Zuerst war das Bild da. Das Cover-Foto von der LP "Feueralarm" und vielen Plakate überall in Berlin. Er war mir nicht sehr sympathisch. Auf den Fotos sah er aus wie die Reinkarnation von Rainer Werner Faßbinder nach einer vorzeitig abgebrochenen Abmagerungskur. Einen Bart hat er natürlich auch: wie männlich. Der Haarschopf ist etwas gelichtet. Beim LP-Cover nur noch Kopfschütteln: Da konnte auch Star-Fotograf Jim Rakete nichts mehr retten.
Manfred Maurenbrecher hat nur einen Makel, der meinen Blick verstellte: Ich weiß, er ist "Liedermacher". Und Liedermacher kann ich nicht ab.
Wenn ich sie nur höre, sensibel und bewußt wollen sie sein, und sie rennen an gegen die Dummheit und Trägheit der Menschen. Jawohl, aufrütteln wollen sie - für eine blümchengespickte Weltrevolution - und für Frieden sind wir schließlich alle, nicht wahr?!
Wenn du einen Liedermacher hörst, weißt du, wie Lebertran schmeckt: tranig. Eine gemästete Seele in Aspik. Das dünne Hirnvolumen mit viel Wasser und Dünnschiß gestreckt und dann selbstbewußt das Etikett an die Brust geheftet: "Liedermacher". Igitt, wie billig, wie dumm.
Und nun soll ich einen von ihnen interviewen. Es wird ein Gemetzel werden...
Ich höre mir die Platte von Manfred Maurenbrecher an. Tagelang habe ich das Ereignis aufgeschoben. Tausende von Dingen gibt es, die plötzlich wichtiger werden, als diese Platte zu hören.
Dann steht der Termin für das Interview fest. Ich hatte ihn angerufen. Während er mit mir sprach und dabei wie ein ganz normaler Mensch klang, hörte ich die Hintergrundgeräusche ab. So wollte ich seine musikalischen Neigungen ergründen. Während ich DAF aus demonstrativen und Prestige-Gründen nicht leiser stellte, war hinter seiner Stimme nur Stille auszumachen. Die LP mußte ich mir nun doch antun. Ein viktorianisches "l'm not amused" ging mir durch den Sinn und all meine Erwartungen waren bestätigt. Musikalisch NULL, biederes und lahmes Rumgeklimpere auf dem Klavier, einfallslos und schal. Aber es soll ja nicht auf die Musik ankommen, sondern auf die Texte.
Die Texte. Auch hier nichts Überraschendes". Lederstrumpf" fällt mir ein, durch den das schöne alte Irokesen-Wort ,.paanimahsu" überliefert worden ist, was zu deutsch ungefähr "total abgefahrene Scheiße" heißt (James Ferrimore Cooper wird es anders ausgedrückt haben). Ich empfinde die Texte als "bemüht". Das klingt so wohlwollend sadistisch.
Der Versuch, ein Vacuum durch das Hineinblasen von Kohlendioxyd auszufullen, macht die Luft nicht atembarer. "Coming up for air"' fordert daher George Orwell, und ich ziehe mir zur Entspannung die "Laughing Clowns" rein.
All das ist eingetroffen, was ich für mich vorhergesehen habe. Auf den Fotos wirkt der Maurenbrecher auf mich unsympathisch, musikalisch reicht's nicht einmal zum Trauermarsch, die Texte sind beflissen sensibel und wohl im Trend, sicherlich sehr persönlich. Doch mir geistert nur das Prädikat HOHL im Kopf herum.
Und am nächsten Tag das Interview. Schnell denke ich mir noch ein paar Fragen aus, die provokativ sein sollen. Ob er ein Pädagogik-Studium hinter sich habe oder ob er nur so aussehe; ob er glaubt, daß es Jupp Derwall noch lange als Bundestrainer macht; wann er die ersten Russen auf dem Mond erwartet; ob er Sartre und Camus zu humorlos findet (ernsthaft würde ich diese Frage gern Diedrich Diederichsen oder Robert Gernhardt stellen...); und ob er Grace Kelly mag und Nena.
Dann ist es 11 Uhr und ich stehe in der Großbeerenstraße im besseren Kreuzberg vor der Klingel. Jemand schlurft zur Tür. Erwartungsfroh richte ich meine Augen halbwegs in die Höhe - und senke sie wieder. Manfred Maurenbrecher ist kleiner als erwartet. Er sieht noch nicht völlig fit aus, obwohl er behauptet, schon vor einer Dreiviertelstunde aus dem Bett gekrochen zu sein.
Ich hab's gewußt. Jedesmal, wenn ich mir ausdenke. jemanden ganz fürchterlich in die Pfanne zu hauen, klappt es nicht. Ich bin einfach ein zu netter Mensch. Meine Stimmung ist nur mehr mäßig provokativ. Manfred - schon am Telefon hatten wir uns aufs "Du" geeinigt - kocht schnell Kaffee. Ich versuche mich zu sammeln. Nie kann ich so richtig "straight" fies sein, höchstens am Schreibtisch. J. R. Ewing - du bist mir ein schlechter Guru!
So dick wirkt "Manfred" auf einmal gar nicht mehr, und die Vergleiche mit Faßbinder und auch mit Wolf Biermann verblassen. Er ist Mensch Manfred und somit nicht mehr nur meine Vorstellung eines Liedermachers.
Er hat sich drei Scheiben Brot, Käse und Honig aus der Küche mitgebracht. Er hat noch nicht gefrühstückt, ich schon. Er trägt ein Hemd mit einem Pullover darüber, recht bieder, aber was habe ich anderes erwartet? Seine Brille ist recht stark, stelle ich überrascht fest. Ist die auf den Promotionfotos zu sehen? Erst zu Hause kontrolliere ich nach: Ja.
Von Skrupeln und Ehrlichkeit geplagt, gebe ich zu, daß ich "an sich" Liedermacher nicht mag. Ich provoziere seinen ersten und einzigen, müden Wutanfall: Er sei es leid, von Leuten interviewt zu werden, die keine Liedermacher mögen. Das würde nichts bringen.
Ich versuche ihn zu beruhigen, indem ich mein Anliegen vorbringe: Wichtig für mich sei es, nicht dem auf Vinyl gepreßten Image zu begegnen, sondern der realen dreidimensionalen Persönlichkeit. Ein Nebeneffekt könnte ja sein - mit Speck fängt man Mäuse - daß mein Vorurteil sich einfach davonschleicht.
Ganz konventionell frage ich nach seinem Werdegang. Manfred wird ausführlich. Seine ersten Lebensjahre hat er im Berliner Vorort Lichterfelde verbracht, in einem Haus mit Garten. Dann sind seine Eltern nach Wilmersdorf in die City gezogen. Der junge Manfred erleidet einen Kulturschock: too much Stadt. Das Kindheitstrauma führt zu einem "Easy-Rider"-Syndrom. Mit einem Tretroller erkundet der kleine Manni die große Stadt Berlin.
Nach dem Abitur fängt er das Studieren an, und zwar Germanistik und Musikwissenschaften. Weil die Studentenbewegung so schön im Schwange ist, kommen die Sozialwissenschaften hinzu.
Irgendwann bekommt er ein Stipendium, um seinen "Doktor" zu machen. Das Geld reicht drei Jahre. In der ersten Hälfte ackert er für die Promotion (nicht proumouschn), in der zweiten erholt er sich in Griechenland.
1973 tritt er im "Folkpub" das erste Mal öffentlich auf und trägt seine eigenen Lieder vor. Ab 1977 zieht er mit der Truppe "Trotz und Träume" durch das Land. Eine selbstproduzierte LP erscheint.
Dann versucht Manfred Maurenbrecher es wieder allein. Er weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n. Es geschieht.
Bei einem Auftritt in einer Neuköllner Pizzeria (!) sieht ihn Herwig Mitteregger (der von "Spliff"), der um die Ecke wohnt. Ihm gefällt, was der Manfred so macht. Ein paar Wochen später steht das Projekt: Eine Platte soll aufgenommen werden. Auch Manager Jim Rakete mag den Barden, und so wird die Maurenbrecher-LP als eines der ersten Werke im neuen 24spurigen Spliff-Tonstudio aufgenommen und abgemischt.
Fein, denke ich mir. Man muß also nur die richtigen Leute kennenlernen. Der Rakete verdient sich bestimmt dumm und dämlich mit Nena und Spliff, so daß er den Maurenbrecher mit durchziehen kann.
Die Frage nach seinem Musikgeschmack stelle ich ohne große Erwartungen.
Biermann mag er nicht, ist ihm zu perfekt arrangiert. Aber Heinz-Rudolph Kunze und Thommie Bayer. Ich finde Kunze zu didaktisch, zu sehr "Völker, hört die Signale" im kleinen. Er gibt mir recht.
Thommie Bayers Stimme ist auf Dauer tötend monoton, wende ich ein. Er kann das gut ab.
Ich knalle ihm vor, seine Stimme klänge, als würde er ums Haar seine Zahnbürste verschlucken. "Bei Live-Auftritten aber nicht", mildert er mein harsches Wort ab. Nun zeige ich mich einsichtig: Da wäre es nicht so schlimm.
Randy Newman nennt er noch und Ulla Meinicke und "Symphonien des 19. Jahrhunderts". Tom Waits findet er "herrlich dissonant" und Brian Eno für fähig. Ich muß ihm ein breiteres Spektrum zugestehen als vermutet.
Er steckt sich eine Marlboro an. Ich gebe zu, Stefan Remmler für den fähigsten deutschen Liedertexter zu halten. Er nickt leicht. "Trio" schiebe ich nach. Er mag Trio nicht.
Wir erklären es damit, daß wir einfach andere Typen von Menschen sind. Nicht besser oder schlechter, sondern eben anders. Dennoch geht er auf meine Kritik ein, und so kommt es, daß wir ausführlicher über seine Platte sprechen, als ich vorhatte.
Sowie wir uns über die Texte genauer unterhalten, kommen wir uns näher. Manfred will keine Lieder machen, die kopfig sind oder billiger Agitprop. Ihm geht es um Herz und Seele, um "Stimmungen". Zwiespältigkeit und Vielfältigkeit sind erlaubt. Und so freut er sich darüber, wenn verschiedene Menschen seine Lieder ganz unterschiedlich aufnehmen und verstehen.
Genau meine Forderung an Musik, an Texte, werfe ich ein und ganz unschuldig, wenn wir so ähnliche Ansichten vertreten, warum dies dann in seinen Texten nicht rüberkommt. Es kommt ja, findet Manfred. Immer wieder hört er sich interessiert meine Einwände und Statements an. Ich denke mir, daß, wenn er so aufmerksam lauscht, wohl etwas dran sein muß an dem, was ich von mir gebe. Ich fange an, mich richtig schlau zu fühlen (immerhin rede ich ja mit einem "Dr."). Das Gesprächsklima ist mittlerweile ruhig und entspannt.
Er erzählt mir noch, daß er Klavier spielt und sich vor ein paar Monaten einen Syntheziser leisten konnte. Ich hake nach und frage, wovon er lebt. Die Antwort überrascht mich: von seiner Musik. Mein "Den Liedermacher, den mach ich fertig"-Anspruch ist endlich hinüber. Nun ja. Ich erfahre noch, daß er 33 Jahre alte ist und sich gerne zwei Jahre lang ein Aussteigerleben in Griechenland gönnen würde. An Fußball hat er kein Interesse.
Voller Pein gestehe ich mir ein, daß mein Feindbild "Manfred Maurenbrecher" viel offener in dieses Gespräch gegangen ist, und ich fühle mich so oder so nicht wohl. Er ist weiß Gott kein dummer Mensch, wir liegen nur arg weit auseinander mit unseren Ansichten. Und überraschend oft nicht einmal das. Die Platte mag ich trotzdem nicht und seine Lieder finde ich mißlungen.
Ob er das Interview vor Abdruck lesen wolle, frage ich noch. Nein. Er habe da Vertrauen. Vielen Dank, Manfred.
(Blickpunkt, 1983 / Michael Prellberg)
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