Manfred Maurenbrecher im Quartier
Wenn einer auf dem Kopf so aussieht wie ein gerupftes Huhn am Arsch, darf man ihn natürlich aus sozialen Gründen nicht furchtbar finden, auch wenn er's ist. [Es geht aber doch nicht um die Mr. Universum-Wahlen, sondern um sein Gesinge, oder? d. säzzer] Manfred Maurenbrecher ist der kleine, dicke und häßliche Junge von nebenan, dem die Welt "eine Erfindung der anderen" (Maurenbrecher) ist, der sich in ihr nicht zurechtfindet und deshalb einiges von ihr kapiert hat. Am Klavier ist der gelernte Doktor der Germanistik toll, seine Bewegungen sind authentisch autistisch, sein Spiel überzeugend. Er sollte allein auftreten und seine gedichtartigen Songs nicht durch stumpfen Pop-rock ihres verqueren Charmes berauben. Es gibt Momente der Wahrheit in seinen Konzerten, aber sie werden seltener. Glätte bekommen Maurenbrechers Songs überhaupt nicht, und im Vergleich zu seinem letzten Quartier-Auftritt vor anderthalb Jahren hat er reichlich Substanz verspielt. Aus dem Unikat Maurenbrecher ist der Clown und Kasper für linke Spießer geworden, einer, der zwar noch nicht so komplett unerträglich ist wie sein Publikum, sich ihm aber bereits über Gebühr angenähert hat.

Leute, die sich an das erinnern, was sie ohnehin nie erlebt haben; Maurenbrecher bediente sie von hinten und von vorne, reißt sogar ein paar Wohngemeinschafts-Witzchen, läßt sich dafür beklatschen und freut sich drüber, was das Zeug hält. Ein trauriger, weil erbärmlicher Anblick. Schade um diesen Mann. Die Band gibt sich mit Ausnahme des wundervollen Bassisten alle Mühe, überflüssig zu sein. Trommler Udo Dahmen hatte seine Liebe zum Jazzrock noch immer nicht verschmerzt und agierte in der falschen Sparte, Rockpop sollte er nicht versuchen. Der Gitarrero Wagner langweilte mit Jaulgitarre und der Keyboarder hatte eine Georg-Kochbeck-Neurose, die er lieber im Übungsraum verarbeiten sollte. Der Saxophonist Richard Wester, bekannt aus Funk und Fernsehen, sollte eine Pause einlegen oder es vielleicht auch ganz lassen. Keine Note erkämpft, kein Ton wahr, reihte er Phrase an Phrase, betrieb schnittig immergleiches Kunsthandwerk und grinste erfolgsdumm in die Gegend. Trostloses Gebläse, überflüssig, witzlos und tot. Ein Abend für Greise jeden Alters und für alle, die glauben, das Leben fände im Sitzen statt.

(taz Okt. 1986 / Wiglaf Droste)




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