"Alles geht zur Neige"
Liedermacher Manfred Maurenbrecher und Kabarettist Achim Ballert im Nürnberger Burgtheater

Wer den Schaden hat... Wie konnte es denn so weit kommen, Konstantin Wecker? Die zwei Männer auf der Bühne des Nürnberger Burgtheaters sind ratlos über das, was sich bei dem Münchner Liedermacher da zwischen Schnee und Vollzug abspielt Die respektlose Kurz-Parodie hat aber nichts mit Schadenfreude zu tun, denn sie wissen: jeder muß immer wieder mal von unten anfangen. Sie sind schließlich auch "Die Häßlichen", wenngleich sie "Ein schönes Programm" mitgebracht haben. Wirklich!

Ein ungleiches, ein unvergleichliches Paar: Liedermacher Manfred Maurenbrecher und Kabarettist Achim Ballert (Ex-"Phrasenmäher" und somit Deutscher Kabarettpreisträger '94) haben sich zusammengetan, um sich die Komplexe aus dem Leib zu lachen. Maurenbrecher: der geniale Berserker am Klavier, dessen Kunst von der Kritik zwar immer hoch gelobt wurde, dem der richtige Erfolg allerdings leider versagt blieb. Ballert: der zerknitterte Skeptiker, dem die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben steht, der nichts lieber macht, als Idyllen zu zertrümmern. Sie beide sind so anrührend altmodisch, und gerade das macht ihr Programm so wunderschön gemein. Zwei Männer stehen zu ihrer Zukunft: heraus aus dem Zweifel, hinein ins Vergnügen.

In schaurig romantischen Duetten rücken sie der Warmherzigkeit auf den Pelz, Schlager-Welten erschüttern hinterfotzige Denkmodelle, in Monologen wird entschieden der Banalität abgeschworen: "Alles geht zur Neige. So steht's im Plan." Sie erzählen Geschichten, die das Leben vergaß zu schreiben, singen Lieder voller Heimlichkeiten und verraten offene Geheimnisse. Hier ist er zu spüren, der wahre Unterschied zwischen Comedy und Kabarett: "Die Doofen" sind tatsächlich so, an den "Häßlichen" kann man sich nicht sattsehen.

Denn sie haben diese perfekte Mischung aus Sehnsucht und Weitsicht, jonglieren mit Trotz und Träumen. Verkappte Romantiker sind sie allemal, auch wenn ihre Themen wahren Gefühlen eigentlich entgegenstehen. Denn die Welt ist nun einmal schlecht und wenn der Zeitgeist durch die Lüfte wabert, gilt es, den Absprung zu schaffen. Maurenbrecher und Ballert (beide Jahrgang '50) lassen sich nichts mehr vormachen: mit entwaffnender Ehrlichkeit sezieren sie die Realität, rücken Widersprüche ins rechte Licht und geben intelligenter Unterhaltung auf der Kleinkunstbühne wieder eine Chance. Ein schönes Programm!

(Dez. 1995, Nürnberger Nachrichten / Bernd Noack)




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