"Ja, habt Ihr schön gemacht, doch doch", sagte väterlich
der Hauptautor des Drehbuchs, als er unsere Dialoge durchgesehen hatte. "Aber
hier, gleich am Anfang, die zweite Szene da, schaut mal..." Er fegte ein
paar Gläser beiseite und beugte sich an seinem Zwei-Meter-Kirschholztisch
zu uns vor: "Fällt euch wirklich nichts auf? Na?" Er stieß
mit seinem dicken Mittelfinger auf das Wort 'Bitte'.
"Er könnte natürlich auch was anderes sagen", räumte
gleich einer von uns ein - "oder auch gar nichts", der andere. "Mmh
mmh" - der Hauptautor schüttelte langsam den Kopf und fand zu einer
Miene, die professionelles Geheimnis verriet, "tut mir leid, es euch sagen
zu müssen, aber da ist eine Unlogik drin... Ihr Jungs solltet immer das
Ende im Auge behalten." Er lehnte sich jetzt zurück. Er hat für
Wenders gearbeitet, für Schlöndorff - "Welches Ende bloß",
dachte einer von uns, und der andere sagte: "Ende gut, alles gut..."
Der Hauptautor sah jetzt so richtig genüßlich aus. "Wenn am
Ende der Folge der junge Gangster wieder in diese Raststätte kommen wird
und ruft dann 'Hände hoch'", dozierte er und tat so, als wäre
er furchtbar nachdenklich. Wir taten auch so, mit ihm. Nach einer Weile nahm
einer von uns den Faden auf: "Naja, wenn er vorher 'Bitte' gesagt hat,
dann erkennt die Klofrau später ja vielleicht seine Stimme..." - Der
Hauptautor lehnte sich zurück: "Jungs, ihr denkt prima mit",
rief er und schenkte von dem dreißig Jahre alten Grappa nach, der ihn
immer so beflügelt, "er weiß natürlich am Anfang, daß
er nichts sagen darf, er muß ja unerkannt bleiben", faßte er
zusammen. "Aber die Klofrau, die sieht ihn doch auch... anfangs und dann
am Ende", fragte zaghaft einer von uns - aber dieser Einwurf ging schon
verloren in Anekdoten über die früheren besseren Zeiten, die innere
Logik des Filmens, die handwerklichen Unterschiede zwischen Wilder und Wenders...
Wir einigten uns schließlich zu dritt auf ein 'Danke' der Klofrau - und
weil wir ihr nach drei weiteren Grappas noch etwas Ländliches geben wollten,
wählten wir endgültig ein 'Vergelts Gott'. Damit schien uns der Fall
erledigt.
Eine Fernsehserie ist kein Autorenfilm - 'Autorenfilmer' ist für die Leute,
die Serien herstellen und finanzieren, sogar das mieseste Schimpfwort, dessen
sie fähig sind, viel beleidigender als etwa Kinderficker oder debiler Massenmörder.
Was an Worten und Einfällen die Autoren einer Serie so alles anbieten,
wird von den Regisseuren z.B. höchstens als vorläufige Meinungsäußerung
hingenommen - wie manche Verkehrsteilnehmer die bunten Schildchen am Straßenrand
auch nur für eine Art von aufwendigem Vorschlagssystem halten. Unser Regisseur
damals war ein Schwabe, der keine Sekunde stillsitzen konnte. Immer zwei Handys
im Arm, ein paar Notizzettel und einen Laptop um sich herum, tobte er wie ein
Bulle durch sein Büro, sprach wie mit Zwanzig, wollte aussehen wie Dreißig
und war Anfang Vierzig. "Desch is geil", rief er manchmal, irgend
einen Zipfel unserer Dialoge mit den Augen fassend, etwas fix mit lila Marker
heraushebend - manchmal waren es die Seitenzahlen des Manuskripts - , "woischt,
bei mir muß es 'Bumm' machen", schrie er, "Kamera so aus dem
Handgelenk, Volldrehung, Totale - Schnitt, woischt!" Dann blieb er schlagartig
stehen. "Aber desch hier", er deutete auf eine fast leere Seite -
seine Assistentin duckte sich schon unter dem plötzlichen Groll seines
Blickes -, "desch hier..." Er konnte etwas partout nicht fassen, "desch
is ja..." Wir traten hinter ihn und machten entsetzte Gesichter: Er hatte
die Klo-Szene vor sich.
"Desch goit so netta", entschied er. Er begann nun wieder, wie so
viele Male vorher schon, von 'Pulp Fiction' zu reden, von der kommerziellen
Alltäglichkeit butaler Gewalt, ihrer ätzenden Geilheit bzw. geilenden
Ätzendheit, und daß er nicht vorhabe, jemals das Sandmännchen
zu verfilmen... "Noi noi, mindestens zwei müssen's sein, der eine
gibt Feuerschutz, der andere fegt die Toilette leer, springt an der Stellwand
hoch, erledigt noch einen Pinkler, fesselt die Klofrau, und dann aber ab mit
der Bombe!" - "Ja, aber...", wandten wir ein, doch er ließ
es nicht gelten: "Logik, da scheiß'mer drauf - desch da muß
brummen, bumm muß es machen, und Schwenk, und dann... Schreibt's desch
bloß um, klar!"
Wir trollten uns. Wir saugten uns was aus den Fingern. Wir bekamen dann einen
Anruf vom Produktionsbüro, in dem uns klargemacht wurde, daß natürlich
der Regisseur einer solchen Serie keineswegs irgendwelche eigenen Anregungen
zu geben hätte - "Ich meine, bestimmt jetzt der Fahrer eines Fracht-LKWs
neuerdings schon selber über die Art der Ladung, die er da transportiert?
Na also..." -, aber da wir ja wohl gerade an den Änderungen der Kloszene
säßen, sollten wir doch unsere neue Fassung ganz nebenbei einmal
rüberfaxen. Der Koordinator würde sie sich dann vornehmen, der hätte
nämlich auch noch Ideen.
Ein Koordinator ist nicht der Regisseur, auch nicht der Produzent einer Serie
und schon gar nicht der Redakteur, der sie im Namen seines geldgebenden Senders
am Ende dann vielleicht abnimmt. Ein Koordinator ist dazu da, daß all
diese wichtigen Damen und Herren sich aus dem Weg gehen können - im Normalfall
mag nämlich einer den anderen nicht. Und nach dem Gesetz, daß jeder
einmal auf einen Posten gestellt wird, dem er nicht mehr gewachsen ist, wird
im Normalfall zum Koordinator ein Mensch gemacht, der es gewohnt ist, den einen
gegen den anderen auszuspielen. Das kann er glänzend, aber weil er bisher
nur ein kleines Licht war, hat ihn keiner so richtig dabei beobachtet. Der Intrigant
hat auf jeden sogar insgeheim ganz sympatisch gewirkt, deshalb wurde er ja Koordinator,
und jetzt weiß er nicht mehr, wohin - also Flucht nach vorn.
"Ich mache den Film", sagte unser Koordinator immer gern und zu jedem,
der ihm über den Flur lief. "The making of a book", rief er einmal
stolz der Putzfrau zu, als er wiedermal verschiedene Drehbuchfassungen bunt
durcheinandermischte und mit seinen eigenen gestanzten Zwischendialogen versah.
Unser Koordinator hauste in seinem Büro wie in einem dritten Aufguß
von Pulp Fiction selbst - mit heruntergelassenen Rollos, Ventilator, einer gebückt
tippenden blutjungen Schreibkraft, einem verlegen herumschwänzelnden neunzehnjährigen
Atlatus, mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, die Finger immer an den gestreiften
Hosenträgern, schnapp machend, weitläufige Grafiken des Handlungsverlaufs,
der Terminplanung und des Castings hinter sich an der Wand. Als er uns rufen
ließ, um uns seine vorläufige Endfassung der Kloszene zu präsentieren,
saßen wir auf zwei Stühlen und er in einem drehbaren Ledersessel
über uns. Zur Bekräftigung seiner Argumente hatte er noch einen glatzköpfigen
Muskelprotz beigeordnet, der nun überhaupt nicht wußte, warum er
dort eine dreiviertel Stunde lang mit herumstehen sollte.
"Alles ganz schön und gut", sprach langsam der Koordinator und
stellte sein Telefon auf lautlos, "aber wir sind hier am starting point,
und wir entwickeln die Dynamik des Films", - schnapp, schnapp, er zog das
Manuskript zu sich ran - die Szene war, wie wir sahen, jetzt auf mindestens
sieben Seiten angeschwollen, "und das bedeutet: wir müssen die basics
etablieren: Angst, Liebe, Hoffnung. Ich habe deshalb eine junge Mutter mit eingeführt,
die ihre kleine Tochter sucht, die sich ins Männerklo verlaufen hat, urmenschlicher
Konflikt", - der Koordinator wies auf seinen Atlatus, der ganz stolz nickte,
offenbar war der Einfall von ihm, "und diese Mutter traut sich dort natürlich
nicht rein. Sie bittet also den Bombenleger, nach ihrer Tochter zu schauen.
Im gleichen Moment aber kommt ein Handtaschenräuber, wirft die Mutter bei
dem Versuch, sie zu berauben, zu Boden, und unser Bombenleger... was sagt er
zu der Mutter?", fragte herausfordernd der Koordinator, erst uns, die wir
beide schwiegen, dann seinen Atlatus. "Vielleicht: Darf ich helfen, Gnä'
Frau", antwortete der sehr vorsichtig. Schnapp, schnapp. "Das sagt
er natürlich nicht!", donnerte der Koordinator, "er sagt im Sinne
der basics, die wir hier etablieren: Korinther 15, Vers 4. Tja. Tarantino. Philosophie
der Gewalt. Da erbleicht die Mutter natürlich, der Handtaschenräuber
aber auch. Klimax. Der Bombenleger fegt ihn mit seiner Magnum beiseite, rettet
das Mädchen, gibt dann der Klofrau die Mark, alles läuft - sehr hübsch
übrigens euer Einfall mit der bayerischen Mundart, aber sie sollte vielleicht
doch eher sagen: 'Vergelts Gott, der Herr' - tja - Purgatorium... und dann..."
Der Koordinator hatte den Faden verloren, wir auch, verlegenes Schweigen - der
Glatzkopf konnte uns nur noch zum Fahrstuhl bringen, wo wir einer lauen Sommernacht
und dem Entschluß entgegenfuhren, doch einmal wieder ganz vernünftig
an etwas Nettem zu arbeiten.
Als das Drehbuch auch noch durch die Hände des Ausstatters, des Produktionsleiters, der Produktionssekretärin und nochmal des Koordinators gegangen war, hatte schließlich die kleine Szene die Form eines mittleren Experimentalfilms angenommen. Vor und auf dem Klo einer Autobahnraststätte trafen, liebten und verfolgten sich: mehrere Lederschwule, eine rumäniendeutsche Klofrau, zwei Spanner vom Reinigungsdienst, eine Mutter mit Fünflingen, die sie ständig aus den Augen verlor, ein Vater mit seiner tennisschlägergeschulterten Tochter, die ihn laut des gehabten Inzestes beschuldigte, als Gastrolle Manfred Krug mit einer Werbung für die Bundesrentenanstalt...
Als aber einen Monat später gedreht wurde, waren bis auf den Redakteur
des geldgebenden Senders alle anderen längst gekündigt und die Szene
ganz wieder so wie am Anfang. Ohne ein Wort - weder bitte noch danke.