Wer Ausschau nach einem wie ihm hält, muß weit in die Ferne sehen können. Dort hinten am Horizont, irgendwo in Amerika, sieht man sie sitzen, die Zigarette im Mundwinkel, den Körper gebeugt über den Tasten ihrer Klaviere; der eine ist ein bißchen grantig, der andere ein wenig melancholisch, der dritte hat sowieso immer schlechte Laune. Randy Newman, Billy Joel und Tom Waits: In ihrem Bunde könnte man sich Manfred Maurenbrecher ohne weiteres als vierten vorstellen. Mit seinen drei Kollegen würde er eine Band gründen: "Die Wahlverwandten", so würden sie sich zweifelsohne nennen, ließen alle anderen großen Quartette der Rockmusikgeschichte als Gangs immergrüner Jungen erscheinen. Newman, Joel, Waits & Maurenbrecher: Gäbe es diese Rockband, man müßte sich keine Sorgen über die Zukunft der Rockmusik machen.
Aber ach, Manfred Maurenbrecher sitzt, die Zigarette imaginiert im Mundwinkel, den Körper gebeugt über den Tasten seines Keyboards, im Hindemith-Saal der Alten Oper Frankfurt. Und die Plätze von Randy Newman, Billy Joel und Tom Waits hält der Flötist, Saxophonist und Mundharmonika-Spieler Richard Wester besetzt. Das freilich bedeutet kein Manko. Denn Wester ist auf seinen drei Instrumenten mindestens so gut wie mindestens drei andere Musiker. Wer Wester an seiner Seite hat, braucht keine Band. Maurenbrecher und Wester, "Das Duo", wie sie sich selbst nennen, sind ein Zwei-Mann-Symphonieorchester zwischen allen Stilen. Das macht sie zu einem Konzertereignis, von dem immer noch, nach all den langen Jahren, viel zu wenige wissen. Im Hindemith-Saal verliert sich eine Handvoll Zuhörer.
Geheimtip auf Lebenszeit: Das ist wohl das Schicksal des heute zweiundvierzigjährigen Literaten, Sängers und Pianisten Manfred Maurenbrecher. Wäre er Amerikaner und gäbe es auf der Welt überhaupt so etwas wie Gerechtigkeit, ganze Fußballarenen müßten ihm zujubeln. Die Amerikaner lieben einen wie ihn, wie sie ihren Randy Newman, ihren Billy Joel, ihren Tom Waits ja, wenn nicht lieben, so doch wenigstens respektieren. Manfred Maurenbrecher jedoch stammt aus Berlin und hat sich, wiewohl er in seinen jungen Jahren viel unterwegs war, als Tramp und später als Reiseleiter in ganz Europa, nie allzuweit von seinen Wurzeln entfernt. Manfred Maurenbrecher ist ein deutscher Liedermacher. Und damit hat er bereits einen Großteil seines potentiellen Publikums verloren.
Selbst jene Zuhörer, die sich dazu bekennen, bisweilen gerne den hintersinnigen, hakeligen Reimen des einen oder anderen Liedermachers zu lauschen - was in den turboschnellen, stromlinienförmig eisglatten Neunzigern selten genug ist - drängen sich nicht vor der Türe, wenn Maurenbrecher auftritt. Seit gut zehn Jahren ist er schon auf der Suche nach dem Licht im "Labyrinth der Profi-Unterhalter", er hat bereits fünf eigene Schallplatten eingespielt und dazu für so unterschiedliche Kollegen wie Spliff, Hermann van Veen, Veronika Fischer oder Katja Ebstein getextet; dennoch ist Manfred Maurenbrecher nach wie vor der große Unbekannte in der deutschen Liedermacherszene. Daran ändert auch nichts, daß er im vergangenen Jahr - zusammen mit seinem langjährigen Bühnenpartner Wester - den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Lied / Chanson erhielt. Eine solche Auszeichnung kann leicht zum Stigma werden. Nun weiß man erst recht nicht mehr, wo man ihn einordnen soll; doch in Deutschland muß immer alles und jeder eingeordnet werden.
Dabei macht gerade die Summe dessen, was ihm fehlt, seine Stärke aus. Der promovierte Germanist - seine Doktorarbeit schrieb er über die frühe Prosa Hans Henny Jahnns - hat nicht die verschwitzte Larmoyanz Konstantin Weckers, nicht die penetrante Schnoddrigkeit Udo Lindenbergs und nichts von der alternativen Biederkeit Heinz Rudolf Kunzes. Dennoch könnten alle drei mit dem einen oder anderen Lied aus Maurenbrechers Repertoire reüssieren, denn auch das ist Maurenbrechers Kunst: Er hat für alles und jeden ein Lied, über die Liebe und das Leid, die Gesellschaft und den einzelnen, die große Politik und die kleinen Fluchten, gute Ideen und schlechte Gewohnheiten.
Doch kaum ist das Lied verklungen - ,,Rollengedichte" nennt Maurenbrecher zutreffend seine Texte -, tut er so, als habe er es nie gesungen. Das Leben geht weiter, ein neues Lied erklingt. Und dieses neue Lied behauptet nicht selten genau das Gegenteil dessen, was vorher zu hören war. So schafft man sich keine Fans; schon gar nicht damit, daß man keine Gelegenheit ausläßt, darauf hinzuweisen, "keine Neigung zu Wunderkerzen und Mitklatschrhythmen" zu haben.
So bleibt man aber ein interessanter Musiker. Maurenbrecher, der "zaghafte Anarcho" , wie er sich selbst nennt, war ohnehin noch nie auszurechnen, im Verein mit Wester ist aus der Gleichung mit mehreren Unbekannten eine mit unendlich vielen geworden Es ist faszinierend mitzuerleben, wie Westers fulminante Saxophon-Improvisationen Maurenbrechers spröden Worten, die stets mehr meinen, als sie sagen, das Tanzen lehren; wie im Gegenzug Maurenbrecher mit seiner Stimme die in sich alle die vermeintlich schlechten Eigenschaften der Stimmen großer Nicht-Sänger von Bob Dylan über Lou Reed bis hin zu Tom Waits vereinigt und gerade deshalb unverwechselbar ist die Melodienbogen Westers interpunktiert, ja gleichsam zerhackt. Und großartig ist, wie beide dann gemeinsam aus den Bruchstücken die Struktur eines neuen, wiederum trügerisch eingängigen Songs entwerfen, um gleich darauf neuerlich mit ihrem Zerstörungswerk zu beginnen. Dieses Spiel läßt sich fortsetzen in alle Ewigkeit. Und wenigstens dessen darf man sicher sein: Manfred Maurenbrecher und Richard Wester sehen keinen Grund, jemals damit aufzuhören.
(Nov. 1992, FAZ / Andreas Obst)
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