MITTEREGGER ÜBER MAURENBRECHER
Als ich ihn zum ersten Mal sah, war er hoffnungslos am Schwitzen, und mir ging's dreckig.

Mein Freund, der Journalist, hatte mich angerufen: "Komm heut abend rüber zum Italiener, da spielt einer, der sieht aus wie Randy Newman! Und bring dein Klavier mit, er hat noch keins."

Ich dachte: ,,Verdammte Sozialkacke", und sagte: "Ein Randy reicht." Aber zwei Stunden später standen wir mitten auf dem Kottbusser Damm: mein Freund, ein Pritschenwagen, mein Klavier und ich. Und aus der Tür seines Ladens nölte der Italiener billige Witze von der Sorte: "Wie lang brennt denn so'n Teil?"

Neben ihm MAURENBRECHER: klein, Hornbrille, hängende Arme, den Kopf wie ein Uhu zu uns verdreht. Er schaute zu und schwitzte. Ich weiß bis heute nicht, was dieser dumme Schweiß auf seiner Stirn sollte, denn er stand ja bloß da.

Wir stellten das Instrument in den Laden dorthin, wo später mal eine Klein-kunstbühne gebaut werden sollte. "Was die KPI kann, können wir schon lange", rief der Wirt, und MAURENBRECHER schaute immer noch zu. Ich hatte meine Erfahrungen mit der Intelligenz. "Das find ich aber toll von dir", sagte er, als wir aufgebaut hatten, und ich dachte an den Rücktransport und "Du mich auch!" Dann ging ich erst mal heim.

Dieser Nachmittag war lausig, ein Samstag, wo die Leute von den Straßen schlagartig verschwinden und man nicht weiß, was kommt danach. Als es Abend wurde, fiel mir Randy Newman ein, und ich ging rüber.

Mein Freund, der Journalist, ist dafür bekannt, daß er immer wieder versucht, die Prominenz und die Gosse vor eine gemeinsame Flasche Sekt zu bringen. Da saßen wir also: ein Milchreisbubi mit Nickelbrille im 26sten Semester Fortschrittskunde, ein Erfolgsproduzent mit dem Thema Festgeld, zwei Torten, die aussahen wie Cremeschnitten und pausenlos kicherten, und dieser gepflegte bärtige Sozialdemokrat, dem man ansah, wie hart er vom Ausschlußverfahren bedrängt war. Daneben Gerda L., Arbeiterin, meine Freundin. Es war wie bei Werner Höfer: sieben Korrespondenten, die sich absolut nichts zu sagen hatten.

Ansonsten war es leer. Drei Italiener installierten die Lichtleitung im Klo und summten vor sich hin. "Da muß die Kunst ran!", sagte der Sozialdemokrat, und ich fragte: "Wie teuer darf's denn sein?"

Dann fing MAURENBRECHER an zu spielen, ein seltsames Schauspiel begann: Er hockte vor dem Klavier, gewundener Rücken, den Kopf seitwärts zu uns gedreht, und seine Hände schlugen von schräg unten auf die Tasten ein. Eine Bogenbewegung, ein Krakenkampf. Er kroch in dieses heilige Instrument, als wäre er allein mit ihm, als hätten wir hier nichts zu suchen, und er hatte so wenig Respekt vor ihm wie Johnny Rotten vor dem Papst. Es sah mörderisch aus.

Meine Freundin Gerda L. stieß mich an: "Der Mann ist mystisch."

Ich hörte mir an, was er sang: ,,Sie geht zum Wirt für einen Schnaps, zum Ziegenhirt für einen Klaps, plaudert mit Flippies übers Drücken, beim Landfreak über reinen Mist, mit dem Soldaten übers Ficken und mit paar Frauen, wie schlimm das ist."

Ich sagte: "Der ist nicht mystisch, der ist sachlich."

Die Nickelbrille fing an, vergnagst zu grinsen, als er dieses Lied über die Hippie-Braut weiterhörte, die in Griechenland immer wieder in den Armen eines anderen landete.

Pause. Der Erfolgsproduzent zog mich zur Seite: "Randgruppen, bestenfalls." Die Torten, die aussahen wie Cremeschnitten, pflichteten ihm bei.

Ich ging rüber zum Wirt, erstens, um zu trinken, und zweitens, um meine italienische Nummer abzuziehen, und bekam die Drinks umsonst.

MAURENBRECHER sang weiter: "In Leder bin ich wie einer von den Tubes und in Zartrosa wie'n Engel aus dem Vorstadtclub, Beutevogel, mit dem Blick von nem Kind, wer dich sieht, weiß was wahr ist, doch nachher ist er blind." Und ich wußte nicht, meint der sich, oder meint der mich.

Mir fielen die Lederhelden des Rockbiz ein, die nicht mehr wußten, wo's längs geht. Der Mangel an Message war schon so groß geworden, daß sie ihr Heil in Aufrüstung sahen: Die Gitarren kriegten doppelte Hälse, und die Lautsprechertürme wuchsen in den Himmel. Und dann der Haarausfall: kaum zu bremsen. Auf der anderen Seite die Charts-Knechte: zügig, glatt und fromm und dumm. Aus einer Distanz von fünfzehn Metern schloß ich Freundschaft mit dem einsamen Mann am Klavier, der trotzig und traumatisch seine Songs sang, um sie wie Eier auszubrüten. Für mich war es Rock'n'Roll, mit Konstantin Hirsch hatte es jedenfalls nicht das geringste zu tun.

Ein halbes Jahr später: MAURENBRECHER spielt im Tempodrom, jenem locker-flockigen Zirkuszelt direkt an der Mauer. Sie hatten das Büro der Alternativen Liste niedergebrannt, MAURENBRECHER singt aus Solidarität. Er singt dieselben Zeilen über die Hippie-Braut, und das Publikum, die versammelte Scene, heult auf. Ich merke, wie ihm der Trotz ins Gesicht steigt und wie er anfängt, gegen das eigene Publikum zu kämpfen.

Wie war das mit Groucho Marx: Einem Club, der ihn als Mitglied akzeptiert, würde er ohnehin nicht beitreten.

(Herwig Mitteregger 1983)




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