Der Liedermacher, Rockpoet, Erzähler und KIeinkunstpreisträger gastiert im Unterhaus
Hau ab in eine andere Welt
Singt rauh und zart: Manfred Maurenbrecher

MAINZ. Das Publikum war zusammengerückt. Lag es an der beißenden Kälte draußen? Oder vielmehr an der Atmosphäre, die es bei diesem Sänger und Dichter so dicht werden ließ? Am Ende war im Unterhaus die Begeisterung groß, und die Herzen der Zuschauer waren gefüllt mit Traurigkeit und mit Hoffnung. Die Ambivalenz nicht nur der Gefühle ist das große Thema von Manfred Maurenbrecher.

Daß der Träger des Deutschen Kleinkunstpreises (den er 1991 zusammen mit Richard Wester erhielt) noch immer ein Geheimtip ist, ist nur damit zu erklären, daß er zu wenig stromlinienförmig ist fürs große Geschäft und seine Lieder zu intensiv sind für den Geschmack der Rundfunkmacher. Er ist kein Schlagerfuzzi und kein knallharter Deutschrocker. Dabei singt er deutsch am Klavier - und nicht allzu selten von der Liebe. Wie er das tut in seinem neuen Programm "Küsse und Kakerlaken" (auch die neue CD trägt diesen Titel) ist einmalig deshalb, weil Manfred Maurenbrecher mit jeder Zeile für das steht, was er singt, spielt, liest.

Er erzählt von einem Besuch der siebzehnjährigen Söhne von Freunden, Skins aus Sachsen. Als sie in Berlin, wo Maurenbrecher lebt, aus der U-Bahn steigen, werden sie nach hundert Metern von einer Gruppe gleichaltriger Türken zusammengeschlagen. "Sie haben so viel gemeinsam. Sie hätten etwas zusammen anfangen können". Viel mehr sagt Maurenbrecher nicht. Und er singt ein Lied über die Straßengangs, das in dem Aufschrei gipfelt: "Haut ab, vielleicht gibt's noch 'ne andere Welt."

In seinen Liedern spürt Manfred Maurenbrecher der Wirklichkeit nach. Die Großstadt beschreibt er in den wilden Tönen, die sie hervorbringt. Grell sind die Lichter dort und die Dissonanzen. Rauh ist seine Stimme, wenn er einen Mann besingt, der auf Pump lebt, weil "Was ich will, will ich". Aber Maurenbrecher ist ein realistischer Träumer. Es geht ihm nicht nur um Zustandsbeschreibung und um Sozialkritik. Er singt auch davon, wie Menschen ausbrechen aus den unerträglichen Verhältnissen. Er läßt den Ver- und Entrückten ihre Besonderheit - und zeigt dabei sehr menschlichen Humor. Traurigschön der Song vom Freiberufler, der vergeblich auf Anrufe wartet und an dem das Leben sinnlos vorbeistreicht, bis er in einer Zelle endlich Aufmerksamkeit findet - durch den, der ihn im Spion beobachtet. Der "Anerkennung" ist ein anderes Lied gewidmet.

Weinerlich sind die Lieder nie, heftig fast immer. Rauh und zärtlich zugleich singt Maurenbrecher, und mit jeder Faser seiner Überzeugung hängt er an den Liedern. Wie authentisch seine Geschichten sind, wird deutlich in den kleinen Begebenheiten, die er zwischendurch erzählt. Mit lächelnden Augen hinter der strengen schwarzen Brille wird er zum Märchenerzähler des Alltags. Ob er nun von einer Gastspielreise nach MecklenburgV-orpommern berichtet oder vom Autounfall am Sonntagmorgen - seine Beobachtungen sind so treffend wie amüsant. Echt eben - wie alles an Manfred Maurenbrecher. Den Zuhörern, die gegen die Kälte zusammengerückt sind an diesem Abend, gibt er auch einen Satz mit, den ihm seine Mutter einst sagte: "Mach die Augen zu, und was du siehst, gehört dir."

(März 1996, Mainzer Rheinzeitung / Stefanie Mittenzwei)




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