"Ein Rock-Konzert wird das nicht." Doch das werden selbst Fans der ersten Stunde kaum erwarten, die Manfred Maurenbrecher noch mit jenen seligen Mauertagen assoziieren, als eine West-Berliner Pop-Phalanx um Jim Rakete und Herwig Mitteregger nach den Sternen griff und unter anderem auch Maurenbrecher zeitweilig einen Majorvertrag bei CBS hatte. Ein Deal, dem Maurenbrechers garstige spröde Lieder nicht gewachsen waren, wenn man die Regeln des Showbusiness zum Maßstab nimmt.
Denn Maurenbrecher verkauft sich nicht, weder die Industrie seine Platten noch er sich an die Industrie. Der Berliner Barde lebt in einem ganz anderen Seinszustand, einer meditierenden, äußerst wachen, bewußten Verbundenheit mit der Welt, einem Bewußtseinsgrad, dem - wenn er nicht gerade Radiofeatures über Geistesverwandte wie Leonard Cohen, Lucio Dalla, Hans Henny Jahnn oder Bob Dylan verfaßt -, kleine, unauffällige Songs entperlen, die man nicht nebenbei konsumieren kann.
Seine mal heiseren, mal inbrünstigen Wortkaskaden, sprunghaften Assoziationen, vorwitzigen Verdichtungen und skizzenhaft minimalistischen Charakterstudien verweigern sich dem linearen Erzählfluß und zeichnen die Menschen und deren Verhältnisse mittels intimer, bestechender Details, in denen sich jeder - nicht zum Abnicken, sondern ertappt -wiederfinden kann.
"Meine Lieder und Texte sind nicht kompatibel, nicht für eine bestimmte Klientel. Viele Kabarettisten leben gerade davon, daß sie den Leuten, die ihrer Meinung sind, erzählen, was richtig ist. Das fände ich zu langweilig, da könnte ich auch nicht inbrünstig werden. Das wäre mir zu öde, obwohl man damit mehr Geld verdient." Das Juhnke-Stück "Ein Glas für Harry" wird so nicht zum billigen, pointenreichen Boulevard-Reißer, sondern zum mitfühlenden Porträt. Und das Wendestück "Wessi", für das Maurenbrecher dieser Tage mit dem SWR-Liederpreis ausgezeichnet würde, ist so gewandt, daß es hüben wie drüben erst zum falschen Beifall und dann zum Nachdenken verführt.
Beide Lieder, wie auch eine Dylan-Eindeutschung, der ein ganzes Album folgen soll, sind Tagebuchstationen von Maurenbrechers neuester CD "LieblingsSpiele" die Aufnahmen aus sieben Jahre versammelt, Gedanken, nein vielmehr Gefühle, alberne, aber auch traurige Gefühle über Unvermittelbare, Nachtschwärmer, das Jüngste Gericht oder die Nachbarin mit der Säge.
Ein sehr dissonantes, sperriges Konvolut, teils daheim in Friedenau und Brandenburg am Computer entstanden, wo der Liedermacher statt dem ihm zu sehr einen Rhythmus aufdrängenden Klavier gern digitale Klangflächen für seinen Wortfluß nutzt. Teils aber auch mit der jungen Band Puls eingespielt, und teils im Schlot, wo Maurenbrecher gemeinsam mit Bov Bjerg und Horst Evers regelmäßig beim Mittwochsfazit Geschichten, Szenen und Songs zu Themen wie Sex in der Wahlkabine zum besten gibt.
Ähnlich bunt wie die CD verspricht das gleichnamige viertägige Programm im Tränenpalast zu werden, wo Manfred Maurenbrecher ab heute abend seine "LieblingsSpiele" im Untertitel als Lieder und Gemeinheiten präzisiert. Und selbst wenn der Sensible heute auf der Bühne weniger Angst als vor 15 Jahren hat, teilt er den Moment doch gern mit guten Freunden.
In wechselnder Formation wird daher das Bühnenaufgebot bis Sonntag wechseln: Mit Bjerg und Evers, die ein "Best-of Schlot"-Segment darbieten wollen, Gaststar Veronika Fischer und dem Saxophonisten Richard Wester. Stets mit dabei ist die Gruppe Puls, die ursprünglich einmal nur zwei Songs von Maurenbrecher covern wollte und nun fester Spielpartner geworden ist. Die Band hat ihn sogar überzeugt, den '85er Titel "Viel zu schön" und Balladen aus der schüchternen Ära für den Auftritt wieder einzustudieren.
(Sept. 1998, Berliner Morgenpost / Fredi Hallenberger)
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