Schimpfworte: Schon oft wurden sie von ihren Opfern (genügendes Selbstbewußtsein vorausgesetzt) als selbstgewähltes Etikett und damit als Waffe übernommen. Das haben schon die Sansculotten der französischen Revolution so gehalten, später die Schwulen und inzwischen gibt es ein Kabarett, das "Schmeißfliege" heißt. Manfred Maurenbrecher, Poet und pianospielender Liedermacher aus Berlin-Kreuzberg, nennt sich einen Botschafter des "Sumpfes". Tatsächlich, es ist der Abgesandte einer ganz anderen Art von Kultur, der sich da ins Stuttgarter Theater der Altstadt verirrt hat: er wirkt dort so deplaziert (und erfrischend) wie ein Gänseblümchen auf einem sauber betonierten Parkplatz.
Das zerstrubbelte Schmuddelkind, dieses Gewächs eines unbekannten Hinterhofes hockt wie ein bärtiger und bebrillter Kauz vor einem klebrigen Piano. Er besingt und bedichtet die Themen der Szene (nur der Szene ?) Liebe zu Männern und Frauen, zu sich selbst, Urlaub in Griechenland, Angst vor den Computern des Verfassungsschutzes und den Raketen der Militärs, Jagdszenen aus der immerwährenden Partnersuche, Kneipenleben und das Leid auf der Couch des Seelendoktors.
Wenn der Rezensent in seiner Etikettenkiste nach einem passenden Schildchen für diesen Mann kramt, stößt er zuerst auf die Vokabel "skurril". Maurenbrecher sagt seine Lieder und Texte beinahe entschuldigend an, hilflos, linkisch, und so bewegt er sich auch. Er spricht dann eine ausgebeinte, verödete Sprache, das beschädigte Idiom, das sich viele auf der Flucht aus der Gesellschaft angeeignet haben. Glaubt er sich bei seinem Publikum entschuldigen zu müssen für das, was dann kommt - intelligente, manchmal faszinierende Texte voller Sprachwitz und Ironie? In diesen Liedern findet Maurenbrecher eine Distanz zum Milieu und eingefahrenen linken Denkschienen, die ihn zu mehr macht als nur einem lyrischen Dolmetscher für das, was sein Publikum ohnehin denkt. Maurenbrecher singt mit der Stimme des Stefan Stulke, aber er ist nicht der Udo Jürgens des Berliner "Sumpfes". Er ist die Bluttransfusion, die das deutschsprachige Chanson braucht, eine Unbekannte zwar noch, aber bereits eine unbekannte Größe.
(Stuttgarter Zeitung Dez.81/Harald Martenstein)
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