Das grinsende Grauen
MANFRED MAURENBRECHER in der Räucherei

Na, wie geht's uns denn heute? Siehst ja selbst, hatte der Freiberufler geantwortet, früher, als er noch die weiträumige Wohnung hatte, in er man sich wunderbar aus dem Weg gehen konnte und die Kommunikation via Bürotechnik abwickelte. Die scheinheilige Frage wird durchs Guckloch gestellt, merken wir später, die Behausung hat an Weite verloren. Das Wort Wahnsinn fällt gar nicht. Manfred Maurenbrecher ist ein Meister des Beiläufigen.

Seine Geschichten kommen so alltäglich daher wie das grinsende Grauen, das sich zu tarnen weiß. "Sie haben Schwerin genommen" heißt es zum Beispiel in einer Moll-Ballade, und wir dürfen lange rätseln, ob Skins, "rot-grün-schwarze Schlipse" oder Arbeitslose gemeint sind. Nach Ungewißheiten im Intro braut sich stets Überraschendes zusammen, meist Unheil, aber auch Liebe.

Sein Sprechgesang wie auch die Ansagen, die mehr als spannende Anekdoten sind, verdichten sich zu kleinen Szenen, in denen sich deutsche Wirklichkeiten, Abgründe der Entfremdung mit Menschenliebe und einer eigentümlichen Romantik mischen. Das Prinzip Hoffnung lebt! Engagiert von der ersten Minute an, arbeitet sich Maurenbrecher an den Tasten ab, daß das Klavier wackelt, die Schweißperlen spritzen vom Kopf, der linke Fuß stampft unterstützend, gibt die Sporen, um dann zum Ende die Füße so unvermittelt vom Pedal zu nehmen, daß man zurückprallt.

"Der Dicke hat Geburtstag, er sticht die Torte an" mit wutentbrannter Power legt Maurenbrecher sich in solche Sätze, da kommt kein Westernhagen gegen an, was weiß der denn von Politik? Physiognomiseh ist Maurenbrecher zwischen Fassbinder und Heinz-Rudolf Kunze angesiedelt, stimmlich kann er beben wie Hans Hartz, dabei den zärtlichen Gestus von Tom Waits bewahren.

Ideologisch: Nicht betroffen, auch nicht engagiert, er ist ein Fassungsloser, der sich nicht abfinden will und das große P in der Tasche hat. Er holt es aber nicht raus, kippt lieber ins Ironische, ohne Kabarettist sein zu wollen. Er touchiert die Komik nur, auch die Moral, und wir denken uns unseren Teil.

Daß ihn der abgebrochene Guiness Rekord vom australischen Pfahlsitzer an Biermann'sche Gastspiele in Bayern erinnert, ist nicht nur spannend erzählt, sowas wirkt auch lange nach. "Mid-West Niedersachsen" heißt die Hommage an Randy Newman, eine kleine Lektion für Bowlingkumpel Gunter, der glaubt in Amerika sei alles besser. Mit Huldigungen an seine Mutter und besonders an seinen Sohn Max, mit dem er als Bürgerschreck "Gegenteilsprechen" im Bus spielt, hebt er symbolträchtige Alltagsgeschichten in den großen Kontext. Daß Panik nicht lohnt, weiß er aus Ägypten, auch wie man bei Gefahr Haltung bewahrt. Das Sheraton-Hotel in Luxor empfiehlt seinen deutschen Gästen in 1:1-Übersetzung: Berühren Sie das Management und bleiben Sie niedrig.

(Feb. 1998, Kieler Nachrichten / Almut Behl)




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