Jede Menge Musik
Genial: Maurenbrecher & Wester im unterhaus

Der eine könnte mit Fassbinder verwandt sein, der andere mit Magnum. Aber nein, sie sind ganz sie selbst und auf schiefe Vergleiche überhaupt nicht angewiesen: Manfred Maurenbrecher und Richard Wester. Der kleine und der große Mann ergänzen sich vorzüglich in ihrem musikalischen "Kontrastprogramm", das jetzt im unterhaus läuft und so gut ist, daß man endlich glaubt: Nun sind Ostern und Pfingsten doch einmal zusammengefallen.

Maurenbrecher, der Dichter und Sänger, sitzt am Klavier, und er singt mit rauher Stimme zarte Lieder voll von Stimmungen. Wer den frühen Udo Lindenberg zurücksehnt, wer Klaus Lages Phrasen schon lange nicht mehr glaubt, und wer Wolf Maahn nicht nur beim Open Ohr Festival ein Stückchen daneben fand, der sollte sich diesen querköpfigen, sanften Liedermacher mit der Brille und dem Hut merken. Deutschsprachige Songs haben durch Manfred Maurenbrecher wieder Inhalt, Witz, Power.

"Spürst du den Fahrtwind?" fragt er in einem Lied und in einem anderen: "Weißt du noch?" Melancholie schwingt mit, aber auch Kraft, denn dieser Barde ist ganz von dieser Welt, selbst wenn er an die Macht der Phantasie und der Hoffnung glaubt.

"In der Nachbarschaft" heißt sein Antihit und beschreibt Berlin als die Großstadt, die es ist: nicht schön, aber ein Stück Heimat, seine eigene. Im unterhaus widmete er den Song der "Heerschar idyllischer Beamten, die sich bald von ihrer langweiligen Stadt am Rhein werden aufmachen müssen". Die Maurenbrecher-Lieder sind nicht einfach Lieder, in vielen ist ein Gutteil Satire versteckt - und jede Menge Musik steckt in ihnen.

Hier ist von Anfang an Richard Wester, der Komponist und Tausendsassa auf mannigfaltigen Blasinstrumenten im Spiel. Das Saxophon wird unter seinen Händen lebendig, es schluchzt, es droht, es verteilt kleine, böse Seitenhiebe - als der Meister, der nicht nur Musikfreaks zu betören weiß, ins jubelnde Publikum hinabsteigt und die Töne spazieren gehen läßt. Als Maurenbrecher am Klavier sein Berlin besingt, malen die verzückten Ausbrüche von Westers Sax einen Regenbogen an den City-Himmel.

Fliegende Wechsel zwischen Tasten- und Blasinstrumenten führen die beiden Musiker vor, sie sind ein ganzes Orchester, ob sie nun Erinnerungen an "Perpignan" aufspielen oder ironisch einen vorbeikommenden Märchenprinzen besingen. "Ich wär so gern ein Zug", beschreibt Maurenbrecher seinen liebsten Traum - die unterhaus-Zuhörer sind auf jeden Song des Duos, das bald ganz oben stehen dürfte, im Hochgeschwindigkeitstakt abgefahren.

(Mainzer Rheinzeitung Mai 1991 / Stefanie Mittenzwei)




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