Storys und Songs mit Sogwirkung
Stille Sensationen: Manfred Maurenbrechers neue Langspielplatte "Nichts wird sein wie vorher"
Den promovierten Germanisten merkt man ihm nicht an. Weder auf der Bühne, noch im persönlichen Gespräch. Und selbstverständlich läßt er den Doktortitel vom Briefpapier, vom Klingelschild und ließe ihn - hätte er welche - auch von Visitenkarten. Manfred Maurenbrecher, eine der eigenständigsten Erscheinungen auf dem Sektor der populären Musik der Bundesrepublik, hält von akademischen Ehren so wenig wie vom vordergründigen Glanz kunsthandwerklicher Geschicklichkeit. Gern schludert er die Reime aufs Papier wie die Melodien ins Mikro und deren Begleitung auf die Tasten des Flügels. So gar nichts Besserwisserisches, Hochgezüchtetes oder Raffiniertes haftet diesem schrulligen Mann an, wenn er schwitzend ins Klavier faßt, als müsse er die Töne von den Tasten reißen.

Dabei sind seine Songs literarisch, sie stecken voller Kraft und Ausdruck, nähern sich dem Hörer vorsichtig, um dann, einmal angekommen, um so nachhaltiger zu treffen. Wie kein anderer hierzulande schafft Manfred Maurenbrecher Platz zwischen den Zeilen. Dort, in dem Bereich, den der Hörer selbst sich zu eröffnen hat, findet das meiste statt, warten Erlebnisse, Rührung und Schrecken auf ihren Entdecker.

Wie in einem Slalom geht man als Hörer durch die Geschichten, die Maurenbrecher erzählt, sieht schemenhafte Gestalten, die umkreist, aber nicht berührt werden. Man befindet sich auf der Szene, in verrauchten Kneipen und Buden, steht an Häfen oder Flugplätzen, schlendert übers Kanzlerfest oder trampt durch Frankreich. Und plötzlich greift eins der Schemen mit fester Hand nach einem und faßt direkt ins Herz. ,,Wir warn bloß zwei Jungs die dachten, die Welt geht erst los..." ist so ein Satz mit direkter Wirkung. Oder der Refrain "Nein ich will nicht weg von dir / das war doch nur ein Scherz / Immer lieg ich neben dir / und hör dein Herz / Ich war doch nur spaziern / Flußabwärts..." Dieses Aufblitzen von Klarheit in einer ansonsten tastenden Sprache beherrscht Manfred Maurenbrecher meisterlich. Wer bis an solche Punkte mit ihm zu gehen bereit ist, erlebt Sensationen.

Er ist von Platte zu Platte gewachsen, und so verwundert es nicht, daß die fünfte LP "Nichts wird sein wie vorher" so überzeugend und beeindruckend ist wie keines der vorhergegangenen Alben. Mag sein, daß der erfahrene Top-Produzent Udo Arndt (unter dessen Regie unter anderen die Rainbirds, Rio Reiser und Ulla Meinecke ihre Songs einspielen) hier für den entscheidenden Schritt nach vorn gesorgt hat. Koproduziert von eben dieser Ulla Meinecke und begleitet von der Creme deutscher Musiker ist jedenfalls eine kluge Musik um Maurenbrechers Texte entstanden, deren Sogwirkung spätestens beim zweiten Stück nachhaltig einsetzt und bis zum letzten Song anhält.

Ausgerechnet das erste Stück der Platte mit dem sinnreichen Titel "Einstiegsdroge" klingt ein bißchen steif und ist nicht in der Lage, gleich anfangs schon zu halten, was die ganze LP verspricht, aber dann geht es los: "Kleine Geschenke" zieht einen tief hinab in einen Zeitstrudel, dem man nur entkommt, indem man sich vom nächsten Stück "Die kleine Schwester fliegt zum Mond" ein anfangs belustigtes, dann immer melancholischer werdendes Lächeln entlocken läßt Ein Kabinettstück folgt dem anderen, mal rührend, mal aberwitzig, mal voller Aufrichtigkeit und dann wieder hinter, ab- und tiefgründig geht es zu, und nach dem letzten Stück stellt man fest: Die "Einstiegsdroge" hat doch funktioniert Die Platte macht süchtig.

Aktuelle LP: Manfred Maurenbrecher, "Nichts wird sein wie vorher" (CBS)

(Juni 1989 Nürnberger Nachrichten / Thommie Bayer)




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