Jacques Brel hatte vielleicht das balladeskere Leben; Boulat Okudschawa die passendere Klage gegen seinen Staat; die Antistarkult-Röhre Tom Waits und der sarkastische Songwriter Randy Newman die gängigeren Melodien. Und alle hatten sie Hits. Aber keiner bringt so genau so schöne Geschichten.
Mit seiner Erzählstimme kann Manfred Maurenbrecher eigentlich nur Maurenbrecher singen. Intonation rangiert weit hinter lautmalerischer Wortbetonung. Sein Klavierspiel ist hübsch, aber nicht virtuos, seine Melodie selten avantgardistisch. Aber was für Bilder!
Kaum einer beherrscht derart die Dialektik des Alltags, zeigt schäbig das Liebe und liebevoll das Schäbige. Im Song "Das alte Fahrrad" malt er Beschädigungen an Fahrrad und Halter. Bis durch alles Elend sowas wie Majestetik schimmert: "Kann sein, daß das alte Fahrrad diesen Mann eigentlich schiebt /... Drum lasst es schnein, die Sonne scheinen /und die Jahreszeiten gehn / seht ihr den Mann mit seinem Fahrrad / sollt ihr still beiseite stehn/ ihr seht den Kampf und seht die Wahrheit /ja, setzt ruhig noch etwas drauf / da schiebt ein Mann sein altes Fahrrad / und die Hoffnung hört nicht auf."
Hinterhältig lockt er uns in Klischees, quasi um zu zeigen, wie Klischees funktionieren: "Ja, dieser Mann hat sein Fahrrad gefunden / ist es nicht das, wonach wir alle suchen?" Ein menschelnder "Ach-ja-Seufzer" steigt in uns auf. "Vielleicht steht an der nächsten Ecke auch Dein Fahrrad? Schau es dir an. Vielleicht erkennt es Dich?" Und sogleich wird das Klischee entblättert: "Nimm es mit! Aber nur dann, wenn es nicht abgeschlossen ist."
Maurenbrecher ist subversiv, weil radikal menschlich. Der Song "Junge Mütter" beschreibt Frauenalltag aus dialektischem Realismus. Nicht als Karriereverwertung fremder Betroffenheit und ohne feminismusvermarktende Sprachverrenkerlnnen-Correctness, wie sie die Philosophin Sabine Kebir vielerorts feinsinnig karikiert. Die riet kürzlich der Linken, statt inszenierter Geschlechtsantagonismen, einmal konkret und materiell die Chiffre "Soziale Gerechtigkeit" aus weiblicher Sicht zu schärfen: Lohn, Rente, Arbeit, Bildung, Verkehr, Wohnen usw. usw.
Wer also dem Ökonomismus des Hauptwiderspruchs nicht mit modischem "Überbauismus" reiner Ethik kommen will, wird diesen Song gut gebrauchen können: "Junge Mütter auf U-Bahntreppen / wer hält den Buggy? wer hilft schleppen? /... Und sie betrinken sich gerne auf Feten / ist ein Babysitter da, sie dürften sich verspäten / aber immer, wenn's am schönsten ist / hör'n sie's im Kopf leise schrein... Junge Mütter kauen nachts auf einem Schnuller / wenn der Freund sie vor dem Wickeln verlässt... / braungebrannt schlafwandelnde Ritter / nur ein Kindergartenstreik gibt ihnen den Rest /... junge Mütter träumen von vorher... /doch wenn's eng wird, schrein sie wie die eignen Mütter: halt dich an meinem Rucksack fest." Maurenbrecher hat noch mehr zu dem Thema, z.B. "Danke Mutter!" Und es ist wahrhaft ein Kunststück, sogar unter diesem Songtitel in keinerlei ausgetretenes Pathos zu schliddern.
"Kleine Forscher" ist das anrührendste Werk der CD "Weisse Glut" mit der kongenialen Band "Puls". Hier spiegelt sich der Liedermacher selbst, spöttisch distanziert - in den Augen seines kleinen Sohns. Und zwischen dessen überquellenden Kinderphantasien, die er uns zärtlich, weil präzise, näherholt, dachte ich, wie oft bei Maurenbrechersongs, an Gorki:
"Das heiligste ist der Mensch". Die gesamte CD ist herzlich, überwiegend heiter, und voller Subversion gegen von oben klischiertes Glück. Und öffnet für weitere Sichten von ganz unten.
Nov. 1999 / Neues Deutschland
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