"Im Bezirk Kreuzberg ist die Methfesselstraße wegen eines
Straßenfestes bis kurz nach 22 Uhr gesperrt. Weitere Verkehrsmeldungen
aus Berlin - Brandenburg liegen nicht vor..."
Während eine Mädchenstimme dies aufgeregt-kuschlig ins Mikrophon wispert,
rase ich in einen Stau rein auf der Autobahn zwischen Biesenthal und Bernau.
Wissen die davon in ihrem Innenstadtstudio nichts? Vollbremsung, rechtzeitig
zum Stehen gekommen während des Jingles, und schon schmeichelt das Mädchen
weiter im plötzlich so fernen Berlin: "Das Wetter heut nachmittag
wird Ihnen übrigens präsentiert von Radio RTL 104,6 - 19 Grad, echte
Frühlingstemperaturen an diesem neunzehnten Oktober, phantastisch..."
Ich schalte um. 91 Komma 8, Berliner Rundfunk, beendet eben seine stündlich
wiederholte Phil-Collins - Schnulze und spricht dann auch vom Verkehr. Diesmal
ist es eine ältere, gluckenhaft aufmunternde Weiblichkeit, die freie Straßen
meldet, und zum Wetter erklärt sie: "Wunder, wunderschön - 21
Grad jetzt im Moment eben noch. Machen Sie was draus! Mit den besten Empfehlungen
von Ihrem 91 Komma 8!"
Ich rangiere für ein paar Entnervte, die zur letzten Ausfahrt zurückwollen,
und möchte dann vorsichtig von der Leitplanke wieder zurück in die
Reihe hoppeln. Schräg vor mir ein Heizöltransporter, darf der das
an einem Sonntagnachmittag überhaupt? Natürlich blocken mich die Mitverkehrsteilnehmer
ab, sie wären dankbar gewesen, hätt ich sie rausgelassen, aber weil
jetzt ich abgedrängt bin, war ich eben zu blöde. Jazzradio bringt
eine Ella-Fitzgerald - Schnulze, sowas läuft nachts im Schlot, Klassikradio
sendet Schubert, Radio Kultur auch, und Radio Drei sogar noch das gleiche Schubertstück
drei Minuten nach hinten versetzt. Kein Wort von Staus oder Wetter. Der Heizöltransporter
hat etwas vor, kompliziert wird das werden, ich ahne es schon, aber ich stelle
mich diesmal dumm und dreh die Musik einfach lauter, ich mag nämlich Schubert,
tolle Modulation eben, will der wirklich noch wenden, der hat sie nicht alle.
Ich rühr mich nicht von der Stelle!
Als ich von Radio Drei erfahre, daß der Nobelpreisträger Dario Fo
in seiner Jugend Sonette geschrieben hat, die im Folgenden interpretiert werden
sollen, schnell weiter zu Radio Energy, und auch hier, diesmal männlich
und unglaublich staccato gepowert: "Das coolste Wetter in weeks, Leute,
exakte 23 Grad draußen, ideal für unsern event heute nacht in der
Müllhalde bei Straußberg, die Highways sind offen, und so sieht Service
aus, die geilsten Infos vom schnellsten Sender der Stadt..." - "...hat
hier noch das an Butler Yeats geschulte Versmaß..." - "Saloppe
24 Grad sollen draußen herrschen", flüstert meine Assistentin
mir grad ins Ohr, ihr Mund sei mein Auge, ich seh ein Säkulum geiler Teilchen
vor mir, das ist das Vorrecht der Blinden, aber ich werde nicht weichen, mag
draußen herrschen, was will, Brandenburg allerwege, und alle Wege in Brandenburg
frei zur Stunde, soweit die Lippen meiner Assistentin, und soweit auch die Verkehrsübersicht
- wo bleibt bloß mein nächster Parleur hier auf News Talk 93,6..."
Mein Gott, was ist nur aus Lutz Bertram geworden, denk ich traurig, aber recht
hat er: Ich werd nämlich auch nicht weichen, für einen Heizöltransporter
schon gar nicht, da könnt ihr hupen, soviel ihr wollt - ich kurbel die
Fenster hoch und machs mir gemütlich... "Frau Schulsenatorin, wir
bei rs2 94,3 fragen uns: Kann es morgen nicht ein Extra-Hitzefrei geben, bei
schlappen 26 Grad im Oktober? Sie nickt! Also Kiddies, hergehört: Morgen
ist Abhängen angesagt, das hat rs2 94,3 gerade für euch verabredet!
Und nun ein Leckerbissen: I wanna know what love is, von Mr. Phil Collins..."
Über uns kreist ein Hubschrauber - verliert dieser Heizöltransporter
nicht Flüssigkeit aus seinem Tank? Er hat sein Hinterteil auf 20 cm an
meine Schnauze herangedrängt, er kommt nicht raus, aber ich geh nicht weg
- ist ja auch nur ein Mietauto, denk ich, bei Beschädigung hundert Mark
Eigenbeteiligung, das ist es mir wert - oh ja, er verliert tatsächlich
Öl, und die rüstigen Mitbürger um mich herum verlassen grad ihre
Kisten, fäusteschwingend - besser Zentralverriegelung runter, und nochmal
quer durch die Skala: "Wenn man Dario Fos spätere, nun, lassen Sie
mich sagen: populinfantilen Ensemble - und Aktionsstücke einmal als ein
Paradigma hinzunimmt..." - "Aber wir haben uns doch auch früher
häufig gesehen, Herr Bertram..." "Herr Wolf, ich habe Sie nie
gesehn..." - "Die phantastischen 30 Grad Sommerwetter heut nachmittag,
und all die freien Straßen in und um Berlin, wer hat die wohl gemacht?
Na??" "Etwa Radio Hundert Komma Sechs!?" "Super!! Gewonnen!!
Gib deine Faxnummer durch, und jetzt dein Musikwunsch?" "Ich hätte
gern was von Gerhard Gundermann..." "Oh Mann..." "Na, dann
so was ähnliches, was richtig gut abgeht. Vielleicht Phil Collins?"
"Das läßt sich machen! Und hier kommt er schon, exklusiv auf
Hundert Komma Sechs. Nachbarn, wir bringen den Sommer zurück!"
Ich rauch eine Zigarette. Von draußen sieht das keiner. Sie schaukeln
mein Auto jetzt rhythmisch. Die kleine Öllache wächst und wächst.
Aussteigen, zielen, mit der brennenden Kippe treffen, ich glaube, ich traus
mir zu. Der Hubschrauber kreist jetzt tief über mir - werden sie mir ihre
Strickleiter paßgenau zuwerfen? Als Ballfänger war ich nie überzeugend...
Tür auf, einen Moment Herzrasen, dann aussteigen, Kippe direkt ins Öl,
das Seil fassen, hochschwingen...
Es klappt! Bhooh!! So sieht die Gegend von oben aus!!!
"Es ist draußen nicht wärmer als 15 Grad Celsius, und auf der Autobahn zwischen Biesenthal und Bernau stehen exakt sechzig Fahrzeuge in Flammen" - mit dieser exklusiven Meldung geht am 19. Oktober 97 um 18 Uhr zwei unser stilles, von Jan Philip Reemtsma gesponsertes Intellektuellenradio auf Sendung. Man kann es immer noch hören - man muß nur alles andere ganz gründlich ausschalten.