Geschichten ohne Anfang und Ende; Reise- und Milieuschilderungen mit der Exaktheit eines journalistischen Berichterstatters beobachtet; Liebesgeschichten in der Schwebe, unentschieden zwischen Happy-End und Katzenjammer - das sind die Domänen des Berliner Liedermachers Manfred Maurenbrecher. Auf seiner neuen dritten LP, "Viel zu schön" sind diese Begabungen nun in erstaunlichem Maß herangereift.
Und damit sollte er eigentlich den Status eines Insidertips endgültig hinter sich gelassen haben. Verstünde man unter "Liedermacher" einen Musiker, der voller missionarischem Eifer selbstverfaßte Texte mit einer griffigen Lebensphilosophie vorträgt, dann könnte man Manfred Maurenbrecher wohl kaum in einer Schublade ablegen. Für ihn muß man den Begriff schon so weit fassen, wie ihn Wolf Biermann einst in Anlehnung an Bertolt Brechts Bezeichnung "Stückeschreiber" prägte. Beide wollten der künstlerischen Tätigkeit damit die Aura des Außergewöhnlichen und das Vorurteil einer Weltfremdheit nehmen, andeuten, daß sie eine Arbeit wie jede andere ist.
Intensität des ungeschminkten Lebens
In diese Kategorie von Sängern und Schreibern muß man Maurenbrecher
einordnen. Nicht nur, weil er das Handwerk des Textens und Komponierens - d.h.
das Formen von Inhalten - beherrscht und wie ein Arbeiter fleißig an seinen
Versen drechselt, bis alles stimmt, sondern auch weil die in seinen Liedern
geschilderten Szenen nie in erfundenen Sphären stattfinden. Sie sind immer
"alltäglich", ohne deswegen uninteressant zu sein. Wie könnten sie
auch, ist das, was Maurenbrecher im Alltag sucht, doch die Intensität des
ungeschminkten Lebens.
Elektronik und schillernde Popmusik
Es wäre im übrigen nur halb so schwer, Maurenbrecher der Kategorie
"Liedermacher" zuzurechnen, würde man nur seine Texte betrachten. Doch
mit seinem Faible für elektronische Popmusik sprengt er den Rahmen dieser
Sparte am deutlichsten. Kollegen (?) wie van Veen, Wader und Hirsch bevorzugen
immer noch das akustische Instrumentarium, das Text und Gesang nur dienend im
Hintergrund begleitet. Bei Maurenbrecher ist das ganz anders: Seine Lyrik und
die Musik werben gleichermaßen um die Gunst des Publikums. Kein Wunder:
schließlich wurde er von Spliff-Schlagzeuger Herwig Mitteregger entdeckt,
der auch diesmal wieder im Produzentensessel die Studioknöpfe bedient und
für einen modernen elektronischen Sound sorgt; mehrere Synthesizer und
elektrische Gitarren sind eingesetzt. Mit buntschillernden Popmusik-Klängen
erhalten Maurenbrechers Texte eine Attraktivität und Prägnanz, die
im Liedermacher-Genre immer noch Seltenheitswert hat.
Es ist zu vermuten, daß viele von Maurenbrechers Alltagsschilderungen autobiographische Züge tragen, so etwa "Kurhotel". Schließlich hat er vor seinem Profimusiker-Dasein zwei Jahre lang als Reiseleiter seine Brötchen verdient. Hier ein Auszug aus seinem Lied über die Sylvesterfeier im Kurhotel: "Der Reiseleiter rechnet, er macht sich nichts mehr vor. Die Kellnerin schläft leise mit 'nem Walkman überm Ohr. Im Saal fünf alte Damen, die kommen jedes Jahr. Und warten auf die Stimmung - wie es immer war..." Der desolate Zug eines Versuchs der Flucht aus der Realität, die Hoffnungslosigkeit des unerfüllten Traums der alten Damen werden aus der Position des scheinbar neutralen, außenstehenden Beobachters geschildert. Die Traurigkeit schwingt nur verborgen mit.
Keine scharfe Linie zwischen Gut und Böse
Maurenbrecher ist in seiner Kritik nie verletzend oder gar überheblich. Er versetzt sich immer auch in die Rolle seiner Songfiguren, bemüht sich, das Verhalten von Menschen, die anderer Meinung sind, nachfühlbar zu machen, indem er immer wieder den Standort der Betrachtung wechselt. Und er verzichtet darauf, seine Realitätsschilderungen mit einer Wertung zu belegen. Nicht deshalb, weil er keine eigene Meinung zu den angesprochenen Themen hätte, sondern weil es für ihn keine eindeutige Trennungslinie zwischen Gut und Böse gibt. Das "Sowohl-als-Auch" interessiert ihn mehr als vorschnelle Urteile. Maurenbrecher ist klug genug, nicht auf eine einzige Sicht der Dinge zu pochen. Er weiß, daß es genauso viele Wahrheiten wie Menschen gibt.
Dieser Verzicht auf ein festumrissenes Weltbild bewahrt Maurenbrecher zwar davor, engstirnigen Ideologien aufzusitzen. Es macht ihn aber auch heimatlos. Er ist ein Einzelgänger, der sich jeder Festlegung und Identifikation entzieht. Maurenbrecher kommt zwar aus der Alternativ-Szene, mittlerweile ist er aber wohl nur noch an ihrem äußersten Rand anzusiedeln - geduldet, aber ungeliebt.
Neutrale Position
Seine Weigerung, Farbe zu bekennen, und seine neutrale Beobachterposition
beim Liederschreiben erinnern an den amerikanischen Songpoeten Tom Waits, den
er dann auch neben Van Morrison, Bob Dylan, Ray Davies und Randy Newman als
einen seiner Lehrmeister angibt. Kein Wunder also, daß er für sein
aktuelles Album "Viel zu schön" (CBS 26426) eine deutschsprachige Version
von Waits "In The Neighborhood" eingespielt hat. Dessen Milieuschilderungen
überträgt er in das Ambiente des Berliner Kiez: "Freitags is 'n Totschlag,
Samstag is 'n Fest. Die Dame gegenüber hängt am Fenstersims fest,
und die Laster fahr'n voll auf den Bürgersteig rauf, und der Preßlufthammer
ist Musik für die Jungs. ... Da stehn so gutgelaunte Puppen in der Second-Hand-Boutique,
und die Alte vor'm Kino wünscht jedem Viel Glück!"
Maurenbrecher ist der Songpoet des "Dazwischen". Für ihn gibt es weder eine einzige Sicht der Wirklichkeit (also der Außenwelt), noch herrscht in seinen Gefühlen (also in der Innenwelt) so etwas wie Eindeutigkeit. Seine Songfiguren sind nie nur fröhlich, nur traurig. Meistens erleben sie eher ein Gefühlswirrwarr, vor allem, wenn es um die Liebe geht: ,,Wir standen beide eine Nacht lang an dieser Raststätte bei München. Und wir kamen in die Alpen, wir kamen ganz nah dran an die Kälte und Hitze - mit der Schlangenlady von Genf bis Lyon. ... Wir waren beide sehr verwirrt in Avignon" ("Avignon").
Historische Umfelder
Geschichten wie diese siedelt Maurenbrecher stets in einer bestimmten Zeit,
in einem bestimmten historischen Umfeld an. Denn er ist der Überzeugung,
daß selbst privateste Erlebnisse vom gesellschaftspolitischen Hintergrund
beeinflußt werden und nur aus ihm vollständig zu verstehen sind.
Die große Politik und die privaten Wünsche und Entsagungen sind für
ihn miteinander verbunden. So ist die Verwirrung, die den Song "Avignon" beherrscht,
in die "Zeit der Krawalle" eingebettet, womit offensichtlich die "Studentenrevolte"
Ende der Sechziger gemeint ist. Orte und Landschaften haben für ihn häufig
Symbolwert, er verpflanzt sie in Zeit und Raum, um bildhafter Vergangenes noch
einmal beschwören zu können: ,,Da drüben die Eiche, das könnte
der Baum sein, an den sich Holger Börner gelehnt hat, als er mit den Grünen
ins Geschäft kam. Und da in dem Wäldchen sind Terroristen verblutet,
und nachher ist dort Carl Carstens gewandert" ("Im Zentrum des Bösen").
Es ist ein ungewöhnlicher Zusammenhang von Umwelt und Politik, den seine
Phantasie da schafft.
Mitunter Hitqualität
Bisher hat Manfred Maurenbrecher den großen Durchbruch als Songschreiber
noch nicht geschafft. Zwar ließ er schon auf "MaurenBrecher" (1982) und
"Feueralarm" (1983) dichterische Begabung erkennen, wie man sie sonst vielleicht
nur noch bei Heinz Rudolf Kunze antrifft; aber die Songs auf den ersten beiden
LPs waren unnötig kompliziert und abstrakt ausgefallen. "MaurenBrecher"
war voller schwer verständlicher Metaphern, und selbst die Musik geriet
sehr kopflastig. "Feueralarm" war schon griffigere Rock-Poetry. Die Musik nahm
Anleihen beim Poprock, und die Songlyrik ging zunehmend zum Geschichtenerzählen
über. "Viel zu schön" nun ist voller Schwung und Biß. Maurenbrechers
Geschichten haben Atmosphäre und laden zum Interpretieren ein, seine Melodien
weisen mitunter sogar Hitqualität auf. Aus der Elite der deutschen Liedermacher
ist er nicht mehr wegzudenken.
(Stereo Juli 1985 / Harald Kepler)
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