Goslar. Manfred Maurenbrecher bot bei seinem Gastspiel nicht unverbindlich Kulturelles, ging vielmehr ans "Eingemachte", legte menschliche Schichten frei, die sonst von der alles erstickenden Norm streng tabuisiert und sorgsam in fest verschlossenen Unterbewußtseinsschubladen gehalten werden. Daß der Blick ins Ich nicht nur schmerzlich, sondern auch befreiend wirken kann, zeigte die begeisterte Reaktion des Publikums. Mit dem Maurenbrecher-Konzert gelang ein guter Start in die Reihe von Veranstaltungen am Rande der etablierten Kultur, für die sich der Goslarer Rudi Krahforst gemeinsam mit "KuKuK"-Mitgliedern einsetzt.
Manfred Maurenbrecher ist ehrlich bis zum Wehtun - das tut gut. Seine Texte und Lieder sind keine großspurige Reise in "ewige Wahrheiten", sondern ein oft mühseliges Vortasten in verschüttete Höhlen, nicht nur des Menschen Maurenbrecher mit all seinen Widersprüchen. Der Berliner erzählt von kaputtgemachten Typen und ist immer irgendwie selbst dabei. Wenn er von Liebe singt, dann reimt sich das unausgesprochen oft auf "Triebe" - und die gehen eben oft nicht nur die gesellschaftlich sanktionierten Wege. Sein Zynismus ist geboren aus enttäuschter Zärtlichkeit, Trauer und Wut. Maurenbrecher lebt sich selbst in seinen Liedern; er ist ganz da - mit seiner Liebe, mit seinem Haß. Dünnhäutig und dickköpfig denkt er laut nach über sich auf der Bühne - und trifft uns da unten im Saal.
Maurenbrechers Mittel: Sensible Texte, sprachlich messerscharf geschliffen, mit ätzender Selbstironie gegen leeres Wortgeklingel gewappnet, dem Bad im Selbstmitleid entstiegen. Seine Musik: Nicht festlegbar, eigenwillig, selbstbewußt Elemente von Blues und Tango einbeziehend.
Politisch ergreift Manfred Maurenbrecher Partei, aber nicht für eine solche. Mit dem Ex-BKA-Chef, für den "die Menschen Bestien, Ratten, Bazillen sind - ein tödliches Gift", rechnet er in "Herolds Blues" ebenso ab wie mit Berlins Innensenator, dem "Kleinen Mann" Lummer, dem "die gemeinsten Taten der größte Spaß" sind: "Alle armen Schlucker werden geil auf Haß."
Aber auch die allgegenwärtigen Klempner der Seele, die Therapeuten, mit denen der Sänger "nach zehn Doppelstunden" fertig ist, bekommen Unbequemes und Giftiges zu hören: Im "Lehrstück von der Spinne" vergleicht er die Freudianer mit diesen netzespinnenden und verschlingenden Raubtieren: "Genauso machen's diese Therapeuten, die uns weismachen, wir seien ja so krank. Die tun, als wollten sie uns rüsten für die schlechten Zeiten, und heimlich sagen sie von den Zeiten Gott sei Dank."
Lacherfolg für Insider: Sein neues Lied "Die Lücke" - Maurenbrecher macht die Apparatschiks der Alternativszene genauso "rund" wie die der "anderen" Seite.
Manfred Maurenbrechers Auftritt in Goslar hinterließ Spuren; der Abend dürfte bei den Menschen, die dabei waren, Nachwirkungen zeigen.
(Braunschweiger Zeitung 11/82/Norbert Maas)
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