Komm an meine grüne Seide
Deutscher Kleinkunstpreis zum 20. Mal im unterhausverliehen - Ältester Kabarettpreis

MAINZ. An Kleinkunstpreisen ist das Land inzwischen reich, fast gibt es schon einen VerteiIungs-Wettbewerb. Der im Mainzer unterhaus vergebene Deutsche Kleinkunstpreis besitzt höchstes Ansehen, ist zudem der älteste und der am höchsten dotierte deutsche Kabarettpreis. Und nur selten habe die internationale Jury das Publikum in die Irre geschickt, meinte unterhaus-Geschäftsführerin Renate Fritz-Schillo bei der jüngsten Preisverleihung. Am Sonntag abend machten die Preisträger des Jahres 1991 Programm, zugleich fand ein Jubiläum statt: vor zwanzig Jahren wurde der Deutsche Kleinkunstpreis erstmals vergeben.

Damals hatten die drei vom unterhaus nach einer Erfindung gesucht, die helfen sollte, das angestaubte Image der Kleinkunst aufzupolieren - und den Deutschen Kleinkunst-preis aus der Taufe gehoben, der als erstem Hanns Dieter Hüsch überreicht wurde. Zur alten arche-nova-Glocke gab es damals noch keinen Scheck, nur Ehre. Da sind die jetzt in vier Sparten Gekürten, Georg Schramm (Kabarett), Manfred Maurenbrecher & Richard Wester (Chanson/Lied), Wolfgang Krause-Zwieback (Kleinkunst) besser dran: Ihnen wurde neben der Ehre die höchste Dotierung zuteil - jeder Preisträger erhielt 10 000 Mark Wegegeld. Auch der städtische Förderpreis zog in letzter Sekunde gleich: Oberbürgermeister Herman-Hartmut Weyel überreichte während der Live-Aufzeichnung von 3-SAT den Scheck der Stadtkasse an Lisa Politt und Gunter Schmidt alias "Herrchens Frauchen".
"Ich glaube, wir haben den Preis wirklich verdient", stellte Richard Wester lächelnd fest - das heftig applaudierende Publikum gab ihm am Ende des Konzertsplitters von Herzen recht. Gemeinsam mit dem Songpoeten Manfred Maurenbrecher machte der ehemalige Musiker in der Band von Ulla Meinecke auf der Bühne den Anfang in dieser langen Nacht der Kleinkunst. "Die Zeiten sind schrill geworden, mit leiser Musik unterwegs zu sein, das ist nicht immer leicht", meinte er. Daß es aber funktionieren kann, das führten die zwei vor.

Ihre Lieder sind gedankenvoll und doch leicht. Maurenbrecher singt, Wester begleitet, es gibt fliegende Wechsel am Keyboard, und Traumwelten, die doch meilenweit von Schlagerdusseligkeit entfernt sind, tun sich auf. In vier Strophen verpackt Maurenbrecher vielschichtige Geschichten - und Wester spielt die schönsten Melodien dazu - mundgemachte, vom Sax geflötete. Er ist ein Lustwandler auf den Tönen und Maurenbrecher ein Romantiker im Großstadtasphalt. Nicht nur in den Liedern, auch in ihren dem Kabarett nah verwandten Szenen ergänzen sich die beiden so unterschiedlichen Männer auf wunderbare Weise. Das Aneinandervorbeireden ist Thema eines sehr komischen Sketches, der mit einem Satz endet, der auch auf die Verbindung ihrer Künste zu passen scheint: "Aber die Herzen verstanden sich."

Mit dem Verstehen ist es beim zweiten Künstler des Abends schon eine schwierigere Sache. Wolfgang Krause-Zwieback, von Moderator Hanns Dieter Hüsch als Mischung zwischen "Wildtöter und Stadtindianer" angekündigt und "rebellischer als mancher Helmut-Kohl-Witz" stolpert als lächelnder Sandmann auf die Bühne. "Gefühle raus", "Geben Sie auf. Bleiben Sie hier", "Komm an meine grüne Seide". So geht das zehn Minuten lang. Der Sandmann versucht abzuheben. Die weiße Schminke zerläuft im Fluß der Wörter. "Voller Seesucht ans Meer fahren." Auch die Wörter lösen sich auf. Lallend erzählt der clowneske Mensch von den Meereswellen und findet sich wieder beim Wörtchen "eventuell". "Sekt koordiniert Punkte im Körper, die nichts miteinander zu tun haben können." Krause-Zwieback lehrt den aufmerksamen Hörer, Lautfolgen zu verknüpfen, die nichts miteinander zu tun haben. "Wo ein Wille, ist auch einer weg." Aber Verstehen ist nur die Hälfte. Vieles im dadaistischen Singsang bleibt rätselhaft und ist nur intuitiv zu erfassen als Teil einer Gegenwirklichkeit.

Unerwartet wird es politisch. Unterm sich drehenden Wimpelhütchen zeigt sich der Hofnarr jeglichen politischen Systems. Seinen heißen Stuhl, zweibeinig-einsitzig, hat er sich mitgebracht. Und setzt zu einer sinnentleerten Brabbelei an, aus der glasklar die eine Botschaft dringt: So reden Politiker pausenlos, wenn sie nichts sagen. Alles ist Hülse. Und Krause-Zwieback, der irre Klarsichtige, ist entlarvender als jeder kabarettistische Scharfmacher. Georg Schramm könnte man unter diese Kategorie einordnen. Es scheint, als habe sich der Kabarettist den Gestus des wilden Mannes auferlegt wie eine Buße, die es zu vollziehen gilt. Als Fernsehredakteur, unerkannt von manchen im Publikum, betritt er die Bühne. Und erfüllt seine heilige kritische Pflicht, indem er das eigene Gewerbe niedermacht. In seiner Ablehnung einer Kultur der Postmoderne, die nur noch den künstlerischen Kommerz sucht, steckt jede Menge Berechtigung. "Die Ladenpassage ist das Kulturzentrum von morgen" prognostiziert er und reduziert den zukünftigen Anteil der Kultur so: "Der Alltag wird ein bißchen kleine Kunst sein."

Aber Schramm hat nicht genug, er braucht Material, und so bekommt nicht nur das mitdrehende Fernsehen das ihm zustehende Fett ab ("Es ist konsequent, daß demnächst die Kabarettgeschichte gesendet wird"), sondern auch die Kollegen. Schonungslos verweist Schramm auf den "Vorleseopa" und meint Hanns Dieter Hüsch. Etliche Zuhörer reagieren mit lauten Buh-Rufen auf die Schelte, nach Programmende wird die Diskussion über diese Abrechnung leidenschaftlich und kontrovers weitergeführt. Hüsch bleibt souverän. Bevor er dem jüngeren Kollegen die Glocke überreicht, fügt er an: "Wenn er sie denn will, aus meinen Händen."
Schramm läßt eine langatmige Aufrüstungsdebatte folgen. Zur Hochform läuft er erst wieder als Rentner auf. Die Beschimpfung geht anders weiter. Wieder gelingt es ihm, das Publikum gegen sich aufzubringen. indem er Wahrheiten prägnant und ohne Schonung wiedergibt. "Amüsiert Euch weiter, wie es Euch gefällt", sagt er abschätzig und verläßt schließlich den Saal. Beim Schlußapplaus von demselben Publikum lächelt er wieder, und das geht nicht zusammen. So zornig, so haßerfüllt er sich darstellt, das Gegenüber braucht Georg Schramm denn doch. Nur zugestehen kann er es sich (noch) nicht.

Die Förderpreisträger Lisa Politt und Gunter Schmidt hatten es doppelt schwer nach diesem Ausbruch. Ihr Thema, der Geschlechterkampf' erschien schwach nach dem vorangegangenen Unwetter. Dabei bringen die beiden Persönlichkeit und - besonders die Frau im Bunde - enorm viel Power. Als emanzipierte Furie knechtet sie ihren zarten Partner mit den Wallehaaren - schön klischeehaft. "Solange man zusammen musiziert, ist nicht alles verloren". sagt sie, und daß die beiden an sich arbeiten, beweisen sie in ihrer komisch-gekonnten Cocker-Parodie. Als Lisa am Ende sogar ihr martialisches Gestampfe ablegt und zu piepsen beginnt, da darf man gewiß sein: Dieser Förderpreis wird noch mehr hervorbringen. Das Ergebnis wird sich möglicherweise im Herbst zeigen. Dann ist "Herrchens Frauchen" erstmals im unterhaus mit Komplett-Programm zu erleben. Auch die anderen Preisträger haben ihr Kommen zugesagt.

(März 1992 Mainzer Rheinzeitung / Stefanie Mittenzwei)




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