(Anmerkung: Da das lange Gespräch mit Michael Kleff, das diesem Interview zugrunde liegt, schon im Januar 2002 stattfand, habe ich für meineTextsammlung hier ein bisschen in der gedruckten Fassung herumgestrichen und manches etwas deutlicher formuliert als damals. Der politischen Entwicklung geschuldet vor allem. Anderes blieb weg, weil es in ähnlicher Form hier schon steht.)
Noch bis zum 6. Juli ist die DAFT-Tour in Deutschland unterwegs. Neben Wilfried
Mengs und Sandy Wolfrum ist Manfred Maurenbrecher der dritte deutsche Künstler
in der Folksänger-Runde. Eine erste Zusammenstellung der Musik der anderen
Beteiligten hatte den Berliner Künstler neugierig gemacht.
Ich kannte ja mal wieder nichts von den Liedern der andern." Er sei
gespannt auf die akkordischen, groovetechnischen und chemischen Verbindungen,
die sich ergeben könnten. Und auf die Gespräche hinterher natürlich
auch, über Politik und Moral womöglich". Außerdem
will Manfred Maurenbrecher ,,ein paar netten Leuten" bei der Gelegenheit
auch das Land zeigen, verbunden mit der Hoffnung, ,,dass man umgekehrt mal hinkommt
in die andere Gegend, wo, wie Randy Newman sang, den ganzen Tag Wein getrunken
und von Jesus gesungen wird, statt durch den Dschungel zu hetzen und sich die
Füße wundzustoßen wie unsereins".
Doch das ist Zukunftsmusik. Im Folker-Gespräch erzählt Maurenbrecher,
dessen Motto lautet, es gibt ,,keine falschen Töne, nur falsche Ohren",
von seiner Arbeit als Musiker und Autor sowie von seiner Liebe zum Reisen.
Steigen wir 1982 in deine Geschichte ein. Du hattest gerade deine Promotion über den Schriftsteller Hans Henny Jahnn abgeschlossen, dann eine mögliche Karriere als Bibliothekar ausgeschlagen und wurdest von Herwig Mitteregger von Spliff in das - so heißt es in deiner PresseVita - ,,Profi-Unterhaltungs-Labyrinth" eingeschleust. In den 80er Jahren hast du dann mehrere eigene LPs aufgenommen, Rundfunktexte und Songtexte u.a. für Spliff, Veronika Fischer, Hermann van Veen und Renan Demirkan geschrieben. Als was hast du dich damals gesehen? Als Liedermacher"?
Ich hatte nie etwas gegen den Begriff. Es gab immer Leute, die ,,Singer/ Songwriter" oder ,,Chansonier" vorgezogen haben und die mir auch abgeraten haben, mich Liedermacher zu nennen. Ich fand das albern. Es gibt eine Menge Leute, denen es peinlich ist, Liedermacher zu sein. Aber ich glaube, es wäre keinem peinlich, Filmemacher zu sein.
Du "machst" ja schließlich Lieder, oder?
Klar. Es ist eine sehr handwerkliche Tätigkeit. Wie alles Künstlerische: 90 Prozent Handwerk.
Wie hast du an deinem Handwerk gefeilt?
Learning...
... by doing. Ich habe nie irgendwelche Kurse besucht und könnte es auch
nicht weitergeben. Zum Beispiel Christof Stählin ist da sehr groß
drin. Der sagt, ich lehre das Auftreten auf der Bühne - das könnte
ich nicht. Ich wüsste nicht, was ich da zu lehren hätte.
Ich kann nur Tipps geben. Ich weiß, dass ich bei manchen Sachen völligen
Schiffbruch erlitten habe. Aber ich fand es immer lohnenswert, wenn ich mutig
genug war, Sachen auszuprobieren.
Fühlst du dich einer bestimmten Gruppe Liedermacher verbunden?
Ich weiß, dass ich mich zu manchen Leuten mehr hingezogen fühle. Ich arbeite ja auch gerne mit anderen zusammen. Aber eins kann ich ziemlich deutlich sagen: Mit Leuten, die eigentlich eher Schauspieler sind und sowas wie Liedersingen betreiben, um sich selbst als Figur herauszustellen, habe ich sehr wenig zu tun.
Wen würdest du da einordnen?
Na zum Beispiel Westernhagen. Extrem eklig. Schon in der Zeit, wo der gar nicht so bekannt war. Ich habe ihn mal 1984 in Hamburg gesehen mit Herwig Mitteregger zusammen, der fand das ganz gut. Ich fand den Abend furchtbar, dieses publikumsheischende Ich bin einer von euch - Gehabe, was der da drauf hatte. Und die ganzen 18 bis 22jährigen Jungs, die da bewundernd standen und Marius gebrüllt haben... - eine unerträgliche Szenerie. Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun, ob die nun Lieder machen oder Filme drehen. Ben Becker ist ein anderes Beispiel. Solche Gestalten! Ganz was anderes ist jemand wie Ulrich Roski. Den hat man vielleicht auch nicht als den klassischen Liedermacher bezeichnen können, aber der hat sein ganzes Leben lang zutiefst komische Verhängnisse beschrieben. Er war verwachsen mit dem, was er machte, und er war ja sicherlich auch ein Vertreter einer Generation, wo es Humor gab, ohne dass man von Spaßgesellschaft und Spaßkultur reden musste.
Was hast du denn für ein Verhältnis zu den politischen Leuten? Du hast irgendwo einmal gesagt, dass du natürlich politische Inhalte hast, aber dass du keine philosophische Erklärung mit jedem Lied mitlieferst.
Ich habe manchmal Gespräche geführt mit Leuten, die gern alles immer begründet haben wollen. Warum bist du alleine am Klavier? Welche Philosophie steht dahinter? Ich finde nicht, dass man zu all dem eine Begründung nachliefern sollte. Man sollte lieber mehr wagen. Einfach ausprobieren. Dazu habe ich auf meiner aktuellen Platte einen ganzen Aufsatz geschrieben, der meine Theorielosigkeit erklärt.
Deine Theorielosigkeit ist deine Theorie?
So ungefähr. Alles, was eine Stellung bezieht zu dem, was um uns herum abläuft, ist gut. Es löst die Sprachlosigkeit auf, die uns umgibt. Sdas meine ich noch vor allem Inhaltlichen. Aber es ist wichtig, dass es in der Sprache passiert, in der wir leben. Ich mag z.B. alles, was in Richtung Rap geht, wenn er deutschsprachig ist, wenn er von Einheimischen kommt oder Leuten, die hier aufwachsen. Die sich auseinandersetzen und spielen damit. Ich akzeptiere es nicht, wenn jemand mit der deutschen Sprache groß geworden ist und mir erzählt: Ich kann mich in Englisch besser ausdrücken. Oder Englisch eigne sich für Lieder ohnehin besser. Das ist absoluter Blödsinn. In dem Sinn bin ich vielleicht wirklich ein Nationalist. Ich halte es sogar für eine Art von Pflicht, sich in der Sprache auszudrücken, in der man lebt. Und die besten Beispiele dafür sind die jungen Bands mit Leuten, deren Eltern aus anderen Ländern gekommen sind, die sich ganz klar in Deutsch ausdrücken.
Du warst ja mal eine Zeit lang bei ,,Künstler in Aktion" auch ziemlich direkt ,,aktiv".
Das kann auch leicht wieder so werden, die Politik treibt uns ja zusammen. Ein bisschen näher dran an den Aktivitäten. Ohne dass ich mich damals bedingungslos dem politischen Hintergrund dieser Einrichtung verschrieben hätte. Da gab es natürlich auch einige mit Scheuklappen an Staatskünstler. Fast so blöd wie Popstars. Aber das ist eben Vereinsarbeit...
Was für einen Stellenwert hatte das für dich?
Den größten Stellenwert hatte die praktische Zusammenarbeit mit den Kollegen. Das gilt für jetzt, wo die Anti-Kriegs-Bewegung wieder größer wird, genauso. Kollegen, mit denen man etwas erarbeitet, auch erstreitet. Damals mit Heinz Rudolf Kunze zum Beispiel. Oder mit Wecker jetzt. Letztlich glaube ich übrigens, dass ich heute politischer bin als vor 15 Jahren, obwohl (oder sogar weil!) ich auf einem unterhaltungssüchtigeren Markt arbeite.
Meinst du, letztendlich in deinen Texten viel mehr an Alltagsrealität zum Ausdruck bringen zu können? Zum Beispiel auch im Zusammenhang mit dem Ende der DDR, das für dich ja auch eine große Rolle gespielt hat.
Das hat für mich eine große Bedeutung gehabt. Wenn nicht gerade unser Kind in die Zeit hineingeboren worden wäre, hätte ich noch mehr davon mitgekriegt. Es war wie ein zweites Leben auf einmal. Die ganzen Gegenden zu sehen, das fand ich großartig. Ich habe schnell versucht, mit anderen was zusammen zu machen, mit Gerhard Gundermann, Barbara Thalheim. Oder mit den Leuten in Hoyerswerda, die das Liederfestival organisieren, klasse Leute und auch integer. Da habe ich Dinge wie den ,,Wessi" und einige andere Lieder geschrieben, die, finde ich, ein bisschen was durchleuchten. Also politisch sind. Was ich dann nicht mehr o.k. fand, war die DDR-Nostalgie. Das fing schon an während der Zusammenarbeit mit Gundermann, dass sein Management es nicht mehr witzig fand, dass ihr werdender Star mit einem Westler zusammen auftrat.
Ein wichtiger Name in deiner Karriere ist ja der Saxofonist Richard Wester. Wie habt ihr euch gefunden?
Ich kenne ihn schon sehr lange. Er war ja ein richtiger Berliner Studiomusiker. Alle holten ihn, wenn es um Saxophone ging. Die richtige Zusammenarbeit für uns fing an, als die Idee aufkam, eine rein akustische Club-Tour zu machen mit Tommy Bayer, Kunze, Ulla Meinecke und Richard. Doch Ulla war schon berühmt und hatte Angst davor, und Kunze wurde in der Zeit berühmt und wollte es sich nicht mehr zumuten. Sodass Thommy Bayer, Richard und ich übrig blieben. DieTour nannte sich ,,Drei Männer im Schnee" und war ziemlich wild, weil sie einer gebucht hat, der Tag für Tag Auftritte organisiert hat für wenig Gage, dafür umso längere Strecken zwischen den Gigs. Ich war völlig durch den Wind danach. Aber es war eine tolle Erfahrung. Richard und ich hatten Lust bekommen, zu zweit noch mehr auszuprobieren. Instrumentalmusik, Sketche, Lesung, Dialoge nicht nur Lieder. 1989 fingen wir an mit unserem Duo-Programm ... und das gibt es heute noch.
Wo liegen Unterschiede zwischen Maurenbrecher solo am Piano und Maurenbrecher mit Wester?
Es ist ein bisschen sanfter mit Richard, ein bisschen tiefgründiger, aber auch verrückter. Manche Leute, die mich alleine toll finden, die sagen, es ist zu brav. Und andere, die das mit Richard schöner finden, die sagen, wenn ich alleine bin, das ist zu eckig, zuviel Aggression.
Ein anderes deiner Projekte ist das ,,Mittwochsfazit". Wie ist das entstanden?
Da gibt es in Berlin eine weit verzweigte Lesebühnenszene, wo, ziemlich einzigartig in Deutschland, seit acht, neun Jahren junge Leute zusammenkommen in kleinen Clubs und für wenig Eintritt vorlesen, und andere noch jüngere Leute hören sich das an und mögen es, meistens. Ich bin durch Zufall da reingeraten. In einer Zeit, 94, als ich ein bisschen in einer Sackgasse steckte. Einer der Vorleser, Bov Bjerg, hatte gefragt, ob ich nicht mitmachen wollte bei einer neu zu gründenden Veranstaltung, ich sagte Ja, und dann musste ich ein Jahr lang jeden Sonntag ein neues Stück parat haben. Aus dieser Art von kreativer Schufterei hat sich später das ,,Mittwochsfazit" entwickelt. Seit 96 gibt es das in der bekannten Form: Jeden Mittwoch Auftritt, jeden Monat ein neuesProgramm. Die ersten zwei Jahre haben wir das vor 30, 40 Leuten und für sehr wenig Geld gemacht. Aber wir hatten Spaß. Wir nahmen uns grelle Titel und machten dann, was wir wollten. Ich muss sagen, die Hälfte der Lieder, die ich seit sieben Jahren geschrieben habe, wäre nicht entstanden ohne den Druck, jedes Mal für diese Auftritte etwas Neues in petto haben zu müssen. Man ist natürlich bei einigen auch froh, sie nach dem Monat nie mehr anrühren zu müssen.
Lass uns ein bisschen über deine letzte CD sprechen, eine ganz besonderes Projekt, wie du sagst.
Das Besondere daran ist, dass es tatsächlich eine Platte am Flügel ist. Sie wurde live aufgenommen in einer kleinen Wohnung, wo ein Flügel steht, der Ernst Busch gehört hat, und daran spiele ich 13 Stücke. Zwei sind später entstanden in meinem Landhäuschen an einem E-Piano. Bei ein paar Sachen haben wir noch overdubs gemacht, bei einem hat einer Geige gespielt und ich blase die Mundharmonika oder orgle. Aber das meiste ist nur Flügel und Gesang. Es knarrt und quietscht manchmal auch. Und man hört hier und da durch die Wand so ein Pochen, das bedeutet, dass Andreas Albrecht, der Produzent, in der Küche am Computer saß und geklopft hat, weil er aufnahmebereit war. Die Geschichte mit dem Jugendbild auf dem Cover ... Es gibt zwei Lieder, die sind 20 Jahre alt. Eins davon ist ein Stück über meine Kindheit, ,,Mit dem Roller", Erinnerung an Erinnerungen: Das ist so eine Platte, die auch vor 20 Jahren hätte entstehen können, wenn ich damals schon den Mut und die Erfahrung gehabt hätte. Und vom Wesen her eben auch in der Zeit, als das Jugendfoto entstand. Es ist j das da drauf, was ich immer gemacht habe: Am Klavier sitzen und eine Geschichte erzählen.
Wer ist denn der private Maurenbrecher?
Wenn ich Zeit habe, bin ich mit meinem Sohn Max viel zusammen und mit seiner Mutter, Kristjane, natürlich noch mehr. Und wenn ich noch mehr Zeit habe, reise ich gerne. Horst Evers vom Mittwochsfazit, mit ich zusammen mal ein paar Tage im Urlaub war, hat gesagt, er hätte nicht geglaubt, wie umtriebig ich bin. Ich fahre nämlich sehr gerne Auto und wandere auch. Wenn ich irgendwo bin, muss ich sofort alles kennen lernen. Wir waren vor zwei Jahren in Masuren, da bin ich gleich an die russische Grenze gefahren und hab mich erkundigt, ob man hier denn auch ein Visum kriegt. Ich bin nicht jemand, der fünf Tage im Liegestuhl liegt, das halte ich nicht aus.
Aber du kannst es schon fünf Tage in deinem Häuschen auf dem Land in Brandenburg aushalten...
Da gibts ja immer was zu tun. Ich liebe die Gegend, mag die Leute. Gegenüber,
am andern Ufer der Oder, ist die Neumark, polnisches Gebiet, das nach dem Krieg
zwangsbesiedelt wurde. Stalin hatte die Idee, Polen nach Westen zu verschieben.
Die Deutschen mussten raus, und die damals in der heutigen Ukraine lebenden
Polen mussten da hinziehen.
Diese Menschen haben ihr eigenes Leben da geführt, ohne Verbindung zu den
Deutschen. Und es hat deshalb etwas ganz Fremdes. Das ist wirklich wie eine
andere Welt. Sie fahren zum Teil mit Pferdewagen durch die Gegend. Man könnte
meinen, man sei im 19. Jahrhundert.
Was ist mit dem CD-Titel Gegengift gemeint?
Eine Medizin, die das rauszieht, woran man krank war. Anschließend ist
man wieder obenauf. Eigentlich wollte ich die Platte ja nach einer Zeile in
einem der Lieder nennen:
Man kommt nicht durch als Zaungast. Aber alle würden sagen:
Was ist das?
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