Ein Ausläufer der höhnenden Wochenschau ist das Mittwochsfazit. Im "Schlot" in der Kastanienallee zieht man seit einigen Jahren ein heiter-resigniertes Fazit schon weit vor dem Wochenende. Jeden Mittwoch treffen sich die Kabarettisten um den Liedermacher Manfred Maurenbrecher und resümieren ein wenig. Vor allem aber erzählen sie die kleinen Alltagsgeschichten vom persönlichen Unglück und Mißgeschick, meist in Form spitzer Glossen, manchmal aber werden sie ein bißchen poetisch dabei. Horst Evers und Bov Bjerg, Träger des "Theodor W. Adorno Ähnlichkeitspreises" des Satiremagazins Titanic, ziehen einige Zuhörer in den finsteren Hinterhof. Diejenigen, welche keinen Platz mehr finden, stehen im Treppenhaus und hören zu und kichern vor sich hin. Der Veranstalter ist glücklich, das Bier fließt in Strömen, zu heizen braucht er kaum noch an jenen Mittwochabenden.
Aber manchmal kommt er auf die Bühne und erzählt seinen Gästen, daß er das Schlot demnächst schließen müsse. Und er sei kein Einzelfall. Die verstreuten, dunklen Hinterhofkleinkunstbühnen, die Winkelkultur, all die kleinen Biotope der fleißigen Kulturzüchter sollten vernichtet werden. So sehen es die Stadtväter ganz offensichtlich vor. Statt dessen wünsche man sich Kulturzentren mit gutbeleuchteten Bühnen, Verkehrsanschluß und einem Umfeld mit anspruchsvoller Gastronomie, zum Beispiel in der Gegend um den Hackeschen Markt. Leider allerdings seien die Mieten dort unbezahlbar geworden. Und fünf Mark Eintritt, wie hier im Schlot, seien dort illusorisch. Deshalb bitte er um Unterstützung in Form einer Unterschrift.
Jetzt wird das Fazit vierteljährlich im Mehringhoftheater tagen und das Beste aus den drei vergangenen Monaten im Schlot präsentieren. Möglicherweise ist das ein Zeichen für das Ende der Ära im Schlot. Auch das Schauplatztheater ist längst geschlossen. Die Miete hatte sich verdoppelt. Seitdem stehen die Räume in der Dieffenbachstraße leer. Die im Mehringhof werden sich füllen. Denn diese Mischung von Maurenbrechers bitter-humorvollen, episch-poetischen Liedern ("Ich bin ein Geschichtenerzähler") und jenen heiteren literarischen Einblicken ins Privatleben der Satiriker gehört zum Besten, was Berlins Bühnen ziert. Natürlich kostet der Höhepunkt am Mehringdamm jetzt etwas mehr als in der Kastanienallee.
(April 1999 / Hans W Korfmann)
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