Seine Kontakte reichen weit. Diverse Bands, unter ihnen STEINWOLKE und Allan Woerner, haben seine Texte vertont. Maurenbrecher-Produzent Herwig Mitteregger, eigentlich Trommler bei Spliff, spielte bereits auf seiner ersten Solo-Tour Stücke des Berliner Songwriters. Ein gutes Jahr danach kam die neue Spliff-Scheibe, auf der ebenfalls ein Maurenbrecher-Stück verewigt war. Was zunächst wie ein neues, subventioniertes Familienmitglied in Spliff-Musikerkreisen aussah, ist, bei näherer Betrachtung, eine eigenständige Institution. Seit den frühen siebziger Jahren, in denen Maurenbrecher sich mit der Band TROTZ UND TRÄUME durch Probenkeller und Jugendheime schlug, hat er besessen gesammelt: musikalische Ideen, Textfragmente, Erfahrungen und Kontakte; alles zusammen ergab das, was man in den Staaten FOLLOWING nennt.
Das Gemisch aus Beobachtungen, Zwischen- und Untertönen, von Maurenbrecher schlunzig den wütenden Klavierakkorden aufgezwungen, war ein Hörbild mit Widerhaken; eine drängende Stimme, von leise bis heiser, stritt sich da unpoppig, aber unterhaltsam mit einem musikalischen Arrangement, als würde sich ein Clochard bei einem festlichen Bankett lauthals über die Tischordnung beschweren, als wäre ein Arrangement kein Agreement.
Maurenbrecher '82 war gleichermaßen vom Pop fasziniert. In seinem Song BEUTEVOGEL gelang dem maulwurfartigen Unterhalter ein Song, der über diese Faszination von szenegeprägten Verpackungsmechanismen eine Gänsehaut beim Zuhörer erzeugte. Maurenbrecher raunzte über seine Outfits und Gefühlstransaktionen, als wären es Promotionswerkzeuge zwischenmenschlicher Beziehungen.
Diese erste Platte wurde von den Spliffern eingespielt und verlangte den Studioprofis eine neue Art des Textverständnisses ab. Schon in den Aufnahmewochen wurde über die Balance von Stimme und Musik gestritten, ein Streit, der sich für gewöhnlich nach der Veröffentlichung der jeweiligen Platte in Kritikerkreisen wiederholt. MAURENBRECHER's MAURENBRECHER war ein stoppeliges Wesen, das die Welt vom Schornstein eines Abrißhauses aus betrachtete. Anstelle der üblichen Liedermacherfotos (schwieriger Mensch am Klavier) hatte Roman Stolz eine Zeichnung von MAURENBRECHER gefertigt, die das markante Profil des Außenseiters zeigte: das Haupthaar zu einer aufmüpfigen Bürste zerzaust, die aufmerksamen Augen hinter einem Nasenfahrrad à la Fassbinder; kräftige Unterarme, an denen chronisch aufgekrempelte Ärmel karierter Baumwollhemden Halt finden: MAURENBRECHER raucht und schwitzt schnell, ganz, als würde ihm seine Beobachtungsgabe die Texte abverlangen, wie einem Polizisten den Unfallbericht - den Schaden in seinen Texten freilich zahlen die handelnden Personen, nicht die Versicherung. Die Texte nehmen die Gesellschaft auf's Korn, wie sie eben ist; voller kleiner Abseitsfallen in den Beziehungskisten, die im übrigen, auch bei MAURENBRECHER, aus Holz sind.
MAURENBRECHER absolvierte die üblichen Auftritte auf Friedensfestivals und kehrte an seinen unaufgeräumten Schreibtisch zurück. Mit FEUERALARM gelang ihm in '83 der Schritt, der ihm die Akzeptanz von Kritikern und Musikern brachte, '84 kam die Tour mit eigener Band. Das neue Jahr hat MAURENBRECHER mit einem kompromisslosen Album begonnen. Wer die Cover-Credits liest, findet gleich eine ganze Jahrestagung von ehrgeizigen Musikern. Erstaunlicherweise ist das alles nicht zu einer Reihe von Stücken geraten, die im rundfunkfreundlichen 3-Minuten-Rhythmus aneinandergeklebt wurden, sondern zu bewegten Bildern aus Situationen, die ineinander übergehen. Es gibt sie also wieder nicht, diese Liedermacher-LP, die aus elf Smog-Songs und einem Strand-Hit besteht.
Was wird geschehen, wenn dieses Jahr viele Leute auf diese Art Musik abfahren, über diese Art Texte lachen? Werden die Kulturpäpste ihn fallenlassen? Wird Dr. Maurenbrecher einen Taschenrechner erwerben, seinen Schreibtisch aufräumen und solch ein schicker, kritischer Feingeist werden wie so viele seiner Kollegen? - Wohl kaum. Die Musik und die Texte, aus denen Maurenbrecher's Platten sind, kommen von den Straßen, in denen er lebt, sind den Parties abgeschaut, auf denen er immer der schlaue und amüsierte Außenseiter sein wird. Wie beim 'Rockpalast' neulich. Wie bei uns. Wie immer.
Ein rascher Erfolg würde ihn zum Mittelpunkt einer solchen Party machen. Nachdem ich ihn einige Jahre kenne, wage ich zu prophezeien: Das wird er verhindern.
(Jim Rakete April '85)
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