HABEN SIE KINDER?
Eine Unterhaltung a la Carte
Haindling: 'Wo is er denn'
DER KINDERFEIND 1
Haben Sie Kinder?
Also, mir reichts, daß ich Tag für Tag zusehen muß, wie sie
ihren Partisanenkampf treiben, von meinem Fenster aus - erster Stock, und drunter
gleich so ein Spielplatz, wie es heut üblich ist - Schaukelbären und
Wippkamele, ein bizarres Holzgerüst als Rutsche, und ein Bolzplatz noch
mit dazu. Vor meinem Fenster: vorher waren da Parkplätze, numeriert, und
Nummer VI war meiner. Gibt es was Wertvolleres als Parkplätze in einer
Stadt heutzutage? Also gut, ich hab meinen gar nicht gebraucht, ich fahre schon
lang nicht mehr Auto, zu alt, aber es war doch meiner, ein leerer Platz, einfach
so zugemietet, vor meinem Fenster - ein Ruhepol. Gibt es was Schöneres
heutzutage als einen Ruhepol in einer überquellenden Stadt?
Sagen Sie das mal den Kindern. Was heißt 'sagen': "Ruhe" -
brüllen Sie das mal, vom Wohnzimmerfenster aus zweimal stündlich in
den staubigen Hof raus, in diese Prügelszenen, in das gräßliche
Gequietsche hinein von batteriebetriebenen Baggern, zerplatzenden Plastiksandförmchen,
Geheul und Gekicher, in das Gerüpel und das Getrete - ohne jede Resonanz,
einfach aus einem Rest von Überlebenswillen heraus...
Ich lebe hinter Gittern. Es ist dieser Dampf ungebremster Vitalität, dieses
Urhafte, das mich schon morgens die Rollos meiner Küche nach unten ziehn
läßt. Ich sitze da und lauere auf die Geräusche. Ich weiß,
wann sie schulfrei haben, wann Kindergärten öffnen und schließen,
wann Ferien angesetzt sind - Ferien und Verreisen, ich fiebere dem entgegen
wie jeder anständige Schulbub - ach was, welch ein Widerspruch in sich
selbst. Ein anständiger Schulbub hat zumindest eine Haftpflichtversicherung,
sagt mein Rechtsanwalt. Eh ich die Gitter anbringen ließ - fünfmal
Bruch, immer das Wohnzimmerfenster, platsch, erster Stock, rein die Wumme, der
Opa zahlt's ja...
Es haben sich allerdings jedesmal lebhafteste Verwicklungen eingestellt zwischen
den Versicherungsträgern und Aufsichtspersonen, und daraus zumindest habe
ich einiges lernen können. Denn was kann es Interessanteres geben als das
Geflecht von Versicherungen in dieser unübersichtlichen Welt?
Was soll interessanter sein, sagen Sie: z.B. die Kinder? Dann sind Sie wohl
richtig in dieser Sendung, wo es, wie ich verdrossen vernommen habe, die laufende
Stunde lang um nichts anderes gehen soll als diese Blase- und Wechselbälger.
Ich weiß nicht, warum man mich dazu eingeladen hat, ich hätte lieber
über Substitution und Unfallprophylaxe referiert - aber ich bin nicht der
einzige hier im Raum.
Der einzige, der den Terror spürt, das wohl schon - der zusammengekauert
in seiner Küche hockt, kontrolliert und gesittet - was für eine Welt,
wenn wir alle so wären -, während draußen die Mischpoke marschiert,
das kinderfreundliche Pack, eierwerfend, purzelbaumschlagend, Bonbons spuckend,
das Chaos der Welt verdoppelnd - angeführt von einem brachialen Rattenfänger,
diesem Anarchokommandeur mit seiner Hymne, die mich vernichten will...
Hören Sie's?... Ihnen gefällt das wahrscheinlich... Na los, mitsingen... Wo ist die Watte, ich hatte sie doch... Nein, nicht noch lauter...
Kurz vor ltzt. Absatz eingefadet:
Grönemeyer: 'Kinder an die Macht', bis Ende
DAS INTERVIEW
Moderator: Ja, also, in unserer Sendung 'Kinder prägen Väter' haben wir heute Herrn Professor Überlinger, Vater eines dreijährigen Sohnes und gleichzeitig Dozent für komparable...
Professor: komparative...
Moderator: Danke, kompatible Literaturdeutung... Jedenfalls einen gestandenen Kindsvater, doppelbelastet, das ist ja das Interessante für uns, jemand, der Windeln wäscht, gleichzeitig Seminare vorbereitet, gleichzeitig...
Professor: "Wir suchen das Unbedingte, und wir finden nur Dinge", sagt Novalis...
Moderator: Nun gut. Aber ein Kind, Herr Professor, alleinerziehend, das muß doch eine besondere Herausforderung sein, es exponiert Sie und strapaziert Sie gewiß...
Professor: "Ihr Kleinen steht nahe bei Gott, die kleinste Erde ist ja der Sonne am nächsten", heißt es einmal bei Jean Paul - aber: "Jung freilich, aber jungfräulich?" andererseits bei Friedrich Hebbel...
Moderator: Nun... Auf Einzelheiten wollen wir später eingehen... Zunächst die profanere, finanzielle Seite: wie schafft man das alles, braucht man Hilfskräfte, besucht Ihr Sohn einen staatlichen Kindergarten, haben Sie Unterstützung, Partner...
Professor: "Am Regenbogen muß man nicht Wäsche aufhängen wollen".
Moderator: Schön gesagt - aber wir sind hier nicht in Ihrer Vorlesung, sondern ein sozial engagierter Zeitfunk, und ich wollte zunächst auf Konkreteres hinaus: die pekuniären Verhältnisse, sind Sie zufrieden mit der Gesetzgebung, beispielsweise...
Professor: "Man kann sein Geld nicht schlechter anlegen als in ungezogenen Kindern", Wilhelm Busch, dem habe ich nichts hinzuzufügen...
Moderator: Aber wer erzieht denn ihr Kind, wenn nicht...
Professor: Tja... "Das kluge Kind. 'Kannst du einen Stern anrühren', fragt man es. 'Ja', sagt es, neigt sich und berührt die Erde." Hugo von Hoffmannsthal, ein Satz, der zum Aufhören anregt...
Moderator: Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie mit dieser Latte von Sprüchen...
Professor: "Wer geboren wird, ist schon auf seine Eltern hereingefallen" - Nietzsche.
Moderator: Schluß jetzt. Unserem Vorgespräch habe ich entnommen, daß Sie durchaus ein engagierter Vater sind, in Pädagogik bewandert, entschlossen, der Doppelbelastung zu trotzen, das angestammte Rollenverhalten aufzubrechen, und dennoch gelassen, geradezu heiter...
Professor: "Das schönste Gefühl auf dieser Erde: nicht gebraucht zu werden" - sehn Sie, ich bin doch dankbar um jede Gelegenheit in diesem Streß - wie gerne wechsle ich auf die Ebene verwandter Geister, auf meine Forschung, das kompa...
Moderator: ... Ihr kompatibles?
Professor: ... nein: komparables Denken, es hilft mir, es...
Moderator: Aber was haben Sie denn plötzlich? Sie sind ja ganz feucht, feucht um den Schritt herum, Herr Professor...
Professor: Ja, nicht? Verdammt noch mal! Das muß er wieder... ich dachte,
es wär sein Schnuller, den er mir zugesteckt hat, als ich weggerannt bin
hierher, aber es muß Schokolade gewesen sein, eingewickelt in Zeitungspapier,
die jetzt schmilzt, sehn Sie selbst: ein verschmiertes Stück Schokolade,
die Hose ist ruiniert - ach, das Kind treibt mich noch zur Weißglut -das
ist ein Zeichen, er braucht mich, er will seinen Babysitter nicht mehr - ich
muß los, tut mir leid, interessant, Ihre Sendung, ich hätte noch
viel zu sagen gehabt - rufen Sie doch mal an, oder auch nicht, ist egal... Ich
komm sowieso immer überall hin zu spät...
Thorsten, ich bin schon zurück...
Ab den letzen Zeilen eingefadet
Nena: 'Hejo, spannt den Wagen an'
Text Erwin Grosche:
'Wilder Vater, weiches Herz'
Reinhard Mey:
'Aller guten Dinge sind Drei'
Also, mir reicht eins.
Fällt Ihnen was auf? Es sind doch meist Männer, Väter, die ihre
Gefühle zum Nachwuchs ablassen - Mutter Nenas Platte mit alten Kinderliedern
ist da wirklich die Ausnahme... Womöglich liegt es tatsächlich daran,
daß die Frauen die Arbeit tun, oder sollte doch Platon recht haben, der
sagte: man kann entweder Kinder gebären oder ein Künstler sein? Aber
Arbeit ist das, dieses Erziehen, wir haben's gerade gehört, und eine seltsame,
bei der man gleichzeitig jünger und älter wird, klüger und blöder
im selben Moment. Seit unser Max mit dabei ist, glaub ich jedenfalls keinem
der Spezialisten für Pädagogik mehr - für diese Arbeit gilt:
nur die Fehler zählen. Das kann keine Gewerkschaft taxieren...
Es gibt ja jede Menge davon - Erziehungsfehler und Bücher dagegen. Auf
unseren Spaziergängen seh sie immer, wenn wir mal nicht bloß bei
Pfützen und Papierkörben stehenbleiben, sondern auch vor den Autogeschäften
oder eben Buchläden, und Max dann immer sagt:
Heij, Papa, heij, was so viel bedeutet wie: trödel nicht so, geh jetzt
weiter, das ist doch langweilig hier... dann seh sie mit knappem Blick: 'Das
geprellte Kind' / 'Psychoanalytische Vorbedeutung' / 'Ratgeber für gute
Eltern' - und weiter, hast recht, Junge, stinklangweilig hier - aber kurz noch
mal zum Musikalienhandel, kriegst dann auch 'n Überraschungsei beim Türken,
okay?
Und während ich noch vor mich hinsing: Wenn das Gehen zäh wird, geht
der Zähe, fällt mir eine Übertreibung ein von Karl Kraus, Anfang
des Jahrhunderts, längst Alltag geworden:
"Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. Als Säugling muß
so eines zugeben, daß es beim Stuhlgang Wollustempfindungen habe. Später
wird es gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem Weg zur Schule
der Defäkation eines Pferdes beigewohnt hat. Man kann von Glück sagen,
wenn so eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen Traum beichten
kann, in dem er seine Mutter geschändet hat."
Beim zähen Gehen denkt der Zähe, singt Max - und ich denke: der Alltag
ist doch noch ganz anders, klüger und blöder zugleich, wie gesagt.
'Was hast du mit dem Spiegel angestellt, kann ich nirgendwo mehr ohne dich hin? Vielleicht lernst du ja nie laufen, nie reden - aber ich lieb dich, werd dich wohl immer lieben...'
Randy Newman: 'Memo to my Son'
Anschluß zu Ulla Meinecke: 'Ey Kleine'
Telefonklingeln
DER VIDEOKÄUFER
- Ja - da sind Sie hier richtig.
Wir haben grad Nachschub bekommen, fesselnde Kollektion, dafür kann ich
einstehen...
Selbstverständlich. Sie müßten sich herbemühen, und wir
würden Ihnen eine kleine Auswahl vorführen...
VHS, alles zum Hausgebrauch, logisch...
Was? Ja, die verschiedensten Rassen und Aktionen, ich meine... um das zu beantworten,
müßte ich Ihre Interessen genauer kennen...
Auch ganz junge Objekte, warum fragen Sie... ja, ich hab schon verstanden...
von Null an, wenn man so sagen will, selbstverständlich...
Ja, die bezeichnete Adresse, und wenn Sie eine Vorauswahl treffen wollen, müßten
Sie selbst kommen, wie gesagt... Diskretion? Ich glaub, jetzt verlier ich doch
langsam den Faden...
Filme - es handelt sich um Filme...
Aber, um Gotteswillen, wo denken Sie hin: Tierfilme, weltweite Fauna, wie kommen
Sie denn... Hallo?...
Aufgelegt. Was manchen Leuten so einfällt...
Bettina Wegner: 'Sind so kleine Hände'
Text Friedhelm Kändler: 'Seligpreisung'
Shel Silverstein: 'Sarah Synthia Sylvia Stout'
DER KINDERFEIND II
Entschuldigen Sie, daß ich mich noch mal einmische. Ein hübsches Lehrstück grad, das von der kleinen Sarah Sylvia Synthia Stout, die die häuslichen Müllberge anwachsen ließ bis zum Himmel und alles darunter erstickte - möglicherweise mit pädagogischem Nutzwert, obwohl ich das bezweifle. Ich höre Ihnen nun gut 40 Minuten lang zu, ich bin ja unglücklicherweise hier mit hineingeraten -und ich muß sagen, ich staune über das Geseich. Glauben Sie denn im Ernst, werte Anwesende, daß einem Kind eins der vorgeführten Stückchen hier gefällt? Das sind doch Selbstbeweihräucherungen unter Erwachsenen, so schrecklich innig - das letzte einmal ausgenommen. Dieses letzte Stück stammt übrigens von einem namhaften Comiczeichner, der Kinder, da bin ich sicher, gar nicht besonders mag. Deshalb kann er so grob sein, so herrlich ichbesessen, und das gefällt dann den kleinen Blagen, so sind sie nämlich selbst. Ja, da staunen Sie, werte Sensibelchen, die größten Wohltäter der Kinder hatten ein Doppelleben - Walt Disney konstruierte kleine Foltergeräte, Lewis Carrol stellte sich seinen Alices selbst als das Wunderland vor, und von den Seltsamkeiten eines gewissen Karl May hat der eine und andere sicher verwirrt schon gehört. Kinder mögen das, sie sind selber seltsam. Wenn sie nicht gerade am Massakrieren sind, hocken sie zuhause und wünschen sich einen leeren Platz vor dem Fenster, so groß wie die Welt. Ich sollte es wissen, bin ich doch selber tätig auf dem Kinderbuchmarkt, nicht unbeträchtlich erfolgreich und deshalb heut abend hier eingeladen... Aber ich werde den Teufel tun und etwas sagen zu meinen Büchern - was ist lächerlicher als ein Autor, der seine Klientel verabscheut? Ich nenne noch nicht einmal meinen Namen. Genug von den kleinen Bastarden.
Viel interessanter erscheint mir doch die Frage, was sich versicherungstechnisch aus jener Müllüberflutung, von der wir eben gehört haben, ergeben würde: nur mal angenommen, eine einzelne Haftpflichtpolice habe weltweite Gültigkeit, und Sturmschäden mal beiseite, dann fragt sich doch, ob der Passus der mutwilligen Eigenverschuldung, wenn schon nicht durch die Eltern, gewiß die Versicherungsnehmer im obigen Fall...
Ab letztem Absatz soll die Stimme gefadet werden, und ebenso langsam aufgeblendet:
H.R. Kunze: 'Bring mich zur Welt zurück'
Spielplatzgeräusche
AUF DEM SPIELPLATZ
- Ja, nett, wie die beiden da spielen...
Wie alt ist Ihrer?
Ach, eine Sie. Na, dann sind sie fast gleich alt.
Merkt man auch, find ich. Da: an-aus, an-aus, stundenlang...
Vorsicht, nicht so schubsen, Du!
Also, hat man das gesehen, ein ganz schön hübsch rabiates kleines
Fräulein da, Ihrs...
Wie?
Stimmt, selbstverständlich: leg das gleich wieder hin, hörst du, das
ist deren Schippe... na komm, ist eben so... Ja, wir wohnen auch hier direkt
um die Ecke...
Na ja, es geht, ich mein, der Verkehr nervt natürlich... Hoppla! Aber da
konnt er nichts für, ist doch nur mal gegengerannt...
Leg die Schippe weg!
Also, guck dir das einer an: was die schon alles so treiben mit ihren zwei Jahren...
Tja: Boys will be Boys, oder? Und Sie leben allein? Mmh mmh.
Na, ich glaub, wir müssen mal aufbrechen. Nicht beißen, laß
das Mädchen los! Vielleicht sieht man sich mal wieder? Ko-homm, wir gehn
jetzt!
Na, Ihrer fällt aber der Abschied sichtlich schwer, oder? Komm, Max, manche
Leute verstehn keinen Spaß...
Ab den letzten Zeilen aufgeblendet Hermann van Veen:
'Lampen überm Meer'
© Manfred Maurenbrecher 1993