Aus rumorender Versenkung ans Tageslicht
Zu einer Tagung über Hans-Henny Jahnn in Kassel

Merkwürdig war das schon. Da kommt 1950 ein deutscher Schriftsteller aus dem Bornholmer Exil nach Hamburg, in seine "Vaterstadt", lebt, schreibt und streitet in dieser Stadt gegen das atomare Wettrüsten, gegen Zerfall und Zerstörung von Natur und Kultur, ein früher Ökologe; in Dänemark hat er Hormonforschung betrieben, jetzt repariert er in der DDR große Orgeln, weil ihn in der neuen-alten westdeutschen Heimat eine Orgelbaufirma mit Abdrucken aus den als obszön verschrienen Stücken aus dem Geschäft treibt; von der Stadt Hamburg und dem Land Niedersachsen noch mit Preisen und Ehrenämtern geehrt - was ihm hoch willkommen war -, von der kaltkriegerischen Nachkriegsöffentlichkeit aber an den Rand der Aufmerksamkeit abgedrängt, abgetan als alternder Querulant, als anachronistische Kassandrafigur, kein Platz für so jemandem in einem zu Wirtschaftlichkeit, Optimismus und neuem Aufstieg entschlossenen Land. Seine Romane werden kaum gelesen, seine Stücke kaum gespielt; eine fast vergessene Figur der deutschen Literaturgeschichte: Hans-Henny-Jahnn, der 1959 in Hamburg starb.

Es gab 1979 eine außergewöhnliche Aufführung von Jahnns "Richard III" inszeniert von Steckel/Völker in Bremen (s. Theater heute 3/79), außergewöhnlich vor allem wegen ihres großen theatralischen Stils und des Spielorts, nicht des Autors wegen. Es gab auch noch andere Jahnn-Inszenierungen in der letzten Spielzeit: eine "Medea" in Bern, die "Straßenecke" in Nürnberg, " Der Arzt, sein Weib, sein Sohn" in Bielefeld, schließlich den "Pastor Ephraim Magnus" in Kassel, das Erstlingswerk Jahnns, das seit der Uraufführung durch Brecht und Bronnen im Jahre 1923 zum ersten Mal wieder gezeigt wurde.

Es gab und gibt aber noch keine "Jahnn-Renaissance". Wollte man die jetzt in Kassel organisieren? Der letzte Schrei aus dem Westen: die neue, mythische Irrationalität? Der Geist der Zeit weht heutzutage nur noch in Marktlücken. Hat er wieder eine gefunden?

Die Initiative zu diesem inzwischen allgemein als "höchst verdienstvoll" anerkannten Unternehmen ging von Dieter Reible und Hedda Kage aus, dem Regisseur der Kasseler Aufführung und der Dramaturgin. Im Mittelpunkt des reichhaltigen Angebots (Film, Ausstellungen, Diskussionen, Konzerte und - leider nur - ein Theaterabend) standen zwei Symposien, eines der Wissenschaftler, anderntags eines der Theaterpraktiker. Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt nur eine Handvoll Wissenschaftler, die sich auf Jahnn konzentriert haben. Die aber, so schien es, waren zur Stelle. Entsprechend hatte das Symposion (griech. = Gastmahl) mit den alten griechischen Lustbarkeiten sehr wenig und mit dem akademischen Forscheralltag sehr viel zu tun. Hintereinander verlas man die sechs Referate, diskutiert wurde nicht, sonst wäre man ja mit dem Stoff nicht durchgekommen. Ohnehin hatten Aufnahmebereitschaft und Konzentration gar bald vor der fachgelehrten Übermacht der "interessanten Aspekte" die Waffen gestreckt. Aber was soll's, es hatte jeder seinen kleinen Auftritt und war zufrieden.

Unter den Wissenschaftlern gab es einige eingeschworene Jahnn-Verehrer, für die es a priori ausgemacht war, daß es sich hier um große, unverzichtbare Dichtung handle. Sie verhielten sich dementsprechend detailliert, esoterisch und apologetisch zu ihrem Gegenstand. Bemerkenswert, ja aufregend zu hören war indes, was ein akademischer (noch) Outsider mit Jahnn anzufangen wußte: Manfred Maurenbrecher untersuchte unter dem Titel "Gewalt und Hingabe" "Körperzustände" im Jahnnschen Frühwerk. Mit den Mitteln der avancierten Psychoanalyse und den inzwischen unvermeidlichen Theweleitschen "Männerphantasien" versuchte Maurenbrecher eine Dialektik der Aufklärung an einer Literatur durchzuführen, der es selbst, eingestandenermaßen, um Aufklärung nie gegangen ist; die sich vielmehr in selbstkonstruierten "mythischen" Gegenwelten gegen alles Außen abzuschließen suchte. Eine "psychotische Literatur", aus der die Probleme und Konflikte der bürgerlichen Alltagsrealität scheinbar restlos verbannt sind. Wieviel Gesellschaftliches sich dennoch, nur eben in mythizistischer Verklärung, in solcher Literatur erhält und dort unbegriffen sein Unwesen treiben kann, das zeigt Maurenbrecher in der Konfrontation Jahnns mit den "Männerphantasien" in präfaschistischen Romanen. Wie interessant und aufschlußreich das auch immer zu hören war, die Frage nach dem literarischen und theatralischen Sinn war damit weder gestellt noch beantwortet.

('Theater Heute' 1980)




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