Viel Ironie und linke Melancholie in nachdenklichen Liedtexten
Konzert des Berliner Liedermachers Manfred Maurenbrecher und seiner Band

Scheinbar unbeholfen und verlegen steht er mit seiner Igelfrisur und dem Stoppelbart am Mikrophon, bevor er sich an die Elektroorgel setzt und in ruckartigen Bewegungen des ganzen Körpers mit der linken Hand Akkorde auf die Tasten tatscht und zu singen beginnt. Mit freundlichem Lächeln dankt er danach für den Beifall der rund 70 Zuhörer. Der 33jährige Berliner Manfred Maurenbrecher gastierte im Rahmen einer Tour kreuz und quer durch "Westdeutschland" am Montag abend an der Ulmer Uni, zusammen mit seiner dreiköpfigen neuen Begleitband.

Bezeichnet man Maurenbrecher besser als politischen Liedermacher oder als Chansonnier? Er singt melancholisch vcn der Liebe, bedächtig und leise von Privatem und Selbsterlittenem, bissig über Politik und vor allem ironisch über das postrevolutionäre Lebensgefühl und die häufig traktierten Themen der alternativen (Berliner) Szene. Ihr ist er trotz seiner Distanz, sozusagen als nachdenklicher Außenseiter zuzurechnen.

Mit seinen vertonten "Rollengedichten" setzt sich Maurenbrecher von dogmatischen Positionen ab und vielleicht auch zwischen etliche Stühle. In diesen Liedern schlüpft er in die Rolle von für ihn negativen Personen, um deren HaItungen von innen heraus und nie eindimensional zu beleuchten.

Da entwickelt im "Herolds Blues" (eigentlich kein Blues, sondern ein stur stampfender Rhythmus der Gewalttätigkeit) der ehemalige Chef des Bundeskriminalamts bis hin zum Irrsinn seine Vorstellungen vom gläsernen Menschen. Handelte sich Maurenbrecher damit "nur" Schwierigkeiten mit dem SFB ein, so geht er mit der "Lücke" kritisch an ihm politisch Näherstehende heran. In diesem satirischen Song läßt er einen vielbeschäftigten Manager-Aktivisten der Grünen einen Rückblick auf seinen Terminkalender halten: "Am nächsten Tag gab ich ein Telex auf an die taz/und flog nach Hamburg zu rororo/telefonierte von dort oben wegen Bochum mit den bots/und belastete mein Spesenkonto." Für menschliche Beziehungen bleibt da kein Platz mehr. Spottet Maurenbrecher aus Resignation?

Oft hat es den Anschein. Untergangsstimmung verbreitet der Song "Moment zum Überlegen". Die Träume von einer besseren Welt zerrinnen schnell: Der Aussteiger in Griechenland sehnt sich nach Deutschland zurück, ein Zurückgekehrter ist von den veränderten Verhältnissen enttäuscht. Tristesse und Melancholie überwiegen in den Liebes- oder vielleicht besser "Beziehungsliedern". Grundtraurig auch der Song "Dietrich", in dem eine aussteigende Aussteigerin bei einem Postbeamten und in bornierter Bürgerlichkeit Zuflucht sucht.

Das eindeutig Interessante an den Liedern des promovierten Germanisten Maurenbrecher sind die Texte, die unter Verzicht auf jede Botschaft in einfachen Worten Dinge oft nur beziehungsreich andeuten. Die Texte sind dafür verantwortlich, daß der Berliner nach den zwei LP's der letzten beiden Jahre ("MaurenBrecher", "Feueralarm", zusammen mit Spliff aufgenommen), mit Recht als Entdeckung gefeiert wurde.

Seine Musik und die - vor allem bei mehr Drive etwas kratzende -Stimme treten in den Hintergrund. Im als Veranstaltungsort ungeeigneten Seminarraum an der Ulmer Uni (der zu einem guten Drittel von der Band und ihrer Technik eingenommen wurde) waren Anja Kiesling (Schlagzeug) und Frank Augustin (Tasteninstrumente) kaum mehr als überflüssige Staffage. Lediglich wenn Michael Stein zum Saxophon griff (dazu Baß, E-Gitarre), waren seine introvertierten emotionalen Jazzklänge ein glänzendes musikalisches Pendant zu etlichen Liedtexten. Stein blieb es auch vorbehalten, in einer gelungenen Sprechgesang-Einlage von einem mit rabenschwarzem Humor gespickten Picknick zu erzählen.

(Juni 1984 Ulmer Kulturspiegel / rod)




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