Kulturtagebuch: Zum Tod der Liedermacher Pannach und Gundermann
Fremde Freunde, kalte Heimat
Innerhalb weniger Wochen gingen Deutschland zwei Liedersänger und Liederdichter verloren, deren authentisches Schaffen vom Betrieb des seichten Showbusiness übertönt wurde. Ende Mai verstarb nach langer schwerer Krankheit Gerulf Pannach im Alter von 49 Jahren, am 21. Juni erlag Gerhard Gundermann 43jährig unerwartet einem Herzversagen.

Pannach wurde in der DDR bekannt durch seine fruchtbare Zusammenarbeit mit der - selten ist das Wort so am Platz wie hier - legendären Klaus-Renfft-Combo, die mit respektloser Unbefangenheit gegen alle Gesetze der SED-Ästhetik verstieß und das temperamentvolle Sprachrohr einer Jugend war, die wohl irgendein sozialistisches Ideal verinnerlicht hatte, aber zutiefst am Mief des Realsozialismus litt. Pannach wurde zeitweilig inhaftiert; er fand schließlich Zuflucht in West-Berlin. Wenn er dort auch Freunde und Kollegen wie Manfred Maurenbrecher fand, mit denen er intensiv zusammenarbeitete, blieb er doch ein Fremder. Als ich mich 1996 mit ihm über ein Plattenprojekt unterhielt, das die Erfahrungen mit der Wiedervereinigung aus der Sicht verschiedener Liedersänger zusammenbringen sollte, stellte er gleich klar, daß er keinesfalls auf einer Platte zusammen mit Gerhard Gundermann vertreten sein wollte: ein Sympton für die Zerrissenheit unseres Landes auch nach der Wiedervereinigung.

Auch Gerhard Gundermann - von Beruf Fahrer eines riesigen Braunkohlebaggers, wohnhaft im "Hoywoy" genannten Hoyerswerda - war schnell mit der SED in Konflikt geraten, aber im Gegensatz zu Pannach hielt er nicht das System für den Fehler, sondern glaubte an seine Reformierbarkeit. Dem sozialistischen Ideal opferte er seine Unschuld und "trug dem amt meine treue hin", das heißt, er arbeitete als Informant der Stasi, was er später (anders als bekanntere und besser verteidigte Zeitgenossen) zugab und als Fehler empfand. Seiner Popularität tat das keinen Abbruch.

Und mit Recht, denn Gundermann hat wunderbare, perfekt arrangierte Lieder geschrieben, die oft um das vertraute, wenn auch marode Milieu der "Schwarzen Pumpe" kreisen und eigentlich Heimatlieder sind.

Manfred Maurenbrecher, den die Zusammenarbeit mit Pannach nicht vom Kontakt mit Gundermann abgehalten hatte, wies mich einmal auf Gundermann hin, da ihm die Parallele des Balanceaktes zwischen Broterwerb (Gundermann Baggerfahrer, ich Schweißer) und künstlerischer Leidenschaft auffiel (wobei Gundermanns Begabung eindeutig größer war), und so lernte ich ihn im vorigen Jahr beim ersten Liedermachertreffen in Hoyerswerda kennen. Die Vorwarnung meiner Frau, daß ich "ein Rechter" sei, wischte er mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite, mit Klischees konnte er nichts anfangen. Gundermann sang und spielte souverän seine Balladen, die von Bruce Springsteen beeinflußt waren. Trotzdem kam an der Echtheit seiner Lieder kein Zweifel auf. Ein trockener Humor war ihm eigen, und sein wahrhaft ungeheures Organ blies die Hörer fast von den Stühlen, während das immer röter werdende Gesicht zu platzen drohte. Er war umwerfend und faszinierend.

(Junge Freiheit, 2.7.98 / Friedrich Baunack)




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