Manfred Maurenbrecher macht die Tür auf. Sein Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln, das so breit ist wie die Tür. Seine Augen hinter den ungetönten Gläsern seiner Hornbrille blitzen, und seine Haare stehen verstrubbelt in alle Himmelsrichtungen. Er ist nicht besonders groß, nicht schlank und trägt ein zerknautschtes dunkelblaues, großkariertes Flanellhemd und keine Jeans. So, wie er aussieht, habe ich irgendwo gelesen, wird er wohl nie ein Star. Er sieht aus, als sei er grade aus dem Bett gefallen. Aber dafür wirkt er zu wach.
Die Schlafzimmertür ist ausgehängt. Bodenlange helle Vorhänge vor den Fenstern, der Fußboden ausgelegt, ein großes Bett, daneben eine Stehlampe und ein Stuhl mit Büchern. Ein kleiner Fernseher auf einem Ständer, eine großblättrige Grünpflanze. Wir setzen uns in die Küche und trinken Kaffee. "Das ist meine erste eigene Wohnung", sagt er. "Es ist schön, allein zu sein."
Im bayerischen Bad Tölz habe ich ihn zum erstenmal gesehen. Er spielte auf Einladung eines Kulturclubs namens "Lust e.V." in einer alten Schule - und rückte den 30 oder 40 Zuhörern ganz schön nahe auf die Pelle. Der Raum war flach und wirkte dadurch enger, als er war, und das Klavier stand ein wenig erhöht, seitlich zum Publikum. Manfred Maurenbrecher kam zur Tür herein und ging mit einer Art Matrosengang zum Klavier. Er ruderte mit einem Arm und schwenkte mit dem anderen seine Blätter. Seine Bewegungen waren von tapsiger Eleganz. Er hockte sich vor das Klavier, drehte den Kopf seitwärts zum Publikum und hieb in die Tasten, daß das Instrument erbebte. Es war ein japanisches Klavier und bei weitem nicht so massiv wie die herkömmlichen.
Und wie er loslegte: Er hypnotisierte das Publikum förmlich in dieser unbequemen Körperhaltung, schlug in die Tasten, seine Schultern zuckten ruckartig vor, und es sah aus, als beabsichtige er, in das Instrument hineinzukriechen. Das Klavier fing bedrohlich an zu wackeln, seine Blätter rutschten zu Boden, und seine Brille war auf gefährlicher Talfahrt zu seiner Nasenspitze.
Seine Stimme hat tatsächlich einen eigenartigen Reiz, und wenn er singt, verschluckt und verknappt er Wörter und Silben und zwingt dadurch zum Hinhören.
Das zweite Mal war er zu einer Aufzeichnung fürs Kabel-TV im Münchner Café Giesing, und ein Fernsehmitarbeiter bemerkte mit aufgesetztem Scherzton, jetzt könne man sich Maurenbrecher grade noch leisten, er sei ja auf dem Weg nach oben. Tatsächlich nannte ihn die Zeit schon 1983 "die einzige wirklich große Entdeckung der gehobenen deutschen Unterhaltungsmusik, Abteilung Liedermacher", und der Stern murmelte noch etwas von "literarisch angehauchter Kellermusik" dazu. Die Schublade für den sperrigen Maurenbrecher ist noch nicht parat, man ist sich über das Etikett für solche Texte noch nicht einig: "Und ein kleiner Junge spielt mit dem Lehm einer Pfütze. / Da drüben die Eiche, / das könnte der Baum sein, / an den sich Holger Börner gelehnt hat, / als er mit den Grünen ins Geschäft kam. / Und da in dem Wäldchen / sind Terroristen verblutet, / und nachher / ist dort Karl Carstens gewandert."
In seinem Arbeitszimmer steht ein Schreibtisch vorm Fenster, vor der Wand ein Klavier, ein programmierbarer Synthesizer (Juno 60), ein Vierspurkassettenmischpult (Tascam), ein Drum-Computer und ein Mikrophon. Was er so aufnimmt, kann er auf eine Kassette abmischen.
"Ich halte nicht viel vom Geschmack der Menschen", sagt er, "'ne Lampe soll man anknipsen, und sie soll gut aussehen. Und genauso wollen sie das Radio anmachen, und es sollen ein paar angenehme Klänge herauskommen, die sie schon mal gehört haben. Das kenne ich, das finde ich gut. Ich hab' nie begriffen, warum die Leute erfreut reagieren, wenn sie etwas schon kennen. Verreisen irgendwohin und sagen, oh, ist ja alles wie zu Hause, ist ja schön." Er lacht. Er geht gern zu Fuß, sagt er, manchmal von der Kantstraße bis zum Wannsee, dann mit der S-Bahn zurück. Songs entstehen aus Notizen, die er überall macht.
"Flußabwärts", ein Lied von seiner letzten Platte (Viel zu schön): "Ich wollte einen Song schreiben über Leute, die gegen den Strom schwimmen. Wir halten's nicht mehr aus, und wenn wir's machen, dann packen wir's auch. Das war eine Kopfüberlegung. Dann hab' ich eine Melodie genommen, die ich eigentlich für jemand anders geschrieben hatte", er summt sie vor sich hin, gerät in Bewegung dabei, sein Oberkörper wiegt sich vor und zurück, er wedelt mit den Armen, seine Zigarette zieht eine Rauchfahne durch die Luft, "dann hab' ich am Klavier herumgespielt und es mit "Flußaufwärts" probiert und auf Band genommen. Ich hatte den Satz "Ich seh' dich schlafen, und ich seh' mich in der Tür!" - er springt auf, zum Klavier, schlägt ein paar Töne an, summt dazu. "Zum Schluß störte nur noch ein Wort: "Flußaufwärts". Mit "Flußabwärts" ging's dann." Er fährt sich mit der Hand durch die Haare und verrubbelt sie noch mehr. "Na ja, es ist unterschiedlich. Bei dem Song "Die Lücke" (LP Feueralarm) bin ich von einer konkreten Person ausgegangen, das war so ein altlinker Manager, ein furchtbar cleverer Typ. Den hab' ich mal auf einer Fete beobachtet und hab' mir gedacht, was der wohl für einen Mist erzählt, wenn der Tag lang ist." "Ich mußte an diesem Abend noch / ins Koordinationsbüro nach Bonn: / Frauenmarsch nach Wien und Reagan-Besuch, / und die Bilanzen der Butterproduktion. / Ich entwarf einen Aufruf für Behinderte und Schwule, / doch ich war nicht mehr so recht dabei. / Dann kam noch der Typ von Christen schweigen für den Frieden, / und wir redeten bis nachts um drei." Und: "In der ESG war ein Abrüstungshungern, / und ich machte 'ne Stunde mit."
Ein Chronist der Szene mag er mit dieser, seiner vorletzten LP wohl gewesen sein. Ein Mann des latzhosenhaften Einverständnisses jedoch nicht.
"Hast du eigentlich Ehrgeiz?"
Er seufzt tief. "Wenn es das Drumherum nicht gäbe, hätte ich nur den Ehrgeiz, so gut wie möglich zu sein, so dicht wie möglich; so war das jedenfalls, als ich das nur für mich gemacht habe. Das ist ja erst vier Jahre her. Wenn ich genug Geld hätte, würde ich wahrscheinlich nicht mehr soviel machen. Ich würde was machen, aber nur für ein paar Leute, die von sich aus kommen und das hören wollen."
"Es gibt schon drei Platten: Beutevogel, Feueralarm, Viel zu schön."
"Ja, und jetzt weiß ich auch, wie dieses Geschäft läuft, daß es einer Menge von Leuten auf so was wie Dichtigkeit überhaupt nicht ankommt. Leute, die jetzt zum Beispiel auf Tom Waits abfahren", er persifliert den Szene-Jargon, "Tom Waits ist ja so was von angesagt! Der kannte keinen einzigen Song von ihm, interessierte den auch gar nicht. Ich war ein bißchen naiv."
Abends im Büro beim Rakete. Dezentes Licht von Schreibtischlampen, es ist warm, der Boden weich ausgelegt, die Sekretärinnen schon gegangen. An der Wand schimmert eine lange Reihe Goldener Schallplatten. Wir trinken Kaffee. Raketes Schreibtisch ist überladen. "An dem Tag, an dem mein Schreibtisch aufgeräumt ist, kannst du mich vergessen", sagt er und setzt sich an den aufgeräumten Schreibtisch einer Sekretärin. Ich sitze ihm gegenüber, rechts von mir, nahe bei Rakete, Maurenbrecher. Rakete zieht an seiner Pfeife, die ihm immer wieder ausgeht, hört ruhig zu, denkt nach. Erst stumm, dann laut. Es geht um einen TV-Auftritt Maurenbrechers im hessischen Fernsehen.
"Fernsehen ist Fernsehen", sagt Jim Rakete, "die Leute glauben nicht, was du sagst, sie glauben, wie du es sagst. Sie glauben, was sie sehen, man muß die Phantasie des Zuschauers aktivieren." Mehrmals unterbricht das Telefon.
Später frage ich Manfred Maurenbrecher: "Fabrik Rakete, was ist das eigentlich genau?"
"Das sind verschiedene Projekte, die betreut werden, enge und lose. Ich bin davon sicher das unlukrativste. Ich habe eine enge Beziehung zu Herwig (Mitteregger). Wenn er eine Platte macht, hab' ich Anteil daran, mach' einen Text, komme auch zu ihm ins Studio. Jim Rakete sehe ich nicht sehr oft, aber wir haben beide Achtung voreinander. Wir sind auch beide romantische Typen. So, wie ich stundenlang Dylan hören kann, hört er stundenlang Springsteen. Das sind beides Leute, die das machen, weil sie's machen müssen, die sich selber ganz in ihren Sachen ausdrücken, die das nicht kalkuliert machen, nicht überlegen, wie komme ich an, sondern die einfach gar nicht anders können. Und Rakete ist jemand, der danach sucht, mit einer guten Nase, mit viel Verbindungen, mit viel Geschick, mit Leuten umzugehen und Leute zusammenzubringen. Dabei das ganze Gegenteil eines Geschäftemachers. Er hat mir gleich gesagt, daß es Jahre dauern kann, daß es ein Pakt ist auf lange Zeit."
Seine erste Platte kam 1982 zur Zeit der Neuen Deutschen Welle heraus. "Damals hatte Rockmusik Erfolg, nicht unbedingt so was, was ich machte. Und meine erste Platte (Beutevogel) ist die unzugänglichste von allen dreien."
Manfred Maurenbrecher ist fünf Jahre nach Kriegsende geboren. Er war Einzelkind mit Kontaktschwierigkeiten, und die Schule war ihm ein Greuel. "Meine Eltern waren Büchermenschen, meine Großeltern Schauspieler. Mit meinem Großvater hab' ich viel gemacht. Wir haben 'ne Zeitung rausgegeben, Sketche ausgedacht, die wir dann gespielt haben. Ich hab' immer viel gelesen, viel geschrieben und dann weggelegt. Wußte hinterher gar nicht mehr, was es war. Jetzt bin ich sehr mißtrauisch gegenüber allem, was ich schreibe, eher kontrolliert. Die Ausgangspunkte für meine Lieder sind nicht mehr fertige Gedanken, sondern Wörter und Sätze. Ich weiß überhaupt noch nicht, worauf das hinausläuft. Ich hatte ja Klavierunterricht, und der Lehrer war ein toller Typ. Der hat mich ernst genommen. Er war Atheist, hatte eine ganz klare, ironische, auf sich gestellte Weltsicht. Vom Blatt spielen, das wurde nichts, hab' nicht genug geübt. Er riet dann, das abzubrechen, hatte aber gemerkt, daß mich das interessiert, wie die Stücke aufgebaut sind, und er könne mir Harmonielehre beibringen. Das war mir sehr recht. Quintenzirkel, Verwandtschaftsbeziehungen. Ich weiß darüber mehr, als man in meinen Sachen hört. Ich finde das auch sehr spannend, den Aufbau der Musik. Mit sechzehn hab' ich angefangen, meine Texte zu vertonen. Das waren mehr Musikgedichte, ganz naiv und spontan. Heute bekommt man ja, mehr als früher Sachen vorgesetzt, die standardisiert sind Bei 'Positively 4th Street' (Bob Dylan) hab' ich das Gefühl, da spricht jemand über sich selbst. Wann hat man das heute schon? Ich kenne genug Leute, die sitzen ein Jahr lang an einem Song und bringen gleich eine ganz ausgeklügelte Demo-Kassette mit."
"Wer macht eigentlich einen Hit? Der Rundfunk?"
"Die testen Sachen an, die sie für hitmäßig halten, spielen das laufend, und wenn keine Reaktionen kommen, lassen sie es wieder fallen. Oder jemand mag deine Sachen, dann spielt er sie auch. - Man muß sein Stammpublikum haben. Wann wird denn Degenhardt oder Biermann mal im Rundfunk gespielt? Hüsch macht ein Konzert und hat immer 800 Leute, jeden Abend. Der ist auf den Rundfunk nicht angewiesen. Andere haben nur mittelmäßige Verkäufe, aber immer ein volles Haus, wenn sie spielen. Das wird auch in zehn Jahren noch so sein."
"Und die gezielte Hit-Single, um sich kommerziell durchzusetzen? Man hört das ja doch immer wieder: Ein paar Fachleute hocken sich hin und denken sich ganz gezielt ein Produkt für den Markt aus."
Er lacht. "Wenn mir das so ohne weiteres einfiele, würde ich es schon machen. Ich hatte Angebote von Leuten, die Hit-Singles schreiben, und das sind dann auch tatsächlich welche. Das mach' ich, glaube ich, nicht. Und wenn ich's machen würde, würde ich nicht darüber reden." Er grinst und spielt mir was von Kunze vor.
Seine finanzielle Basis sind die GEMA und Plattenverkäufe. Gelegentlich schreibt er auch für andere, Spliff, Steinwolke, Cosa Rosa, Veronika Fischer.
Aufgewachsen ist er in der Wirtschaftswunderzeit; als er Abitur machte, erlebte er die Studentenunruhen mit. Er studierte Germanistik. "Als Schüler las ich in einem Spectaculum-Band ein Stück von Hans Henny Jahnn, Thomas Chatterton, das handelte von einem Jungen, der Gedichte schrieb, 18. Jahrhundert, und der wurde von allen runtergemacht und hatte einen Freund und ein ziemlich zynisches Verhältnis zu Frauen, hatte eine Weile Erfolg und mußte sich schließlich umbringen, weil sie ihn ausgebootet hatten. Das hat mir gefallen, weil es so rebellisch war und weil es in der inneren Umgebung spielte, in der ich auch war, zwischen Freunden und in einem Widerstand zur Außenwelt. Ich dachte damals, der Autor könne gar nicht viel älter als ich sein, und dann hab' ich festgestellt, daß er Mitte Fünfzig war, als er das geschrieben hat. Dann hab' ich die Romane gelesen. Mir gefiel die Atmosphäre, das Melancholische, ich hab' mich da wiedergefunden. Bei Jahnn ist alles von Sex und Erotik durchtränkt, nur daß es nie dazu kommt. Im ganzen Werk wird nicht einmal beschrieben, wie ein Mann und eine Frau zusammen schlafen, und wenn, dann heißt es nur 'sie sanken ineinander ein', 'es war wie ein Schiff auf den Wellen' oder so ähnlich. Auch zwischen Männern nicht, nur viele Küsse, viele Wunden. Einmal in seinem letzten Roman wird ein homosexueller Akt angedeutet. Der führt dann aber auch gleich zum Tod von einem der beiden."
Manfred Maurenbrecher hat über Hans Henny Jahnn promoviert, seine Dissertation "Subjekt und Körper. Eine Studie zur Kulturkritik im Aufbau der Werke von H. H. Jahnn, dargestellt an frühen Texten" ist 1983 erschienen. Die Beschäftigung mit Jahnn, den der Brockhaus Schriftsteller, Orgelbauer, Baumeister und Biologen nennt, hat auf Maurenbrechers Texte abgefärbt: "Sicher gibt es Parallelen zu Jahnn. Die Freundschaft zwischen zwei Jungs, das Rückerinnern an früher, und ich schreibe ja auch keine Songs, wo ich Sex beim Namen nenne." Maurenbrechers Texte arbeiten mit assoziativen Bildern und Andeutungen, seine Sprache erfaßt das Klima der Worte, schafft Raum für ihre Mehrdeutigkeit.
"Und die musikalischen Wurzeln?"
"Romantische Klaviermusik aus dem 19. Jahrhundert und auch Lieder aus der Zeit, zum Beispiel Schuberts Winterreise. Das hat mir immer viel bedeutet. Später, mit 44 Jahren, hab' ich zum erstenmal bewußt gehört, was man damals Beatmusik nannte. Und Dylan und Cohen. Beides, Schubert und Rockmusik, ist gar nicht so weit voneinander entfernt, arbeitet mit den gleichen Harmonieklischees. Man könnte viele Sachen von Schubert auch so arrangieren, daß sie so klingen, als wären sie von Moroder. Was mich überhaupt nicht geprägt hat, das ist die Tradition aus den Zwanziger Jahren, das ist viel später dazugekommen, Brecht, Weill, Eisler oder auch diese tollen Leute wie Hollaender, das hab' ich erst viel später wahrgenommen. Mit 17 mochte ich Degenhardt, seine frühen Sachen. Das ist immer noch gut. Zwar ein bißchen langatmig, aber mit so einem geheimen Witz. Degenhardt fing ja dann an, die Leute zu belehren, 'Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf' et cetera. Da hab' ich ein wütendes Gedicht geschrieben. Überhaupt hab' ich viele Gedichte geschrieben, bin auch jahrelang zu den Lesungen in den Buchhändlerkeller gegangen. Ich war in eine junge Buchhändlerin verliebt, mit der hab' ich kein Wort geredet."
1977 trat er mit einer Gruppe auf, die sich "Trotz und Träume" nannte. "Das waren ein paar Leute, die sich durch eine Anzeige einer Spontizeitung zusammengefunden hatten. Unser Thema war die Männerrolle: 'Kleiner Mann, was nun' und 'Wenn Männer aus den Rollen fallen'. Wir hatten acht Songs und spielten in einer Kneipe in Moabit, und nach dem ersten Lied sagten die Leute sofort: 'Da möchte ich mal einhaken, dieser oder jener Aspekt scheint mir nicht ganz richtig.' Zwischen den Songs also immer wieder Diskussionen, die acht Songs dauerten insgesamt sieben oder acht Stunden. 1973 war ich schon zweimal die Woche im FolkPub aufgetreten, mit Klavier. Ich hab' dann damit aufgehört und bin trampen gegangen. Syrien, Türkei, Spanien, Griechenland. Allein. Hab' auch Jobs als Reiseleiter gemacht. Da hab' ich gelernt zu reden. Auch zu schwindeln."
"Hat dich das berührt: der Maharishi der Beatles, TM, Scientology, Bhagwan, die neue Religiosität?"
Manfred Maurenbrecher setzt sich in seinem Stuhl zurecht und macht eine energische Handbewegung. "Überhaupt nicht! Für mich hat das alles nicht viel mit Religion zu tun. Leute aus meinem alten Freundeskreis, also nicht aus der Musikszene, die sind geradezu therapiesüchtig, rennen von einer Meditation zur anderen, jedes Jahr ist was anderes dran. Ich hatte immer das Gefühl, das ist ein Gastronomiebetrieb, da wird man versorgt, wird eine bestimmte innere Leere aufgefüllt, und mehr ist es nicht. Das hat mich nie berührt. Ich hab' mal 'ne Bhagwan-Kassette gehört und finde, der kann nett plaudern. Reagan kann das auch. Ein gewisser Charme beim Sprechen, mehr ist es nicht."
"Wie erklärst du dir denn diese Hinwendung zu Gurus?"
"In den Regionen, wo wir leben, ist die Entfremdung so weit fortgeschritten, daß die Menschen eigentlich überflüssig geworden sind. Du kommst auf 'ne Welt, die dich überhaupt nicht mehr braucht, wo alles danach organisiert ist, daß du am besten wieder verschwindest, und wenn du schon nicht verschwindest, daß du soviel wie möglich kaufst. Um zu kaufen, brauchst du Geld, und deshalb mußt du arbeiten, aber aus keinem anderen Grund.
Wenn jetzt Sekten kommen, die sagen, wir sehen einen Sinn, dann haben die natürlich großen Zulauf. Ich selbst bin eher ein Typ, der dieses Leben als Luxus genießt."
Bei einem Konzert in Frankfurt sagte er vor dem Song "Bingerbrück": "Es gibt in meinem Leben eine Frau, die immer wieder auftaucht, manchmal denke ich, es kann eigentlich nicht die gleiche sein. Sie sieht auch anders aus, aber es ist dieselbe, und sie kommt immer wieder."
"Also: Frauen", sage ich und denke an sein Lied "Viel zu schön". "Ich schenk uns einen Ort ganz ohne Zeit. / Da stehn wir uns dann gegenüber, / so wie jetzt und so wie früher. / Ohne uns zu berühren, / nur um uns anzusehn. / Ich kann nichts machen, / es ist so wie damals, / du warst mir leider immer viel zu schön." Er holt tief Luft, schaut mich an, lacht verblüfft. "Man hat ein tiefes Mißtrauen gegen sie, aber man kommt nicht drum herum." Er lacht wieder. "Sex und Vertrauen haben nicht viel miteinander zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich mit einem Menschen zusammenlebe und immer noch von ihm erregt werde. Das läuft dann eher auf so was hinaus, wie mache ich mir das Leben zu zweit mehr schmackhaft. Zusammen alt werden ist etwas sehr Schönes. Aber dann muß es möglich sein, das sexuelle Erleben woanders zu finden. Man muß nur sicher sein können, daß man sich nicht für jemand anders aufgibt. Man muß so eine Art Pakt schließen, denke ich."
"Und Treue?"
"Treue bedeutet mir sehr viel. 'Bingerbrück' ist über Treue: 'Wenn wir uns gar nicht mehr sehen, werden wir füreinander frei sein.' Treue in dem Moment, wo mein Gegenüber besessen ist von jemand anderem, wo ich aber trotzdem treu sein will. Das Negativbild von Treue ist Abhängigkeit. Es ist leicht zu sagen, man ist treu, wenn man Angst hat, den anderen zu verlassen, das ist kein Verdienst, das ist eine Schwäche. Dann bin ich auch meinen Zigaretten treu."
Seit 1984 tritt er mit einer Band auf. Seine Konzerte sind keine Reproduktionen der Studioplatten, bei denen immerhin Herwig Mitteregger, Ulla Meinecke, Anne Haigis, Heiner Pudelko und Udo Lindenberg dabei waren. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, daß man für eine Tour kaum die Studiobesetzung zusammenbekommt, aber das macht ihn eher produktiv. Er singt aggressiver, geht einfach mehr aus sich heraus. "Ich hab's gern, wenn die Leute tanzen", sagt er. "Ich bin immer hin und her gerissen zwischen Rückzug zum Wort und wieder mehr auftreten. Wenn ich auf Tour bin, denke ich, es wird langsam Zeit, daß du drei Monate nur schreibst. Schreibe ich drei Monate, denke ich, ich muß wieder touren."
"Und die gängige Popmusik, was hältst du davon?"
"Das meiste ist Auslegware. Dabei bin ich kein Kulturfanatiker, daß nun alles besonders tiefgründig sein muß. Manchmal höre ich da eine Zeile in dieser Auslegware und denke, das Umfeld ist aber schlecht, was hätte man daraus noch machen können. Rio Reiser (früher 'Ton Steine Scherben'), wenn der singt, der inspiriert mich immer. Nicht, daß ich so singen könnte oder wollte, aber der regt mich an, besser zu werden."
(Transatlantik März 1986 / Ulf Miehe)
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