So, wie er aussieht, wird er wohl nie ein Star: Frisur wie eine abgeschubberte Zahnbürste, dürres, ungleichmäßig wachsendes Bärtchen, riesige Brille. Und angezogen ist er auch nicht wie jemand, der bei einer renommierten Plattenfirma unter Vertrag ist: Über schlabbrigen Hosen trägt er irgendein kariertes Hemd und einen schlecht sitzenden Versandhaus-Blazer, die Füße stecken in ausgelatschten Schuhen. In einer Glitzerjacke und mit Cheese-Lächeln beim Phototermin hat man sich den Berliner Liedermacher Manfred Maurenbrecher also nicht vorzustellen. So einer gibt für die Klatschgeschichten-Neugier nichts her. Denn wer nicht wenigstens aus der Abwesenheit von Eitelkeit noch einen mediengerechten Anti-Star-Typus kreieren kann, muß im Show-Geschäft schon damit rechnen, daß er einfach übersehen wird. Dieses Schicksal teilt Maurenbrecher mit Kollegen wie Hans Dieter Hüsch oder Randy Newman, zwei Namen, die im Zusammenhang mit Maurenbrecher oft fallen. Beide mußten fast jahrzehntelang auf den Durchbruch bei Presse und Publikum warten. Hüsch ließ sich damals, angesicht halbleerer Säle bei seinen Konzerten trösten: "Sie sind halt ein Langzeittyp."
Das ist Maurenbrecher wohl auch. In diesen Tagen ist seine zweite Schallplatte ("Feueralarm", CBS 25 669) erschienen, eine eigenartige Mischung aus Songs und Kabarettistischem, aus mit viel Keyboard-Elektronik und Schlagzeug im Studio aufgenommenen und aus live mitgeschnittenen Stücken, die Maurenbrecher allein am Klavier singt. Diese Aufnahmen stammen von einem Konzert im "Quasimodo" in Berlin, seiner Heimatstadt. Das "Quasimodo" ist ein kleiner Club, gerade groß genug für Maurenbrechers Stammpublikum. Er schätzt es in Berlin auf dreihundert, vielleicht vierhundert Leute. Bei seinen Konzerten in Westdeutschland hören ihm selten mehr als hundert Menschen zu, meist sind es viel weniger. Ein unbekannter Sänger also, dieser Manfred Maurenbrecher? Bloß noch ein Name mehr in diesem Wust der "Neuen Deutschen Namen"?
Alles andere als das: in diesem Wust ist Maurenbrecher wohl die einzige wirklich große Entdeckung der gehobenen deutschen Unterhaltungsmusik, Abteilung Liedermacher. Sie ist dem Schlagzeuger der Berliner Rockgruppe Spliff zu verdanken, der ihn bei einer Einweihungsfete einer Berliner Pizzeria spielen und singen hörte.
Die Geschichte klingt so erfunden, daß sie wohl wahr sein wird: "Das war wirklich Zufall. Ich hatte gerade nichts anderes zu tun und hörte mir das an. Dann hat Maurenbrecher 'Beutevogel' gesungen, und dadrauf bin ich fürchterlich abgefahren", erzählt Mitteregger. Dieses Lied, das Maurenbrecher nur für Stimme und Klavierbegleitung geschrieben hatte, arrangierte der Spliff-Musiker ebenso wie neun weitere Kompositionen von ihm: Er bat seine Band-Kollegen und noch ein paar andere Musiker ins gruppeneigene Studio und produzierte dort die Debüt-LP "MaurenBrecher" (CBS 85 717), die, von der Fachwelt hochgelobt, vom Publikum jedoch weithin ignoriert wurde. Lag es an dem von der Branche gefürchteten Sommerloch, in das die Neuerscheinung fiel (oder geworfen wurde), oder an der kompromißlosen unkommerziell produzierten Musik, die gewiß nicht zum schnellen Verzehr geeignet ist, oder an den Texten, die im Vergleich zur Debil-Lyrik vieler NDW-Gruppen überaus kompliziert und verschlüsselt sind? Die Rundfunkanstalten, wichtigstes Medium zur Popularisierung von Musik, hielten sich zurück, wer weiß, warum.
Nun ist Maurenbrecher beileibe kein Bukowski unter den Liedermachern, der mitunter dürftige Inhalte durch sprachliche Kraftmeierei zu kompensieren sucht. Seine Sprache zeichnet vielmehr die Fähigkeit zur Andeutung, zur Anspielung aus, bei der das Wesentliche ungesagt bleibt, gleichwohl aber verstanden wird. Im "Bekenntnis" etwa gesteht ein Vater seinem heranwachsenden Sohn die eigene Homosexualität, eine erotische Wunsch-Begegnung, die dann doch nicht stattfindet. Sexualität ist tatsächlich eines seiner Themen, aber während im Schlager alle Klischees sorgsam reproduziert werden und das angestammte Rollenverhalten unangetastet bleibt, verschieben sich die einfachen Wahrheiten bei Maurenbrecher zu einer vielschichtigen Ansicht von Sexualität. Die strikte Trennung homo-hetero zweifelt er ebenso an wie alle anderen Gegensätze, die das moralische Gerüst dieser Gesellschaft bilden.
So gibt es für ihn nichts nur Gutes, aber auch nichts nur Böses - nichts ist so eindeutig, wie es zunächst vielleicht scheint. Selbst in einem Lied wie "Kleiner Mann", das unmittelbar nach dem Tod des Klaus Jürgen Rattey im September 1981 im Zusammenhang mit dem Berliner Häuser-kampf entstand und das mit sehr sparsamen Mitteln die Machtlust eines politisch Verantwortlichen skizziert, denunziert Maurenbrecher bei allem Mitgefühl für die Unterlegenen die Macht nicht als etwas unangreifbar Menschliches, sondern macht sie nachfühlbar.
Neuerdings singt er bei seinen Auftritten wieder ein altes, bitterböses und von ihm seit Jahren nicht mehr gesungenes Lied, das wie ein Minutenprotokoll einen nächtlichen, tödlich verlaufenen Einsatz zweier Polizisten gegen einen Jugendlichen, der ohne Führerschein Moped gefahren war, beschreibt. Selbst in diesem, durch jüngste Todesschüsse der Polizei gegen junge Menschen auf grausame Weise wieder aktuell gewordenen Lied, gibt Maurenbrecher die Schuldigen nicht einer schnellen, haßverzerrten Liquidierung preis, sondern fühlt sich, so schwer es ihm fällt, in die schießwütigen Polizisten ein, ohne sie dadurch zu exkulpieren.
Darum nennt er seine Texte selbst "Rollengedichte", denn er beschreibt nicht so sehr seine Anschauung von der Welt, sondern schlüpft in immer wieder neue Rollen, fühlt sich ein in das Leben anderer, wechselt den Standort der Betrachtung. Natürlich macht ihn das heimatlos. Es bereichert zwar seine Sicht der Dinge und Menschen, ohne einen festen Standpunkt zu leben, aber es erschwert vielen, die sich gerade eins mit ihm zu fühlen glaubten, beim nächsten Lied schon wieder den Zugang. Er entzieht sich jeder Identifikation und macht eine Festlegung auf einen Gruppenkodex oder gar eine Parteisatzung unmöglich.
Maurenbrecher ist wohl irgendwo in der Alternativ-Szene anzusiedeln, bleibt in ihr aber Beobachter, Einzelgänger, fremd genug, um zu beschreiben, was ihm in ihr auf- und mißfällt. Daß ihm da Skepsis auch aus der "Scene" entgegenschlägt, ist nicht verwunderlich, und möglicherweise verbirgt sich darin eine Skepsis gegen Einzelgängertum überhaupt. Er stellt durch seine Beobachterferne unausgesprochen die Frage, ob dieses Kollektive überhaupt so erstrebenswert sei: Er erzählt von Aussteigern, die aus dem Ausstieg keine neue Ideologie machen. Aber er erzählt auch von den eigenen Fluchten, nach Kreta etwa ("Da treff' ich dann immer die Leute, die ich in Berlin lange nicht gesehen habe"), und vom Zurückkommen, wenn alles sich verändert hat nach Zeiten langer Abwesenheit. Die Grundstimmung vieler Lieder ist eine - selbstverständlich nicht larmoyante - Melancholie, die Sichtweise ein trauriger, gleichwohl genauer Blick auf die Welt.
Die Ironie des Liedermachers tritt in seiner neuen Platte stärker hervor als beim Erstlingswerk. Sie wird es ihm wohl noch schwerer machen, von der "Scene" geliebt zu werden. Der trockene, sarkastische Ton, mit dem er etwa die Manager-Mentalität einiger Wortführer der Friedensbewegung trifft ("Dann kam noch der Typ von 'Christen schweigen für den Frieden'/und wir redeten bis nachts um drei" oder "In der ESG war ein Abrüstungshungern/und ich machte 'ne Stunde mit"), trägt ihm vielleicht sogar Beifall vor der falschen Seite ein.
Maurenbrecher ist sicher in weit höherem Maße Schreiber von Texten als Schreiber von Musik. Er begann schon sehr früh, Gedichte zu machen und Geschichten zu erfinden, lange bevor er sich ernsthaft mit Musik beschäftigte. Fünf Jahre nach Kriegsende geboren, erlebte er als Kind das Wirtschaftswunder und als Abiturient die damals so genannten Studentenunruhen. In seinem bürgerlichen Elternhaus wurde seine Musikalität zwar nicht übermäßig gefördert, aber als er mit dreizehn Jahren Klavierspielen lernen wollte, verschafften ihm die Eltern ein Instrument und Unterricht.
Damals dachte er noch nicht daran, eigene Texte zu vertonen. Als er aber 1967 zum ersten Mal in seinem Leben Songs von Bob Dylan hörte, war er hingerissen von der Qualität der Texte und von Dylans Stimme. Fortan interessierte ihn das Machen von Liedern mehr als das Üben von Tonleitern und Arpeggien, und so verlagerte sein verständnisvoller Lehrer den Schwerpunkt des Unterrichts von der pianistischen Spielkultur zur Harmonielehre.
So lernte er, seine Gedichte mit ein paar Akkorden und einer Melodie zu versehen und zu Liedern zu machen. Er spielte und arbeitete allein vor sich hin, studierte in der ausgehenden Hoch-Zeit der Studentenbewegung in Berlin Germanistik, reiste eine Zeitlang herum, nahm Jobs als Reiseleiter an. 1977 stieß er zu einem Musik- und Theaterprojekt in Berlin, dessen Name in seiner gleichzeitigen Ablehnung des Bestehenden und dem weniger durch Ideologie als durch Phantasie begründeten Hoffen auf bessere Verhältnisse typisch für das Lebensgefühl der Szene jener Jahre war: Trotz & Träume. Hier wagte sich Maurenbrecher zum ersten Mal aus seiner selbstgewählten Isolation, arrangierte gemeinsam mit den anderen eigene und deren Songs und produzierte im Herbst 1979 sogar eine Platte, auf deren Restauflage er heute noch in seiner Kreuzberger Wohnung sitzt. Nach dieser Produktion verzog sich der Griechenland-Fan nach Kreta, um im Warmen zu überwintern und über Hans Henny Jahnns frühe Prosa zu promovieren. Heute ist er Dr. phil., einer der Germanisten, die selber schreiben - Essays, literaturkritische Arbeiten, Geschichten, ein Hörspiel (das noch im Entstehen ist), und natürlich Liedertexte.
Seit einiger Zeit spielt er mit dem Gedanken, Gesangsunterricht zu nehmen, denn so begrenzt seine pianistischen Fähigkeiten sind, so wenig geschult ist auch sein Gesang. Aber ist Jacques BreI ein begnadeter Sänger gewesen? Und wie blaß klänge Dylan mit der stimmlichen Reinheit eines Regensburger Domspatzen? Die Stimme des Berliner Liedermachers hat einen ganz eigenartigen Reiz. Fast scheint sie sich dem Zuhörenden entziehen zu wollen, so verfrüht verschwinden die Wörter, so verwaschen werden sie manchmal artikuliert. Bei anderen Sängern mag das stören oder ärgern - bei Maurenbrecher macht es eher neugierig: Er will wohl, daß wir genauer hinhören.
Was wäre wohl passiert, hätte Herwig Mitteregger nicht genau hingehört, damals in der Pizzeria? Dann wäre Maurenbrecher allein weiter durch die Kneipen gezogen mit seinen Liedern, ohne eine Plattenveröffentlichung, die wäre vielleicht später gekommen, und er hätte gelebt wie früher. Jetzt ist er viel auf Tournee, grast kleine Clubs und Theater in westdeutschen Städten ab und überzeugt ein oft handverlesenes Publikum von sich und seinen Liedern. Noch macht es ihm Spaß, fordert es ihn heraus, sich jeden Abend einem neuen Publikum zu stellen, immer wieder andere Zuhörer zu haben, auch wenn es nicht viele sind. Mehr Erfolg zu haben wäre schön, aber das ist ja nicht der Grund, warum einer wie Maurenbrecher schreibt und Lieder singt. Nur wenn seine Freunde und Förderer von Spliff nach ihrer Tournee über ausverkaufte Riesenhallen und goldene Schallplatten ins Schwärmen geraten und vor ihm mit Zehntausenderzahlen prahlen, wird er doch etwas neidisch.
(1983, Die Zeit/Tom R. Schulz)
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