Eine Plauderei für die Ohrenweide vom 11.3.2001
I. Klavier - Intro
Ich weiß noch, wie harmlos es angefangen hat. Bei irgend einem Kaffeetrinken
an einem 2. Weihnachtsfeiertag muß es gewesen sein, die Familie samt Schwiegereltern
und Angeheirateten lagerte erschöpft um einen Stollen, der halb noch auf
dem Kaffeetisch und halb schon in den Mägen sein Gemütsstärkungswerk
vollbrachte - da fragte meine Frau ihre Mutter:
"Was weißt du eigentlich über den Onkel Albert? Das ist doch
der, den Opa nicht leiden mochte, nicht wahr? Der hat doch auch mit Nachnamen
anders geheißen als wir alle - obwohl er Opas Bruder war?"
Meine Schwiegermutter unterbrach ihre Tätigkeit des Kaffeenachschenkens
einen Augenblick, besann sich und sagte dann: "Ja, das war Opas ältester
Bruder. Ein Stiefbruder, aus erster Ehe."
"Seiner Mutter?"
"Nein, seines Vaters, mit einer Polin", sagte meine Schwiegermutter.
Wir spürten, wie sich eine leichte Verwirrung über die Weihnachtsgesellschaft
legte. Meine Frau bohrte nach: "Aber den Nachnamen müßten sie
doch dann gleich getragen haben als Brüder, es sei denn..."
"Den trugen sie natürlich auch gleich", behauptete meine Schwiegermutter.
"Nein, trugen sie nicht., soviel ich weiß."
"Aber Ja."
"Aber Nein!"
"Aber natürlich!"
"Sag nicht immer natürlich. Außerdem hat Opa es mir selbst erzählt,
daß sein Bruder Albert mit Nachnamen anders hieß, Kurz oder so,
was ganz Kurzes... Und daß er ihn seit seiner Kindheit nie mehr gesehn
hat... "
"Das stimmt doch gar nicht", sagte meine Schwiegermutter fassungslos,
"dein Opa hat seinen Bruder sogar ziemlich häufig besucht, auch im
Alter noch..."
"Obwohl er ihn gar nicht hat leiden können?"
"Das behauptest du... Über die Toten nichts Schlechtes!"
"Nein, das weiß ich von ihm! Und du weißt leider nur sehr wenig
von unsrer Familiengeschichte!"
"Aber du natürlich ganz viel", konterte meine Schwiegermutter,
während ihr Mann und ich die Hände rangen und in allen Zimmerecken
Ausschau nach möglichen anderen Themen hielten. Umsonst. Meine Schwiegermutter
begann nun von der Flucht zu erzählen, "das kann man sich gar nicht
mehr vorstellen, die Lebensumstände, die Not, und nachher hat es natürlich
niemanden interessiert, warum auch, ihr habt ja nie versucht, das nachzuvollziehen..."
- und ich wollte die angespannte Athmosphäre ein wenig begütigen durch
ein: "Das ist aber auch nicht so ganz einfach..." - aber meine Lebensbegleiterin
winkte mir ab wie einem zur falschen Zeit gestarteten Rennpferd und gab dann
die folgende Grundsatzerklärung für mich und alle anderen zum Besten:
"Ich will jetzt nicht wieder hören, was für eine lieblose Tochter ich bin. Ich will auch nichts von den Flüchtlingstrecks wissen, diesmal jedenfalls nicht. Mich interessiert die Ecke, aus der die Familie stammt, mütterlicherseits. Galizien. Wie kamt ihr da hin? Konnte Opa wirklich polnisch und russisch und ukrainisch, und hat sich in der Gefahr immer gerade so ausgegeben, wie's für ihn günstig war? Sind wir denn überhaupt Deutsche? Woher sein Judenhass? Und was war mit Onkel Albert?"
So hat es angefangen. An jenem zweiten Weihnachtsfeiertag blieb der Fernseher
kalt. Ein Haufen verblichener Fotos lag bald um den Stollen auf dem Tisch herum,
mit Menschen darauf, meist im Winter fotografiert, vor kleinen ebenerdigen Gasthäusern,
an Pferdefuhrwerken lehnend, wie sie sich tauften, einschulten, heirateten,
Richtfeste feierten, einander begruben; alle im Gesicht, wenn man nur lang genug
danach suchte, eine Ähnlichkeit zu den jetzt Lebenden, daß man sich
ihnen doch vertraut fühlte, obwohl das alles schon so lange her war und
keiner noch viel davon wußte, man sogar auf der Landkarte lange suchen
mußte, bis man die Gegend gefunden hatte, in der das Fotografierte gespielt
haben sollte.
Meine Frau nahm ein Bild hoch, es zeigte ein junges Mädchen, vor einer
Hängeweide posierend:
"Ich glaub, das ist Marthchen. Die Schwester von Uromas erstem Mann. Einem
Kaschuben soweit ich weiß. Ich hab mal gehört, daß sie sich
später aufgehängt hat, weil sie ein uneheliches Kind erwartete..."
"Wo hast du denn das nur wieder her?", rief meine Schwiegermutter.
"...aber von wem nur? Ob es einer der jungen Ukrainer war, die auf dem
Hof als Knechte arbeiteten? Oder etwa unser Onkel Albert, ihr Neffe also - vom
Alter her käm es hin..."
"Ich hab noch was ganz anderes darüber gehört", sagte meine
Schwiegermutter plötzlich listig, "das Marthchen kam in die Irrenanstalt
von Lemberg, weil es sich dauernd irgendwelche Schauergeschichten ausgedacht
hat..."
"Anstalt ist schon richtig. Aber es war das Gefängnis von Lemberg.
Sie hat nämlich versucht, ihre Mutter zu vergiften."
"So haben wir es doch wieder einmal richtig gemütlich gehabt", beendete mein Schwiegervater Stunden später das Weihnachtsfest, und ich wußte nun, daß die Spurensuche nach diesem Teil der Familie, der sich vor langer Zeit weit im Osten auf eindrucksvollen aber oft unscharfen Fotos versucht hatte zu verewigen, uns eine Weile prägen würde.
II. Klavier-Zwischenspiel
Der erste Anlauf geschah sozusagen per Hand, noch mit direktem körperlichen Einsatz. Wir fuhren in einen Ort in der Pfalz, von wo aus - wie meine Frau schon wußte -, ihre mütterliche Sippe dreihundert Jahre vorher nach Galizien aufgebrochen war. In dem kleinen pfälzer Nest stand ein Kriegerdenkmal am Dorfteich, und darauf hieß jeder zweite so wie der Opa meiner Frau. Wir wandten uns den Passanten zu, sprachen sie mit unserem ganzen Enthusiasmus an, nannten den Namen und versuchten irgendwelche Fragen zu finden, die wir ihnen stellen konnten - das ging ungefähr so:
"Tschuldigung. Mein Großvater hieß Kaub. Und hier in Blatternheim
leben ja ganz viele Kaubs, wie wir gesehen haben."
"Ja, ja. Viele Kaubs. Mein Nachbar ist auch ein Kaub."
"Und mein Großvater, der hat aber gar nicht hier gelebt, sondern
in Lemberg. Das ist in Galizien. Aber seine Vorfahren stammen von hier. Da gab
es einen Alfons Kaub, das muß sozusagen der Stammvater gewesen sein. Kennen
Sie zufällig wen, der von dem abstammt und sogar noch hier wohnt?"
"Alfons Kaub? Der soll hier wohnen? Hier in Blatternheim?"
"Nein, früher. Früher natürlich, nicht jetzt."
"Ach, dann hab ich das wohl nicht so mitgekriegt."
"Na, dann entschuldigen Sie die Störung."
"Vielleicht aber weiß mein Nachbar was. Der heißt ja Kaub.
Hans Kaub."
"Und wo wohnt der?"
"Hans Heinz Kaub, um genau zu sein. Na, da drüben wohnt der, wie ich.
Noch nicht so lange wie ich, aber immerhin. Könn' Sie ruhig klingeln, der
freut sich. Kriegt nie sehr viel Besuch.
"Das da drüben, das weiße Haus?"
Ja, allerdings, neben dem grünen, das ist nämlich meins. Aber - jetzt
ist der verreist, kommt glaub ich in drei Wochen wieder, der Hans Kaub..."
"Na, dann danke für die Freundlichkeit."
Wir besuchten ein Kirchenarchiv in Boppard, d.h. meine Frau besuchte es, während ich mich in den Weinbergen und bei der Personenschiffahrt umschaute, eine lohnende, wenn auch nicht ganz die Tage ausfüllende Tätigkeit. Jeden Abend sahen wir die handschriftlichen Kladden durch und die Fotokopien der Taufbücher, und wir entwickelten uns langsam ein Bild dieser Sippe: Seit dem Mittelalter waren sie ehrgeizige Bürgersleute gewesen, die Kaubs, häufig Amtsvorsteher im Ort, sie hatten sich diesen Job geradezu über Generationen vererbt, sich dabei fruchtbar vermehrt, so daß andere aus ihren Reihen zum Handwerk greifen mußten und einige zu geschickten, ja es hieß sogar hochempfohlenen Ofensetzern wurden. Von diesen Kachelofensetzern ging dann ein Zweig nach Galizien, wo sie erst ihre bekanntesten Werke vollbrachten, darunter einen Pentagramm-Kachelofen mit Liegesofa rundum, der sogar dem König von Ungarn nach Budapest geliefert worden sein soll...
"Mehr krieg ich aus den Kirchenbüchern nicht raus. Von mir aus können wir wieder abreisen. Wie, du hast Leute kennengelernt auf deinen Schiffsrundfahrten? Du lernst doch immerzu Leute kennen. Auf dieser Reise aber - und das hast du mir vorher versprochen - soll es um meine Vorfahren gehen, und um nichts anderes. Ich will schnell nachhause, denn ich will alles, was ich bis jetzt schon habe, endlich in meinen Computer eingeben... "
Ich glaube, auch meine Frau meinte damals noch 'eingeben' im Sinne von 'eintippen' und ahnte nicht, was für ein Fortschritt, ja Quantensprung sich bezüglich der Familienforschung durch die Computertechnologie bereits aufgetan hatte. Zuhaus tippte sie ihre Daten in ein elektronisches Karteikartensystem wie auf einer besseren Schreibmaschine, druckte sich einen vorläufigen Stammbaum aus... und als Weihnachtsgeschenk für Mutti und Vati, als Gesprächsstoff bei der Stolle hätten die handgemachten Informationen bestens gereicht...
"Aber ich weiß noch überhaupt nichts von diesem Onkel Albert.
Ich hab mal Kontakt aufgenommen mit einer Genealogieforschungs-Gesellschaft.
Die haben mir auch gerade geantwortet. Hochinteressant. Hat nur einen Nachteil:
Die meinen, am praktischsten wär es, sich gleich vernetzen zu lassen..."
"Vernetzen?"
"Im Internet! Wird sowieso Zeit, daß wir da mal reingucken..."
III. Klavier-Zwischenspiel
"Mit einer Aufrüstung allein ist es allerdings leider nicht getan!
Unser Computer ist alt, so alt, daß wir dem Arbeitsspeicher eine zusätzliche
Belastung überhaupt nicht mehr zumuten können!Wenn nur ein Fünkchen
bewegte Grafik oder Musik dazukommt, dann bricht alles zusammen. Nein, ich denke
an eine neue Anlage mit integriertem Modem, 17-Zoll - Bildschirm und einer Festplatte
von 20 Gigabite mindestens- und dann ab ins Internet..."
"Wieviel?" fragte ich aus einer Beklommenheit heraus, die mich manchmal
überkommt, wenn es draußen regnet, der Schreibtisch mit unerledigten
Rechnungen vollliegt und lukrative Aufträge mindestens noch eine Runde
drehen, eh sie sich bei mir sehen lassen. Ahnenforschung ist ganz schön,
aber eben doch nur ein Hobby!
Den Endbetrag sah ich drei Wochen später, abgebucht zusammen mit dem Jahresabo
einer Hochglanzzeitschrift ,Der Ahnenforscher', deutsche Probeausgabe eines
in den USA erfolgreichen Produkts, das davon profitiert, wie sehr die neue Lieblingsbeschäftigung
meiner Frau dort schon Volkssport ist. Ahnenforschung - auf einmal wimmelte
es auf unserm neuen Bildschirm von professionellen Anbietern, Suchforen, weiterführenden
Links. Wir hatten kaum die primitivsten Regeln des Netzes begriffen, bewegten
uns noch ganz zaghaft darin, da schlug die Informationsflut über uns zusammen:
"Hier, im Genealogy Forum, annonciert eine Selma aus Sashketchewan, sie
suche nach Kaubs aus der Pfalz, die in die Gegend von Lemberg ausgewandert sind
- das sind wir!..."
Willst du ihr nicht mal schreiben? Und deine Aufzeichnungen schicken?
"Ja, aber klar doch..."
Nach Kanada ist das natürlich nicht billig. Und lang dauerts auch.
"Keine fünf Minuten...mit e-mail!"
Ich kam erst allmählich auf den adäquaten technischen Stand. Wenn ich ins Arbeitszimmer reinstolperte und sah den Bildschirm sich wie von selbst mit englischen Worten füllen, die sich zu Sätzen verbanden von der Qualität eines: "Hi, heute regnets hier, und Joany, mein Enkelkind, kriegt einen Zahn" - und meine Frau gebannt darauf starren, Finger in Anschlaghaltung, bereit, zurückzutippen, ihr brummeliger Ehemann stünde grad eben neben ihr und wisse natürlich überhaupt nicht, was das soll... - das war dann Chatten! Chatten mit Selma! Über die halbe Erdkugel weg! Mit einer möglicherweise Verwandten, die als pensionierte Buchhalterin ihren halben Tag im Netz, im Gespräch mit der Tochter in Kalifornien oder eben auch mit einer möglicherweise Verwandten aus dem guten alten Deutschland schriftlich plaudernd verbrachte...
"Selma sagt, es gibt mindestens 30 Kaubs aus Galizien, die nach Amerika
weitergezogen sind. Es gibt ein Buch über die Ofensetzer-Kaubs, von einem
detroiter Banker geschrieben, auch ein Verwandter, allerdings um drei Ecken.
Sie hat es mir grad als Attachment geschickt..."
"Als was??"
"Als Attachment. Anhang zu einer email. Vierhundert Seiten. Wir müßten
sie jetzt nur noch ausdrucken. Mit unserm alten Nadler wird das ewig dauern
- was hältst du davon, wenn wir zur Feier des Tages gleich losziehen und
uns einen kleinen fixen Laserdrucker leisten ...?"
Wir rüsteten auf. Wir waren bereit für galiziendeutsche Vereine, weitverzweigte Erinnerungs-Homepages, Devotionaliensammler, Kirchenbuchdurchforster, Stammbaumdurchdringerr, wir trafen auf einen polnischen Rechtsanwalt, der wortreichen Anschluß an deutsche Verwandte und mögliche neue Geschäfte suchte, auf die romantische alte Lehrerin aus Wisconsin, die umständlich eine Altersreise zu den Stätten ihrer Vorfahren plante, auf Landrückkaufsunternehmer, die mit dem ukrainischen Staat ins Gespräch gekommen waren, auf solche verlorenen Sucher und Sammler wie eine gewisse Sally Parker aus Ottawa:
"Hi, I'm Sally. My mother's name is Grete, Grete Mueller, a born Schmidt.
She grew up in a little village with a German name in East Europe, Neustadt
or something like that. Today it is Russia oder Ucraina, I don't know exactly.
Has anybody any idea, where I come from?"
"Hat einer eine Idee, wo ich herkomme?" Das zu erfahren - es schien
für die Amerikaner in ihren verschiedensten Ausformungen und Lebenslagen
die entscheidende Frage geworden zu sein. Ein ganzer Markt versorgte sie mit
dem Handwerkszeug, und die Eigeninitiative war ungebremst. Hatten wir durchaus
manchmal Zweifel, ob unsere Ahnensuche nicht doch Blut-und-Boden-getränkt
sein könnte - Amerika war frei von solcher Skepsis. In triefigen Farben
feierten Gebrauchtwagenhändler aus Arizona oder Wirtschaftswissenschaftlersgattinnen
aus Chikago das deutsche Volksgut samt dreidimensionaler Landschaft, Trachtenausstellung
und Wimpelchen, die sich grafisch animiert in einem virtuellen Lüftchen
drehten. ,Die eigenen Wurzeln spüren' war das Stichwort der Nation da drüben
geworden - und bezeichnenderweise zu einem Zeitpunkt, wo die technologischen
Möglichkeiten die Welt zum ersten Mal ganz zusammenschrumpfen ließen,
zum Klick Klack auf einer Tastatur...
"Diese Menschen damals, auf den Winterfotos, unsre Verwandten, und dieses
kalte Land... da konnte man ja noch richtig erfrieren, da drin..."
Das kann man immer noch.
"Wenn man so durch die Flut der Informationen surft, fällt es schwer,
das zu glauben - aber du hast recht: Das kann man immer noch. Richtig erfrieren.
Ich hab das Gefühl, wir müßten da mal hin, nach Galizien. Und
es uns nicht immer nur im Internet zeigen lassen..."
IV. Klavier - Zwischenspiel (bleibt leise unter'm Text bis Ende)
Wir wußten einiges mehr als ein halbes Jahr vorher. Die Sippe meiner Frau, mütterlicherseits, war eine etwas erfolglose Abspaltung der durchsetzungsfähigeren Kachelofensetzer-Kaubs, die später in Amerika hauptsächlich im Secondhand-Markt-Gewerbe brillierten und sich gegenwärtig etwas weniger eindrucksvoll im gebildeten Mittelstand verloren. Die Kaubs, die aus Galizien nach Westdeutschland geflohen waren, als das Deutsche Reich 45 zusammenbrach, hatten bescheidener gelebt, manche auch in der DDR. Großtante Marthchen zum Beispiel:
"Sie hat sich überhaupt nicht vergiftet, und schon gar nicht wegen
einem unehelichen Kind! Sie war Pionierführerin und Völkerballtrainerin
in Greiz in Thüringen! Opa hat uns das einfach verschwiegen, weil's ihm
nicht paßte..."
"...ihre Mutter hat sie aber auch nicht vergiftet..."
"Sie hat sogar noch zweimal geheiratet. Selbst das konnt ich aus den Files
der Mormonen herauslesen..."
Ja, die Mormonen. Sie waren in der Tat bei der Ahnen-Suche zur größten
Stütze geworden. Selbstlos verarbeiteten sie alle Daten, zogen aufwendige
Querverbindungen, lieferten kostenlos Abgleichungen und Ahnenreihen...
"Warum bloß? Hat es was mit ihrem Glauben zu tun?"
Auf jeden Fall ist es ziemlich selbstlos...
"Von wegen selbstlos!..." rief meine Frau eines Morgens, zerrte mich
an den Computer, wo eine e-mail von Selma aus Kanada auf dem Bildschirm stand:
"... sie sammeln die Seelen, schreibt Selma. Sie taufen die Toten um. All
unsere Vorfahren sind jetzt Mormonen geworden, im Nachhinein sozusagen..."
So vergrößern sie ihre Gemeinschaft, staunte ich - und dachte einen
Moment an die Möglichkeiten, die sich dadurch für einen wie mich,
der Bücher und CDs veröffentlicht, ergeben könnten...
"Selma fordert ihre Daten zurück, schreibt sie. Sollen wir das nicht
auch tun?"
"Ja, vielleicht", sagte ich unkonzentriert. Mir war es eigentlich
egal, wer von irgendwelchen Toten wie herum getauft worden war. Ich sah das
kalte stille Land vor mir, in dem diese Toten gelebt hatten...
"Na gut, bis auf einen," sagte meine Frau listig, "den Onkel
Albert, den lassen wir ihnen. Onkel Albert hat es nämlich nie gegeben.
Opa hat ihn sich nur ausgedacht. Immer, wenn er mal ganz alleine sein wollte,
hat er behauptet, er führe zu seinem Stiefbruder Albert. Den er ja eigentlich
gar nicht leiden konnte. Toller Trick, oder?"
"Immer, wenn er mal ganz alleine sein wollte...?"
"Oder was sonst auch... Über die Toten nichts Schlechtes!" rief
meine Frau - und da hörte ich dann ganz deutlich ihre Mutter aus ihr sprechen
- und dachte: Familienbande...
Das Thema ha'm wir jetzt aber durch...
© Manfred Maurenbrecher 2000