Auch ihm einen hellichten Abend!
Songpoet Maurenbrecher in Stuttgart
Aus Kreuzberg, Streßberlin, ist jetzt ein Songpoet ins Schwäbische gekommen, faustdick geadelt von den Frustriertheiten seines Bezirks, ein Tilt-Typ, verletzlich, sensibel, verhalten, mit einer Individualität, wie sie als Milieuprodukt dort allerenden vorkommt, stammkneipenauf und stammkneipenab. Das Milieu indessen ist nicht stadtteil- und nicht landestypisch, es ist großstadttypisch schlechthin: Dasein, erfüllt von "Träumen und Trotz" ("Ich kau an meinen Nägeln und träum von Dynamit" ), geteilt von vielen, vielen Individuen aus immer demselben "Sumpf", die sich - nein, nicht als Partner finden, sondern als Beziehungskontrahenten, um immer aufs neue dortselbst, in ihrer Beziehung, auszuprobieren, wie man sich selber verwirklicht mit seinen Bedürfnissen: speziell mit dem Oberbedürfnis, sein Recht zu verteidigen auf seinen Anspruch auf solche Bedürfnisbefriedigung in einer Beziehung.

Manfred Maurenbrecher, so heißt er, der Sänger, ist glücklicherweise intelligent und sensibel genug, um zu merken, daß die "Beziehungskisten" bei den Ausgeklinkten (bei den Leuten aus der WG wie bei den Kaputten auf Kreta) genauso klemmen können wie bei allen andren, den Spießern. Seine Songs, mit denen er weder Mauern noch Herzen bricht, allenfalls einfällt ins zarte Gewebe von HOM-Slips, fesseln durchaus: die elegisch-kalte Bildersprache, das pianistische Vortragstalent, die "Echtheit" aller seiner selbstischen Empfindungen - sind Attraktionen, zweifellos, für den, der's mag, wie für den, der's weniger mag. Der Auftritt im Altstadttheater bleibt durchwittert von Paradoxie. Oder ist das nicht Widersinn par excellence: Introversion, die sich unablässig selbst aussteht, hemmungslos offenbarungs und mitteilungssüchtig? Narzißmus, der unentwegt "ihr" sagt? Gequatsche, lässig und locker, das an Verklemmtheit kaum zu überbieten ist? Die Texte des freudlosen Uhus (eines "Beutevogel mit dem Blick von 'nem Kind", um zu zitieren), sie sind allesamt im selben Psychosaft geschmort: Ein Leben, das sich nicht einfügen will in die "Gesellschaft", führt sich uns vor auf seinem immerwährenden Befreiungs-Trip - und jeder Befreiungsakt führt doch nur dazu, daß der Typ reif wird für eine Situation, aus welcher er sich schleunigst neu befreien muß.

Befreiungen ohne Ende - und nie die Freiheit; nie, nirgends ein andres Lebensinteresse als dieses eine: ein wenig Treue zu erfahren, egal durch wen ("egal ob Mann oder Frau"), bloß immer dies: Hastmichnocheinbißchenlieb? Keine Befreiung vom Ego: da will einer hinfinden zu einem andren - und nimmt dann, vorm Spiegel, doch mit sich selbst vorlieb. Keine Befreiung aus dem Milieu: da will einer, so vor sich hinlebend, "in Wellen, auf und ab", nicht angepaßt sein - und wird doch immerfort eingeholt von der lachhaften Tragik, daß grad dies Bemühen ihn wieder zu einem (Stammkneipen-)Kollektivtyp macht, ununterscheidbar angepaßt ans traute Ausflippermilieu.

Was also fesselt, ist die "Echtheit", das Authentische der existentiellen Verkehrung; am besten, glaubwürdigsten, poesievoll-intimsten in den homoerotisch durchseufzten Versen (zur Boccherini-Melodei etwa gedenkt er - und scheut sich nicht, gleich Blümchen mitzubringen ans Krankenhausbett - seines von Rockern niedergeknüppelten Homo-Freunds Hartmut).

Authentizität: das schließt Kunstabsicht, Stilisierung, Disziplin im formalen von vornherein aus; Maurenbrechers Sanges-Tatmotiv ist kein künstlerisches, sondern ein autotherapeutisches: "Ich schreib eigentlich", läßt er uns wissen, "so Lieder in allen Konstellationen." Entsprechend gering das Bemühen, hier noch besondere Figur zu machen: krummbucklig hockt er vor seinem Klavier, mit einem Vogelkopf, welcher ruckelt und wendehalsig verdreht ist, mit stoßenden, schiebenden Handkanten über die Tasten hinfahrend. Und dennoch, obschon er über seinem Hocker buckelt wie ein Senn auf seinem Melkschemel: das pianistische Klangprodukt hört sich hochdiskutabel melodisch an, seltsamerweise. Nur die Verswelt bleibt grau, trübsalsgrau: "Ich wache morgens auf und will gleich wieder fort", so geht das los - bis hin zur Zugabe: "Ein verkorkster Morgen, ich fange an zu friern"... Herr, laß es Abend werden, auch für ihn!

(Stuttgarter Zeitung Aug.81/Ruprecht Skasa-Weiß)




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