Gleitflüge mit Piano
Geschichten und Soundtracks: Manfred Maurenbrechers Lieder

Ein Flügel ist ein Musikinstrument, mit dem man fliegen kann. Zumindest gibt es Leute, die das können. Manfred Maurenbrecher ist so einer. Wer den Berliner Piano-Poeten schon einmal bei einem Konzert erlebt hat, weiß, daß der Mann eine intensive Beziehung zu seinem Klavier pflegt. Zusammengekauert hockt er auf einem wackligen Stühlchen, schwitzend hämmert er in die Tasten, immer tiefer duckt er sich, bis er in das Instrument hineinzukriechen scheint. Maurenbrecher spielt sein Klavier nicht, er bearbeitet es. Und jetzt hebt er auch noch ab. So muß man jedenfalls das Foto auf dem Cover seiner neuen CD interpretieren. Es zeigt den Musiker mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen, über sich die Schwingen seines Flügels. Ein Gleitflug ins Reich der Träume. "Lieblingsspiele" heißt das Album, und dieser Titel paßt gut zu einem Sänger, der auch jenseits der 40 noch nicht endgültig erwachsen werden will.

Maurenbrecher macht auf "Lieblingsspiele" Musik, wie er es seit zwanzig Jahren tut. Er spielt Klavier und singt dazu. Mit rauher Baßstimme manchmal flüsternd und manchmal ein bißchen lispelnd. Bei einigen Stücken rumpelt ein Schlagzeug, ab und zu weht ein sanftes Saxophonsolo vorbei. Einen "Liedermacher" könnte man Maurenbreeher nennen, wenn der Terminus nicht durch die Politbardenfraktion der siebziger Jahre vorbelastet wäre. Er selber nennt seine Musik "Geschichten in Soundtracks".

Maurenbrechers Geschichten handeln von den süßen Füßen seiner Nachbarin, von Büroboten, die tonnenweise Gleitzeit aus den Ämtern tragen und natürlich auch von den ganz großen Gefühlen: "Ja, die Liebe kommt sogar / mal zu dem, wo sie nie war". Mit melancholischer Nostalgie blickt er zurück in die achtziger Jahre, als die Selbsterfahrungskurse blühten und die Staus noch überschaubar waren, Refrain: "Oh Wessi, du hast bessere Zeiten gesehen/ Oh Wessi, warum muß die Welt sich drehen?"

Damals in den Achtzigern wäre Maurenbrecher fast ein Star geworden. Da wurde er vom "Spliff" - Schlagzeuger Herwig Mitteregger entdeckt, Jim Rakete managte ihn und seine Alben kamen in die Charts. Irgendwann lief der Plattenvertrag aus, Maurenbrecher schlug sich mit Kleinkunstabenden und Radiofeatures durch. Seine erste CD brachte er im letzten Jahr heraus und die verkaufte sich so gut, daß die Plattenfirma Nachschub wollte. Also kramte der Sänger in seinen Bändern und stellte eine Best of-Compilation zusammen. "Pflichtgefühl gegen Unbekannt", die gleichzeitig mit dem neuen Album erscheint. Versammelt sind 18 Titel aus 15 Jahren, von "Halbwertzeit" bis "Flußabwärts". Seine zehn Jahre alte Version des Tom-Waits-Gassenhauer "In the Neighbourhood" hat Maurenbrecher aktualisiert. In der Nachbarschaft gibt es jetzt auch Skinheads, die gutgelaunt vor der Second-Hand-Boutique herumstehen.

(Sept. 1997, Tagesspiegel / Christian Schröder)




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