gerne, auch beim Texten, mit anderen zusammen. Zum Beispiel mit Achim Ballert, der früher bei dem Kabarett "Die Phrasenmäher" hier in Berlin war und einen ausgesprochen harten Blick auf die Wirklichkeit hat. Mit ihm zu texten, das ist immer eine Freude. Das macht richtig Spaß, weil der holt so eine Seite aus mir raus, die ich sonst ein bisschen zurückhalte, weil ich mir dann zu fies vorkomme, und der ist noch fieser. Und dann denke ich nur, da darf ich auch. Ähnlich war es mit Gerulf Pannach. Das war auch immer wunderschön, wenn wir zusammen getextet haben. Da war eigentlich immer die Rede, wir fangen um zehn Uhr morgens an. Wir haben uns meistens bei mir getroffen, weil ich die größere Wohnung habe, und haben uns dann in den Kühlschrank vier, fünf Bier gestellt, und haben gesagt...

Kleff: ...für jeden?

Maurenbrecher: ...ja, aber die Regel war, geraucht werden darf, aber Bier wird erst aufgemacht, wenn mindestens zwei Strophen und der Refrain stehen. Vorher nicht! Und das konnte manchmal bis sechs Uhr abends gehen oder sieben. Und dann wurden wir auch sehr nervös. Und manchmal haben wir dann auch vorläufige Lösungen vorgezogen. Aber oft sind auch die Sachen bis fünf Uhr fertig gewesen. Und das war natürlich auch schön.

Wenzel: Du bist, glaube ich, unter einem großen Zeit- und Belobigungsdruck groß geworden?

Maurenbrecher: Das kann sein . . . ja, das ist schon wahr.

Kleff: Gehen wir vielleicht an dieser Stelle ein bisschen auf die allgemeine deutschsprachige Szene ein. Was nehmt ihr davon wahr? Was hört ihr, was hört ihr nicht?

Maurenbrecher: Ich nehme natürlich in erster Linie wahr, was sich in meiner Umgebung abspielt. Ich bin kein großer Konzertgänger und krieg' am ehesten etwas mit hier in Berlin durch die Veranstaltungen, die ich selber regelmäßig mitmache, wie das "Mittwochsfazit". Wir machen das zu dritt, also einer davon bin ich, ich sorge für die Musik, die beiden anderen machen mehr Texte. Wir geben uns jeden Monat ein anderes Thema und machen halt ein einigermaßen zusammenhängendes Programm daraus. Dazu gehört ein Off-TeiI, wo Gäste für eine Viertelstunde spielen. Und da treten denn sehr viele auf, die eben auch Songs oder Chansons machen. Also die ganz jungen Leute nennen es ja gerne überhaupt nicht mehr Lied, sondern Chanson. Viele gehen auch auf die Tradition der 2oerjahre sehr bewusst zurück, die von Hollaender und dieser Art von Ästhetik auch. Es gibt ganz viele junge Frauen, die nur singen und sich am Klavier begleiten lassen, aber eigene Sachen schreiben. Und ich finde, dass da zum Teil wirklich tolles Zeug bei ist. Also ich weiß, dass zum Beispiel Tanja Ries wirklich sehr beeindruckend tolle Sachen macht. Dann gibt so eine ganz junge, Judith Holofernes, mit der habe ich neulich mal ein Doppelkonzert gemacht, weil die Band Puls, mit der ich gerne spiele, die auch mal begleiten wollte. Die macht auch sehr schöne Songs. Es ist so ein Mittelding zwischen Couplet und Chanson oder wie man es nennen will - Lied, bei ihr sehr witzig, bei Tanja Ries eher düster und melancholisch. Ich finde, das sind sehr interessante Sachen, die einen werden mehr, die anderen werden weniger wahrgenommen. Diese Band Puls, mit der ich da spiele, die haben auch eine sehr tolle deutschsprachige Platte jetzt rausgebracht, wobei wir da immer die Feststellung... also gemerkt haben, sobald man das Lied oder Popmusik nennt, interessiert sich keiner dafür, was an Text - also bei Popmusik - keiner für den Text, und bei Lied eigentlich kaum jemand für irgendwas. Sobald man es aber anders nennt und so tut, als hätte man mit dieser Liedermachertradition nichts zu tun, sind auf einmal auch 20- bis 30-Jährige total interessiert dran und ein sehr offenes Publikum. Das wundert mich. Aber ich glaube, dass im Moment dieser Begriff "Liedermacher" einfach ein bisschen kaputt ist. Man sollte vorsichtig sein, sich so zu nennen. Oder man sollte es als Kampfbegriff nehmen. Eins von beiden.

Kleff: Das provoziert die Frage geradezu: Was machst du denn?

Maurenbrecher: Das zweite.

Wenzel: Also ich benutze den Begriff nicht so gerne. Ich meine aber, deine Platte entspricht auch in keiner Weise dem Klischee des Liedermachers. Wir versuchen ja immer, da rauszukommen aus dem Bereich. Also ich höre kaum deutschsprachige Liedermacher. Ich höre sehr viel klassische Musik. Und höre mir dann lieber Rock'n'RoIl an. Was ich da so an jüngeren Bands sehe, da interessiert mich sehr die Kraft und die Wut, die die aufbringen, und die Power und die Bösartigkeit. Das finde ich auch interessant. Und ich versuche, ohne das nachzumachen, etwas von ihnen zu lernen in dieser Haltung. Also auch in ihren Klangvorstellungen, wie sie hören. Das habe ich bei der Platte schon versucht auch also, dass alles nicht so schick klingt, nicht so hifi-mäßig, sondern ein bisserl der Keller mit da ist, dass der Raum, in dem ich das aufnehme, anwesend bleibt. Dass da nicht die ganzen technischen Raffinessen alles zukleistern. Und ich glaube ja, dass es eigentlich durch diese eigenartige Existenz der deutschen Sprache in der modernen Musik da immer so eine Unentschiedenheit auch bei den Zuschauern gibt. Sobald sie dann im Konzert sind und wenn man sie hat, funktioniert es. Ich habe ein sehr junges Publikum, was ich erstaunlich finde. Wenn irgendwann nur noch meine Generation reingeht und nur noch alte Männer drin sitzen, dann wird mir auch das Motiv fehlen, auf die Bühne zu gehen. Und es ist... es ist immer etwas, was mit jugendlichem Entwurf zu tun hat, und der Ursprung, aus dem man das alles schöpft, ist irgendwo ein Stück Naivität, dass man immer eigentlich auch ein Stück Kind geblieben ist. Wenn man das verloren gibt, dann verstummt auch die Stimme in einem.

Kleff: Ich möchte gerne noch einen Blick auf die aktuelle Szene werfen, wo man manchmal den Eindruck hat, der totale Schwachsinn regiert. Dann gibt es wieder Leute, wo man nicht weiß, meinen sie die Verarschung ernst, nutzen sie sie, um uns einen Spiegel vorzuhalten, wo wir eigentlich stehen im deutschsprachigen Lied. Ich weiß es manchmal selber nicht.

Maurenbrecher: Ich finde das auch nicht wichtig. Es gibt und gab in jeder Schulklasse Typen, die sich komische Sachen ausgedacht haben, und eigentlich ging's ihnen nur darum zu sagen, hier bin ich und ich bin toll. Und ich meine solche Leute, die können einen vielleicht interessieren, wenn man selber noch in dem Alter ist, weil man denkt, Scheiße, dass ich nicht auch so bin wie Stefan Raab. Aber, wenn man mal 40 ist, dann hält der doch keinem irgendeinen Spiegel vor. Ich finde so etwas nur langweilig. Ich kann mich auch nicht drüber aufregen. Da höre ich mir dann wirklich lieber eine Schubert-Sonate an oder so, weil du vorhin von Klassik geredet hast. Also mit dieser Sorte von Leuten möchte ich nichts zu tun haben. Darum sollen sich dann wegen mir die Zeitungsschreiber oder wer auch immer kümmern.

Wenzel: Das sehe ich ähnlich. Ich meine, es ist immer gut gesagt, dass man mit einer Sache jemandem einen Spiegel vorhält, wo man eigentlich mehr oder weniger auf eine genaue Marktsituation schielt und eigentlich eine unglaubliche Kohle verdient. Es geht um das Abstecken von Revieren. Das sollen sie auch machen. Das Ganze hängt wohl auch mit dem momentanen kulturellen Zustand dieses Landes zusammen. Mir kommen diese ganzen Comedy-Leute immer vor wie auf einer Abiturientenfeier, das muss Spaß machen. Auf dieser Ebene hat man als Zuschauer sozusagen nie das Gefühl, dass das etwas ist, was ich nicht auch könnte. Die sind genauso blöd wie ich. Diese Gleichheit erzeugt ein eigenartiges Feedback. Mit den Politikern ist es ja genauso. Es ist eigentlich eine Diktatur des Durchschnitts, die da über uns hereingebrochen ist. Das interessiert mich auch nicht.

Kleff: Gut, aber was kann man dagegen tun, um Leute zu erreichen und ihnen den Blick zu öffnen, dass da mehr ist als das, was sie sich vorsetzen lassen?

Wenzel: Das Gute in der Kunstrezeption ist ja, dass sie freiwillig ist. Man geht freiwillig hin und findet es freiwillig gut oder schlecht. Es gibt keinen Zwang dazu, höchstens den, dass man, wenn man einen Titel eben 30 Mal in der Woche hört im Radio und im Kaufhaus, dass man dann doch meint, der ist vielleicht doch ganz gut und sich die Scheibe kauft. Aber ansonsten ist das ein freiwilliger Vorgang. Und man kann es eigentlich immer nur anbieten und zur Verfügung stellen und andere Leute finden, die das auch gut finden und da mitmachen. Möglicherweise verändern sich auch gesellschaftliche Situationen so. Ich habe das Gefühl im Moment, dass da auf einmal ein enormes Bedürfnis entstanden ist bei den Leuten nach aller dieser technischen Vermittlung wieder ordentliche Live-Konzerte zu erleben, wo auch eine Atmosphäre entsteht, die weder am Computer noch im Fernsehen entsteht.

Maurenbrecher: Ich sehe das ganz ähnlich. Das Wichtigste ist, dass man weitermacht, was man kann und gerne macht. Das ist wirklich das Entscheidende, dass das auch andere spüren, dass man es selber gerne macht, dass es nicht irgendein Job ist. Ich habe auch gemerkt, dass die Leute, die vielleicht aus ganz anderen Gründen irgendwo sind und das hören, dass die davon gefesselt sein können. Und das können Leute sein, die gebildet sind oder die ungebildet sind, die ganz jung sind oder auch alt sind. Ich persönlich verbinde das, was ich tue, nicht so mit jugendlichem Aufbruch, sondem immer mit dem Alter, in dem ich gerade bin, aber ich freue mich natürlich auch, wenn da ganz Junge sind. Also ich bin schon auch manchmal in Verfassungen, wo ich ausgesprochen schlecht drauf bin und das dann auch rüberbringe. Da bin ich auch stolz drauf, dass ich da nicht mehr unter diesem Erfüllungsdruck stehe, immer besonders gut sein zu müssen, sondern ich möchte besonders eindringlich sein. Und da ist mein Vorbild wirklich nach wie vor Bob Dylan und eigentlich immer mehr, der die Lebensphasen, die er durchleben muss - das macht man ja auch nicht so freiwillig - dann auch agiert. Und wenn er in einer Phase ist, wo er sehr viel trinkt, dann vergisst der eben halbe Lieder, dadurch werden sie zu anderen. Und jetzt ist er wieder so drauf, dass er jede Strophe kennt und manche bewusst weglässt, und das hört man ihm auch an. Das finde ich toll.

Wenzel: Das ist auch die Chance dieses Genres, dass man ähnlich wie im Theater einen unverwechselbaren Augenblick schafft, den es eben nicht nochmal gibt, wenn man in diesem Konzert ist. Dass der Augenblick wirklich wahr ist, dass der nicht simuliert ist. Das ist, glaube ich, auch eine Chance von Lied.

Kleff: Machen wir vielleicht noch eine Runde zum beliebten Ost-West-Thema. Wenn man sich den Tourplan von Hans-Eckardt Wenzel mal ansieht, dann ist der schon ziemlich ostlastig.

Wenzel: Nicht nur ziemlich, sondern nur.

Kleff: Woran liegt es? Gibt es doch noch zwei Sprachästhetiken?

Wenzel: Das liegt vor allem, sagen wir mal an der Ignoranz des westdeutschen Kulturmarktes. Der hat sich so kurz nach der Wende dafür interessiert. Ich schließe jetzt mal die Liederbestenliste aus, das ist ein Sonderfall. Aber ansonsten... die Veranstalter wollen das einfach nicht. Die sagen: Was ist das? Heine-Preis? Naja, ganz schön. Kleinkunstpreis. O.k. , aber... kennen wir nicht. Ach, Osten! Nee, nicht. Man kommt da einfach nicht rein. Dieser Markt ist völlig abgeschottet. Das ist nicht meine Arroganz, dass ich da nicht spielen will. Ich würde es gerne probieren. Und das Publikum hier mischt sich ja auch. Man kann das soziologisch nicht mehr auseinander dividieren. Es sind einfach zehn Jahre, die man miteinander in dem gleichen Land lebt. Der ganze deutsche Faschismus hat zwölf Jahre gedauert. Also wenn man sich einfach mal Zeitspannen vorstellt, historisch, das ist so eine lange Zeitspanne, und wir tun so, als ob es gestern wäre.

Maurenbrecher: Ich finde das auch. Irgendwie ist das absurd. Also ich finde erstens, dass es keine verschiedenen Ästhetiken gibt. Die Leute, die in Heilbronn zu mir in ein Konzert gehen, die haben ähnliche Vorlieben und ähnliche Aversionen wie die, die es in Jena machen. Es ist eine bestimmte Sorte, die nicht hingeht, die ist sehr groß, und eine bestimmte Sorte, die hingeht. Natürlich haben die andere Erfahrungen, aber die Ästhetik von solchen Leuten ist sich ähnlich, das glaube ich. Insofern ist es von den westdeutschen Veranstaltern was dich und andere betrifft da eine Ignoranz und eine Risikolosigkeit, aber es würde gut funktionieren. Also, sie würden immer ihr Stammpublikum da auch hinkriegen. Das Problem ist, dass die meisten kein Stammpublikum haben. Und dass es immer weniger Clubs gibt, die wirklich gute Arbeit machen. Die sterben immer mehr aus. Ich glaube auch nicht daran, dass - und das sieht man ja nun wirklich an Berlin - es in dieser jungen Generation noch gravierende Unterschiede gibt. Also zwischen jemand, der meinetwegen in Kleve aufwächst oder in Hoyerswerda, ich glaube nicht, dass die Unterschiede noch so riesig sind. Was mich angeht, ich spiele eigentlich in bestimmten ehemaligen DDR-Ländern viel, in Thüringen zum Beispiel, in Sachsen. Nie in Mecklenburg, da habe ich, glaube ich, überhaupt noch nie in meinem Leben gespielt. Doch, in Rostock war ich mal. Und in Brandenburg auch erstaunlich wenig. So viel ich in Berlin auftrete, in Brandenburg interessiert sich keiner dafür. Das ist ganz merkwürdig, so als wenn Berlin da auch nicht wahrgenommen würde.

Folker! Nr.6/2000, Michael Kleff




Tür & Angel •  Biografische Baustellen •  Pranger & Luftschaukel •  Medienspiele  •  Spiele mit anderen Künstlern •  Kurzgeschichten fürs Radio  •  Ost-West-Begegnungen  •  Rezensionen •  Fotos •  Links  •  Mail
Songtexte: alphabetisch •  chronologisch •  Kommentare
Home