Nein, "cool" ist er nicht, und er kehrt auch nicht den Intellektuellen heraus, obwohl er sich Dr. Maurenbrecher nennen darf. Er gehört zu den Songschreibern, die mit eigener Phantasie und ohne Klischees auskommen, und selten traf ich einen Sänger, der so wenig von ,"der Herr Künstler" an sich hat wie er. Zu den landläufigen Liedermachern ist er genausowenig zu zählen, denn er musiziert mit 'ner handfesten Rockband und seine Texte haben, statt erhobener Fäuste und Zeigefinger, wirklich Poesie. Es gibt da zum Beispiel einen Liebessong auf seiner neuen LP ("Viel zu schön"), der "Avignon" heißt. Seit der "Tänzerin" von Ulla Meinecke habe ich keinen schöneren gehört.

Vor allem die Sparsamkeit, die Zurückhaltung Maurenbrechers in der Sprache sind es, die seine Songs so lebendig machen. Dabei gibt er der Phantasie des Zuhörens den Raum, den dieser braucht, um zu bemerken, daß er überhaupt noch welche hat. Der Wortmaler Maurenbrecher kommt mit wenigen Strichen aus - er zeichnet das Wesentliche seiner Stories behutsam auf und fertig - die Kunst des Weglassens. Dem Tonmaler und Arrangeur Maurenbrecher sind vielfarbige Paletten gerade recht. In dem bei mir favorisierten Song "Flußabwärts" liefert er das par exzellence: Eine knapp in Andeutungen erzählte Geschichte von Fernweh, Abhauen und Rückkehr und dazu musikalische Höhenflüge bis zu den Anden (Synthi, Panflöte) und in die Lonesome Rider-Freiheit Enno Morricones. Er hat dabei findige Piloten zur Seite, wie den Spliff-Sänger-Trommler Herwig Mitteregger, der das Album produziert hat. Ein bißchen was rauchiges-rauhes hat dem Maurenbrecher sicher sein amerikanischer Nachbar Tom Waits beigesteuert - zumindest den Milieu-Song "In der Nachbarschaft", und der ist nicht von schlechten Eltern.

Live habe ich Manfred Maurenbrecher auf verschiedene Weise erlebt: Mal solo mit Klavier (er hat dabei die komische Angewohnheit, die Schulter wie'n Kugelstoßer zu bewegen), mal hörte ich ihn mit Band. Auf jeden Fall ist er auf der Bühne genauso geradezu wie am Kneipentisch - das einzig Aufgesetzte ist manchmal eine Karnevalsmaske, die aber mit seinen kabarettistischen Talenten zu tun hat.

Letztes Jahr, im Ballhaus Tiergarten, ging er mir und meiner damaligen Freundin mit seiner damaligen Band ganz schön unters Fell. Ausdrucksstark (gerade bei den leisen Tönen), mit hautnah auf die (auch die politische) Wirklichkeit reagierenden Songs, griff er sich das Publikum. Nur manchmal konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Solist Maurenbrecher und sein Einefrauzweimann-Orchester noch nicht recht harmonierten, die aufgebaute Spannung nicht immer gemeinsam durchhielten. Jetzt hat er 'ne neue Band, noch mehr neue Songs' und wenn ich, meine neue Freundin und die TIP-Leser am 16. Mai um 21 Uhr zu seinem Konzert im Quartier Latin kommen, wird es uns der sogenannte "Außenseiter" Manfred Maurenbrecher schon zeigen!

(Tip Mai 1985 / Gerulf Pannach)




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