Doch ein Blick auf die beiliegenden Texte liefert eine Überraschung: Auch wenn Klappern seit jeher zum Handwerk der Deutschrocktexter gehört, die wiederum irgendwann mit den ehem. sog. Liedermachern fusionierten bzw. umgekehrt - Maurenbrecher gelingt es, die üblichen Normalnull-Textstandards nochmals kräftig zu unterbieten und eine persönliche Negativmarge zu setzen. Wenn er z.B. großspurige Lebensweisheit in kompakte Reimstrophen packen will, scheppert's hinten und vorne: "Ah, die Liebe geht ganz laut / von dem weg, der auf sie baut, / doch hat sie sinnlos sich verschenkt, / wenn man gar nicht daran denkt." Und keineswegs freundlicher als der "ganz laut" vorgestellte Abgang tönt es leiser:
"Charlotte, Welten in sich spürend, / ging leise weg, und ihr war leicht und frei" -Frauenzimmer Sabinchen und die zugehörige Leierkastenmoritat lassen grüßen. Freilich: Wo unfreiwillige Komik als Meterware vom Masterband läuft, horcht der Humorkritiker nicht auf - alle offiziellen Titel der CD hatte ich abgehört, ohne mich zum Kommentar berufen zu fühlen. Nun verfügt die Platte aber über einen versteckten "Ghosttrack", das Auftaktstück wird als Liveversion wiederholt. Dieses Vor-der-Wende-contra-nach der-Wende-Lied, als Spätgeburt "entstanden im Herbst '96", kombiniert einen brauchbaren Refrain ("0 Wessi, du hast bessere Zeiten gesehn") mit Beobachtungen, deren Realitätsgehalt entweder 100% (Arbeitslosigkeit hat zugenommen), 0% (Wohnungsnot hat zugenommen) oder 50% (Wohlstand der Ossis hat zugenommen) beträgt, die aber beim Livevortrag durchweg mit gut 65prozentigem Gelächter quittiert werden. Tatsächlich - die Gesamterscheinung Maurenbrecher läßt sich als selbstironisch und somit komisch feiern, alle Unzulänglichkeiten sollen als Charme oder Chuzpe verbucht werden. Und wie zur Bestätigung erfahre ich, Maurenbrecher mische auch bei der Berliner "Reformbühne Heim und Welt" mit, deren Spezialität darin besteht, Unkultiviertheiten zu kultivieren.
Leute gibt's, denen kann man einen Bierbauch als Selbstironie, Mundgeruch als Stilparodie und Achselschweiß als lockere Atmosphäre verkaufen. Zu ihnen zählen scheint's die Juroren der öffentlich-rechtlichen "Liederbestenliste": Man meldet, zum Jahressieger '98 sei just das besagte Wessi-Stück gekürt worden. Glückwunsch! Es bleibt dabei, der übrigens ausstudierte und approbierte Germanist Maurenbrecher ist alles andere als ein guter Texter. Nein, nicht alles andere; ein guter Musiker ist er auch nicht.
(Titanic Juni 1999)
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