AUFBRUCH IM MORGENGRAUEN

Morgens, acht Uhr. Das Nest Steinbergholz liegt verschlafen da. Winter ist nicht seine Jahreszeit. Trotzdem haben sich hier an der Flensburger Förde drei Männer verkrochen. Sie pendeln zwischen Richard Westers weißem Haus in Steinbergholz und dem noch näher an der Förde liegenden Noorgardholzer Kinderhaus. Terroristen?

Musikalisch ja. Mit Klavier, Saxophon und Gitarre proben die drei Männer im Schnee den Aufstand. Während 400 km von hier entfernt in Berlin Jim Rakete, der Produzent und Manager von Nena, Spliff und Co. die Bombe platzen läßt und den Ausstieg aus dem Plattengeschäft bekanntgibt, um wieder das zu machen, was ihm Freude bringt, treibt das Trio an der Förde schon längst, was und wie es ihm gefällt. Gleich im neuen Jahr hatten sich der Berliner Songpoet Manfred Maurenbrecher und der inzwischen auch als Maler und Romanautor bekanntgewordene Musiker und witzelnde Liedermacher Thommie Bayer ("Der letzte Cowboy") bei Freund Wester zusammengefunden, um den Coup vorzubereiten.

Der Coup sollte ursprünglich eine Bahnfahrt durchs verschneite Deutschland sein. Richard Wester, Saxophonist u.a. von Ulla Meinecke und Stefan Waggershausen und demnächst mit eigener Maxi-Single auf dem Markt, erklärt "A7" am Morgen vor dem Aufbruch zu dem Wintermärchen: "Wir wollten zurück zum Ursprünglichen. Eine Tour machen, bei der man noch tingeln muß, ohne einen Troß von Technikern und den Tour-Sattelschlepper im Nacken." Ausgeheckt haben die drei den Plan vor anderthalb Jahren. Jetzt ließen die Terminpläne den Winterzauber zu: Manfred Maurenbrecher wird danach seine fünfte LP einspielen, Richard Wester die erste, und Thommie Bayer will in diesem Jahr - so verriet er uns - weniger mit seiner Band machen und dafür mehr an seinem zweiten Roman schreiben.

Sowohl der promovierte Germanist Maurenbrecher (Jahrgang 1950) als auch der drei Jahre ältere Thommie Bayer waren zum ersten Mal an der Förde und fühlten sich gleich wohl. Nicht zuletzt im Studio von Helmut Scharnowski in Noorgaardholz. Der Diplom-Sozialpädagoge, der hier ein Kinderhaus samt Kinderband betreibt, flachste ob des prominenten Besuchs: "Wir werden hier noch zu einer Kulturenklave."

Eine Woche lang arbeitete das Trio am eigenen Programm. Jeder brachte aus seinem Repertoire Stücke ein, die dann gemeinsam neu arrangiert wurden. Manfred Maurenbrecher: "Da kriegst du von deinen eigenen Liedern ganz neue Eindrücke und merkst, wo deine Grenzen sind." Thommie Bayer schwärmte unterdessen: "Endlich mal wieder alles handgemacht." Wenn das Klaus Voormann gehört hätte, der nur ein paar Kilometer weiter seinen gastlichen Landsitz Börnmoos hat! Als das Programm stand, ging's zur Generalprobe ins Sportlerheim der TSG Scheersberg. Stars, die sonst teure Konzerte geben, waren hier einen Abend lang kostenlos zu hören: Geheimtip.

Danach packten die drei Männer im Schnee die Sachen. Aus der Bahnfahrt wurde zwar letztlich doch nichts. Eine Managerin hatte die Sache in die Hand genommen. Am Abreisetag händigte sie den Musikern ein säuberlich geheftetes Tourheft aus, in dem akribisch Auftrittsdaten, Kilometer-Entfernungen und die Übernachtungshotels aufgeführt waren. Auch ganz ohne Technik kam man nicht aus, aber - so Richard Wester: "Es bleibt ein Hauch von Abenteuer".

Helmut Scharnowski stellte den Tour-Bus mit FL-Nummer; erster Auftritt sollte die Stadthalle in Freiburg sein. Hier wurde die Winterreise sogleich zum Winterzauber. Die Grünen veranstalteten die gleichnamige Wahlshow, und Rio Reiser, König von Deutschland einerseits und Freund aus Berliner Zeiten von Manfred Maurenbrecher und Richard Wester andererseits, gesellte sich spontan zum Trio. Natürlich kannte er die Kompositionen der drei; so fand er sich schnell in die neuen Arrangements ein.

An der Flensburger Förde begann dieser im Showbusiness wohl einmalige Versuch dreier Musiker, dem Studio- und Staralltag zu entrinnen, hier soll er am 15. Februar auch enden. "Ihr kommt doch nach Flensburg?" wollte "A7" vom Trio wissen, kurz bevor es im Morgengrauen aufbrach. 21 Konzerte zwischen der Offenbacher Stadthalle und der Aula der PH Weingarten, zwischen Frankfurt, Berlin, Hamburg und dem "Speicher" in Husum waren vorgesehen, aber kein Auftritt in der Fördestadt. Die Musiker zuckten die Achseln: "Mal sehen." Aber paar Tage später schaute Helmut Scharnowski bei "A7" vorbei und reichte den fälligen Termin nach: Am 15. Februar, 20 Uhr beendet das Trio Bayer, Wester, Maurenbrecher seine Winterreise mit einem großen Schlußkonzert in Flensburg, Musiksaal Deutsches Haus. Wie gut, daß wir die Kulturenklave an der Förde haben.

Feb. 1987, A7




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