HEIMKEHRER
Heimlich, still und leise konstituierte sich Ende '94 die "Reformbühne Heim & Welt"' und gastiert seit dem 1. Januar jeden Sonntag um 17 Uhr im Schoko-Laden

Natürlich befindet sich alles noch in der Versuchsphase, und soll es auch noch lange bleiben. Selbst der harte Kern, der sich u.a. aus Ex- und Noch-Mitgliedern/Mitstreitern von "Dr. Seltsams Frühschoppen" und Veteranen der "Höhnenden Wochenschau" rekrutiert, versteht sich eher als lockere Gruppe, die auch nicht immer vollständig an- und auftritt: Bov Bjerg, Hans Duschke, Benedikt Eichhorn, Manfred Maurenbrecher, Horst Schwerdtfeger, Michael Stein und Jürgen Witte wollen das Chaos kultivieren. Der Name indes ist Verpflichtung: Nicht nur dem Großen, Ganzen, vor allem auch dem Kleinen, Heimeligen gilt der Autoren Blick, der noch im kleinsten Detail das Wirken des großen Weltgeists zu realisieren vermag.

Der kleinen Leute und der großen Wirtschaftspolitik - wahlweise der großen Architektur -, nimmt sich Jürgen Witte (der diesmal erstmals moderiert) gerne an; im pompösen Post-Voramt sieht er ein Sinnbild des Berliners, "wie er beleibt vor sich hin lebt"' jedoch mit seiner Meinung beileibe nicht hinterm Berg bleibt: "Menschen mit Meinungen -man trifft sie überall." Man braucht nur aufmerksam zuzuhören resp. hinzusehen und das Vorgefundene vorzulesen.

Doch nicht immer stellt der immanente Unsinn sich durch bloßes Zitieren selber bloß. Wenn etwa Witte unkommentiert aus dem Franz-Josef-Strauß-Lexikon das Stichwort ,,A wie Ananas - siehe Alaska" vorliest, zuckt das vorwiegend junge Publikum verständnislos die Schultern. Und wenn Michael Stein - wieder mal zwanghaft provokant - den Beweis erbringen will, daß Paul Celan ein komischer Dichter sei, winkt es zu Recht ab.

Aufs Imitieren realer komik-trächtiger Tonfälle aber verstehen sie sich bestens. Da liefert Hans Duschke als Briefkasten-Onkel neugierigen Blagen eine verblüffend einleuchtende Erklärung, warum man das in einer Muschel hörbare Meeresrauschen nicht aufzeichnen kann ("Kopier-Schutz"). Da vermerkt Michael Stein in seinem Tagebuch trocken und stilsicher so manche Kleinode und so manche große Öde.

Bov Bjerg hingegen markiert die Pointen seiner "Impressionen zur inneren Einheit"" schon mal vorsorglich mit einem "lustigen Geräusch" - eigentlich unnötig. Und sein Fazit "innerer Friede, da bin ich gegen" ruft sowieso einvernehmliches Lachen hervor. Auch sonst haben die erfahrenen Akteure alles im Griff. Ausgesprochene Vortragskünstler sind sie zwar nicht, aber Versprecher und Ausrutscher werden routiniert abgefangen, ohne in Routine zu verfallen: "Der Satz ist im Aus - ich fang' einen neuen an" (Duschke).

Alt-Liedermacher Manfred Maurenbrecher (der frappierend R.W. Fassbinder ähnlich sieht) aber ist ein virtuoser Interpret - und trifft stets den richtigen Ton: ob er nun einen fiktiven Briefwechsel kolportiert, oder ob er am Klavier bekennt, worum es ihm in der Kunst wirklich geht: "Anerkennung - nur ein kleines Stück, kriegst es gleich zurück". Nicht doch, die hat er sich redlich verdient.

Höhepunkte werden immer da erreicht, wo Realität, Fiktion und Rollenprosa so zusammenfallen, daß sie schwerlich nur zu trennen sind. Gleichviel, ob Hans Duschke tatsächlich seinen 30jährigen Geburtstag betrauert; solange ihn der Text einer Bild-Serie aufzurichten vermag, ist die Scheinwelt in Ordnung. (Nur Mut: Das real-literarische Vorbild feiert dieser-tage seinen Achtzigsten.) Und wenn gar aus dem Nähkästchen des der Reformbühne nahestehenden Kabaretts "Die Samenbänker" geplaudert wird - ja, so könnte, ja so muß es sein.

Die Proben dieser Kabarettisten sollten unbedingt weiterbelauscht werden. Schließlich liebt das Publikum auch in einem noch so chaotischen Programm nicht nur Überraschungen, es freut sich auch, wenn es gewisse Standards wiedererkennt. Ansonsten freilich geht die Chaos-Theorie schon auf: Für unterhaltsame Abwechslung ist gesorgt, die Bereitschaft, Neues auszuprobieren (und aufzunehmen), ist erfreulich groß, und das Publikum nimmt auch nicht Gefälliges gelassen hin - wohlwissend, daß spätestens nach drei Minuten ein anderer was anderes präsentiert. Kurz: Langweilig wird es nie - und mit dem dezent die Kollekte einleitenden "Lied vom Zehner" (bei dem so mancher Groschen fällt, nur nicht jener, der damit gemeint ist) ist das "Rumpfprogramm" auch schon wieder rum. Schade, mehr wäre mehr gewesen. Aber das soll sich ändern, künftig will man nicht nur etwas mehr Ordnung in den Ablauf, sondern vielmehr noch viel mehr bringen.

(1995 / Ludwig Lang)




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