"Wir waren ursprünglich kleine, isolierte Liedermacher", erzählt Manfred Maurenbrecher Pianist der Gruppe. "Über die Jahre ist daraus eine feste Gruppe entstanden. Dabei machen wir alle sehr verschiedene Texte, singen anders, bevorzugen andere Musikstile." Unmittelbarer Anlaß zur Trotz und Träume Gründung war damals eine groß angelegte Streikaktion an Berlins Universitäten gegen Berufsverbote und politische Repression. Burkhard Schulze-Darup, heute Saiten-Virtuose bei der Band, meint: "Ich bin damals überhaupt erst richtig zur Musik gekommen, weil ich mich irgendwie politisch artikulieren wollte." Ebenso wie die politische Landschaft hat sich seit 1977 allerdings auch das Selbstverständnis der drei Musiker gewandelt, ihre Einstellung zum Verhältnis von Politik und Musik. Die Texte sind persönlicher geworden, handeln überwiegend von eigenen Erfahrungen und Gedanken, ohne jedoch die zweifellos vorhandenen gesellschaftlichen Bezüge auszuklammern. "Wir haben in den Jahren eine persönliche Entwicklung durchlaufen, und das hat sich in den Liedern niedergeschlagen." Die sind oft ohne agitatorisch verwertbare Schlußpointe, ohne eindeutigen Ausgang. Da geht's um "gestreßte Freaks" und "den Typ, den's nirgends hält". Da stehen scharf beobachtete Einblicke in die Alternativ-Szene neben puren Phantasie-Ausbrüchen, wie etwa dem "Psycho Western" oder dem "Bären Blues". Nach wie vor sind die trotzigen Träumer engagierte Kritiker sozialer Mißstände, singen beispielsweise Lieder für die Berliner Hausbesetzer und gegen Kahlschlag-Sanierung. Als Anwohner des Kreuzberger Chamisso-Platzes sind sie mit den Problemen bestens vertraut. Gegen parteipolitische Umarmungsversuche, von welcher Seite auch immer, sind sie allerdings allergisch.
Genauso vielfältig und abwechslungsreich wie die Texte ist das musikalische Repertoire des Trios, das mittlerweile fast 150 eigene Songs geschrieben und vertont hat. Außer elektronischen Verstärkern, auf die das Trio fast vollkommen verzichtet, benutzen Burkhard Schulze-Darup, Henner Reitmeier und Manfred Maurenbrecher fast jedes nur denkbare Instrumentarium - Trompeten, Piano, Flöte, Gitarren, Baß, Saxophon und Geigen kommen da "quer Beet" zum Einsatz, sehr zum Gefallen des Publikums. Eingestreute Blues-Klänge, sanfte Balladen und auch leise Solonummern der einzelnen Akteure stehen auf dem Programm, das oft erst kurz vor dem Auftritt spontan festgelegt wird. "Wir sitzen vorher im Auto und überlegen uns: Was spielen wir heute?" erzählen die drei.
Im Gegensatz zu vielen anderen Liedermachern dieser Stadt haben sie über einen Mangel an Auftrittsmöglichkeiten in Berlin und auch in Westdeutschland nicht zu klagen. Mindestens alle vier bis fünf Monate werden ausgedehnte Tourneen durch die Bundesrepublik gestartet. Dabei spielen die Songwriter sowohl in Jugendheimen als auch in Kleinstadt-Theatern, treffen mal auf "gestreßte Freaks" , mal auf schon etwas etabliertere Leute. Die Erlebnisse und Begegnungen während dieser Tourneen gehören sicher zu den Höhepunkten solchen Musikanten-Daseins, zumal sich ein lockerer, persönlicher Kontakt sehr schnell über die Musik einstellen kann. Viele Zuhörer fühlen sich durch bestimmte Textzeilen angeregt und wollen den Musikern ihre eigenen Gedanken dazu mitteilen. "Die erzählen uns oft ganz private Geschichten, die sie sonst vielleicht niemandem preisgeben würden. Wir haben durch unsere Band sehr viele erstaunliche Begegnungen mit Menschen gehabt. Die sind oft wichtiger als die Gage."
In Berlin selbst, bei Auftritten im Midgard, Rumpelstilzchen oder in der Tarantel, ist die Publikumsresonanz meistens etwas reservierter. "Im Unterschied zu Westdeutschland herrscht hier eine unheimliche Übersättigung", meint Manfred Maurenbrecher und bestätigt damit die Erfahrungen vieler Szenen-Beobachter.
Wie soll's nun weitergehen mit Trotz und Träume, dieser seit vier Jahren bestehenden und damit wohl traditionsreichsten Berliner Liedermacher-Gruppe? Nachdem sie bereits im Jahre 79 eine LP in Eigenregie produzierte, und einige persönliche Dissonanzen innerhalb des Trios überwunden sind, ist die Einspielung einer zweiten Vinyl-Scheibe in diesem Jahr geplant. Auch musikalisch dürften sich einige musikalische Weiterentwicklungen fast von selbst ergeben. Will die Gruppe in größeren Sälen auftreten, läßt sich der bisherige Verzicht auf elektronische Verstärker-Anlagen kaum noch aufrecht erhalten. Den ganz direkten, persönlichen Draht zum Publikum will sie dafür allerdings keinesfalls opfern. "Davon leben doch unsere Texte, unsere Musik", sagt Manfred Maurenbrecher. "Davon leben unsere Lieder und auch wir selbst!"
(Tagesspiegel, April 81/Jochen Metzner)
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